Interview mit Professor Herbert Schubert über Grundlagen der Netzwerkarbeit

Professor Herbert Schubert leitet das Forschungszentrum Sozial-Raum-Management an der Technischen Hochschule Köln und ist Experte für Aufbau und Gestaltung von Netzwerken. Perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit ihm über den Nutzen gezielter Vernetzung für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger sowie über Erfolgsfaktoren von Netzwerken, die Initiativen vor Ort knüpfen, um einen beruflichen Wiedereinstieg noch wirkungsvoller zu unterstützen.

Foto: Professor Herbert Schubert

perspektive-wiedereinstieg.de: Welchen Nutzen haben Netzwerke für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger?

Herbert Schubert: Untersuchungen belegen, dass persönliche Beziehungsnetze für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger eine wichtige Möglichkeit sind, Wege in den Beruf zu finden. In der Wissenschaft unterscheiden wir starke, emotional gesättigte Beziehungen, wie sie in Familien üblich sind, und schwache oberflächliche Beziehungen im Sinne von Bekanntschaften. Man weiß voneinander und kann bei Bedarf darauf zurückkommen. Es kann sehr hilfreich für den beruflichen Wiedereinstieg sein, solche schwachen Beziehungen gezielt aufzubauen. Das eröffnet neue berufliche Eintrittsmöglichkeiten und entwickelt Beziehungskompetenzen. Zunächst ist es oft eine Hürde, auf Unbekannte zuzugehen. Doch mit der Zeit stellt sich Übung ein und es gelingt immer leichter, sich auf dem Parkett des Netzwerkens zu bewegen. Sinnvoll ist es, Personen anzusprechen, die Zugänge in den Bereich eröffnen, in dem ich gerne tätig werden möchte. Gelegenheit dazu bieten zum Beispiel Tagungen oder Messen. Es ist dabei nicht wichtig, eine bestimmte „Zielperson“ kennenzulernen, sondern irgendjemanden, der sein eigenes Netzwerk für einen öffnet und einem so ein bislang verschlossenes gesellschaftliches Feld erschließt. Wir bezeichnen diese Personen als Gatekeeper (engl. Pförtner). Jeder bzw. jede kann diese Funktion erfüllen und anderen Wegweiser oder Wegweiserin in bestimmte Bereiche der Gesellschaft sein.

perspektive-wiedereinstieg.de: In welcher Weise ist Netzwerkarbeit für Menschen, Institutionen und Unternehmen sinnvoll, die berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger beraten, unterstützen, fortbilden oder beschäftigen wollen?

Herbert Schubert: Diese Gruppen arbeiten in sogenannten künstlichen Netzwerken zusammen, die sich von den persönlichen oder natürlichen Netzwerken unterscheiden, die ich eben beschrieben habe. Sie tun das, weil sie Probleme lösen können, indem sie kooperieren. Sie bauen gezielt Brücken zwischen Sektoren, die für ihre Zielgruppen - in diesem Fall berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger - sonst weitgehend unverbunden sind und ebnen damit Wege innerhalb eines Sektors oder von einem Sektor zum nächsten. Wichtig dabei ist, dass die Zusammenarbeit in konkrete Produkte mündet, die allen nützen. Zum Beispiel könnte das eine Wiedereinstiegs-Messe sein oder ein einheitliches, gemeinsam entwickeltes Datenblatt, mit dem sich interessierte Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger vorstellen und das Informationen enthält, die Beratungsstellen, Fortbildungsinstitute, die Arbeitsagentur und Unternehmen gleichermaßen für ihre Arbeit nutzen können.

perspektive-wiedereinstieg.de: Gibt es weitere Erfolgsfaktoren für Netzwerke?

Herbert Schubert: Ja, Netzwerke funktionieren nur, wenn alle Beteiligten einen Vorteil davon haben. Sie sind immer Tauschgeschäfte. In persönlichen Netzwerken erwirbt sich die Person, die eine andere unterstützt, auf informelle Weise ein „Sozialkapital“. Dieses Guthaben kann sie eventuell zu einem späteren Zeitpunkt einlösen. Oft ist es so, dass eine Person, die etwas in ein Netzwerk hineingibt, von einer ganz anderen Stelle wieder etwas zurück bekommt. In einem gut funktionierenden Netzwerk gleichen sich Geben und Nehmen dadurch aus. In künstlichen Netzwerken ist es ratsam, den Nutzen, den die Partnerinnen und Partner aus dem Netzwerk ziehen, genauer zu definieren und in einem Kooperationsvertrag festzuhalten. Außerdem definieren die Beteiligten klare Ziele für die Netzwerkarbeit und legen Schnittstellen fest. Sonst ist ein Netzwerk nicht produktiv. Wie wir es auch bei den natürlichen Netzwerken gesehen haben, geht es bei einer Vernetzung ja immer um eine Zusammenarbeit an Schnittstellen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie können Netzwerkpartnerinnen und -partner sicherstellen, dass Aufwand und Nutzen der Netzwerkarbeit in einem guten Verhältnis stehen?

Herbert Schubert: Wenn ein Netzwerk die beschriebenen Vorarbeiten gut gemacht hat und Ziele sowie Schnittstellen sauber herausgearbeitet sind, müssen oft nur noch sehr wenige Treffen mit dem gesamten Netzwerk stattfinden. Die meisten Themen lassen sich nämlich in wechselnden Zusammensetzungen von wenigen Beteiligten bearbeiten. Sie bauen dann die jeweils zwischen ihnen zu errichtenden Brücken oder setzen in ihrem Teilnetz gemeinsame Produkte um. Wichtig ist, dass diese Arbeiten immer wieder in das Gesamtnetzwerk kommuniziert werden und die gemeinsame Zielsetzung lebendig bleibt.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Herr Professor Schubert.

Link:

Technische Hochschule Köln: Forschungsschwerpunkt Sozial-Raum-Management
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Foto: FH-Köln 2012

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