Saudi-Arabien: Müttern Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnen

Das Königreich Saudi-Arabien wandelt sich: Auf dem Weg in eine Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft möchte das Land seine vielen gut ausgebildeten Frauen stärker in den Arbeitsmarkt integrieren. Dafür könnte das Coaching- und Unterstützungskonzept des deutschen Modellprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ interessante Impulse geben.

Foto: Landkarte von Saudi-Arabien

Das aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Modellprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundesagentur für Arbeit könnte künftig in Saudi-Arabien als Vorbild für die Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt dienen. Auf der Suche nach passenden Konzepten veranstaltete das saudi-arabischen Arbeitsministeriums im Herbst 2013 eine Konferenz in Jeddah. Dr. Susanne Dreas vom Träger KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e.V. in Hamburg stellte dort das Modellprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ vor.

Unser Programm stieß auf große Beachtung und soll nun – zunächst als Modellprojekt –umgesetzt werden, freut sich Susanne Dreas. Jetzt gilt es zu prüfen, wie wir es am besten auf die Anforderungen in Saudi-Arabien abstimmen können. Denn die Lebensläufe der Mütter wiesen typischerweise andere Strukturen auf als hierzulande. Während deutsche Frauen vor der Familienphase überwiegend bereits Berufserfahrung erworben haben, ist das in Saudi-Arabien zumeist nicht der Fall. Saudi-arabische Frauen seien in der Regel zwar hoch gebildet. Rund 70 Prozent von ihnen verfügten über einen Hochschulabschluss. Doch die wenigsten gingen anschließend in den Beruf. „Meist heiraten die Frauen, bekommen Kinder und bleiben traditionellerweise zu Hause“, erklärt die Expertin.

Wandel zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft

In den letzten Jahren startete das saudi-arabische Königshaus jedoch eine Kampagne, um Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Land, dessen Reichtum bis heute weitgehend auf dem Öl-Export beruht, treibt angesichts der Endlichkeit dieser Ressource den Wandel zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft voran. Die vielen gut ausgebildeten Frauen werden in diesem Zusammenhang gebraucht. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber machten, so heißt es in Presseberichten, häufig gute Erfahrungen mit der Verlässlichkeit und dem Fleiß ihrer weiblichen Beschäftigten und sind an diesen Arbeitskräften interessiert. Seit 2006 sind sie zudem gesetzlich verpflichtet, zu 75 Prozent Einheimische zu beschäftigen. Durch dieses sogenannte Saudisierungsprogramm soll der derzeit sehr hohe Anteil zugewanderter Arbeitskräfte reduziert werden.

Strikte Geschlechtertrennung

Es gibt jedoch strukturelle Hürden, die die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt erschweren. Geschlechtertrennung ist ein wesentliches Merkmal der saudi-arabischen Gesellschaft, die vom Wahhabismus, einer strengen Form des Islam, geprägt ist. Ihre Religion verbietet Frauen den Umgang mit nicht verwandten Männern und umgekehrt. Für das Arbeitsleben bedeutet das in der Regel, dass Büros für Frauen und Männer auf verschiedenen Fluren oder in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht werden müssen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen die Möglichkeiten der Telekommunikation, um zusammen zu arbeiten. Die meisten Männer und Frauen halten überzeugt an dieser Tradition fest. Wer erstmals Frauen beschäftigen möchte, muss daher oft aufwändig an- bzw. umbauen, um das überhaupt möglich zu machen, berichtet Susanne Dreas.

Typische Frauenberufe

Bislang hatten Frauen nur Zugang zu einem sehr beschränkten Arbeitsmarkt. Die Mehrzahl der berufstätigen Frauen arbeitet als Lehrerinnen, Professorinnen, Journalistinnen, Bankkauffrauen oder im öffentlichen Dienst, berichtet Susanne Dreas. Heute steht ihnentheoretisch der gesamte Arbeitsmarkt offen. Seit 2004 dürfen Frauen eigene Unternehmen leiten. Rechtlich selbstständig sind Frauen jedoch nach wie vor nicht: In der Regel ist ihr Leben lang entweder der Vater, der Ehemann oder ein anderer männlicher Verwandter ihr Vormund.

Es gibt viele Vorbehalte gegen die Berufstätigkeit von Frauen in bestimmten Branchen, die vor allem daher rühren, dass vielfach die strikte Geschlechtertrennung schwer umzusetzen ist. Insgesamt sind nur zehn Prozent der über 15-jährigen Frauen in Saudi-Arabien berufstätig – einer der niedrigsten Werte weltweit. Dass viele Frauen arbeiten möchten, zeigt die hohe Zahl der erwerbslos gemeldeten Frauen. Die Frauenarbeitslosigkeit lag Ende 2013 bei 32 Prozent, die der Männer bei rund sechs Prozent.

Hürde: eingeschränkte Mobilität

Die Aufnahme einer Berufstätigkeit gestaltet sich für viele Frauen außerdem schwierig, weil es ihnen in den Städten verboten ist, selbst ein Auto zu steuern. Der öffentliche Personennahverkehr ist kaum ausgebaut, so dass sie auf einen Fahrer angewiesen sind. Einen Chauffeur zu bezahlen, können sich jedoch nur Besserverdienende leisten.

Mit Coaching und Fortbildungen unterstützen

Auch wenn die Rahmenbedingungen andere sind: Mütter, die in Saudi-Arabien in den Beruf einsteigen möchten, benötigen ähnlich wie deutsche Wiedereinsteigerinnen Coaching, Mentoring sowie Begleitung beim Weg in den Arbeitsmarkt, sagt Susanne Dreas. Außerdem sind Fortbildungen wichtig, die zum Beispiel EDV- und Englischkenntnisse, wirtschaftliches Grundwissen und Projektmanagementfähigkeiten vermitteln.

Ein anderes Thema werde in Saudi-Arabien aufgrund der geringen Müttererwerbstätigkeit noch wenig diskutiert: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Kinderbetreuungsinfrastruktur ist kaum ausgebaut. Nur rund zehn Prozent der Kinder besuchen eine Kindertagesstätte. Auch dieses Thema werden wir daher aufgreifen und von unseren Erfahrungen in Deutschland berichten, plant Susanne Dreas.

Links:

Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e.V.
Website

„Comeback - Perspektive-Wiedereinstieg“
Projektwebsite der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e.V.

Foto: fotolia.com/ Bastos

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