Dörthe Jung im Interview: "Noch nicht alle Unternehmen haben die Qualitäten beruflicher Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger erkannt"

Die Diplom-Soziologin Dörthe Jung aus Frankfurt am Main hat das hessische Wiedereinstiegsprogramm "NeW Netzwerk Wiedereinstieg" wissenschaftlich begleitet und dafür Programmteilnehmerinnen sowie Unternehmens­vertre­terinnen und -vertretern nach ihren Wünschen und Erfahrungen gefragt.

Dörthe Jung, Foto: Foto-Studio Hoffmann, Frankfurt a.M.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Erwartungen an ihren künftigen Arbeitsplatz und die künftige Arbeitgeberin bzw. den künftigen Arbeitgeber formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am hessischen Wiederein­stiegsprogramm "NeW Netzwerk Wiedereinstieg"?

Dörthe Jung: Ich habe das Programm fast drei Jahre lang begleitet und Frauen in unterschiedlichen Phasen ihres beruflichen Wiedereinstiegsprozesses gesprochen. Die allermeisten Gesprächspartnerinnen – Männer waren nicht dabei – wünschten sich flexible, familienbewusste Arbeitszeitmodelle von ihrem künftigen Arbeitgeber bzw. ihrer Arbeitgeberin. Fast alle – auch solche mit älteren Kindern – planten zunächst einen beruflichen Wiedereinstieg mit reduzierter Arbeitszeit. Sie wollten ihr Stundenkontingent jedoch mittel- bzw. langfristig aufstocken und ihre beruf­liche Weiterentwicklung vorantreiben. In der Regel war es den Frauen ebenfalls wichtig, inhaltlich an ihr Studium, ihre Berufsausbildung bzw. ihre Tätigkeit vor der Familienphase anzuknüpfen. Die meisten Frauen stellten sich vor, künftig in einem kleinen oder mittelgroßen Unternehmen zu arbeiten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Erfahrungen machten die Teilnehmerinnen im Bewerbungsprozess?

Dörthe Jung: Viele Teilnehmerinnen berichteten von einer frustrierenden Bewer­bungsphase mit vielen Absagen auf ihre Initiativbewerbungen. Sie hatten den Eindruck, dass eine mehrjährige Familienzeit dazu führt, dass ihre Bewerbung direkt aussortiert wird. Mit Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen machten die Frauen bessere Erfahrungen. Durch das definierte Stellenprofil konnten sie ihre Bewerbung zielgenauer gestalten. Sie beschrieben dabei auch die Kompetenzen, die sie in der Familienphase erworben hatten. Einige stellten in dieser Zeit zum Beispiel ehren­amtlich große Projekte auf die Beine. Damit konnten sie Managementer­fahrung dokumentieren. Das erleichterte es auch Teilnehmerinnen mit ausgedehnten Fami­lienphasen, den beruflichen Anschluss zu finden. Die Frauen berichteten über­ein­stimmend, dass ihnen die Unterstützung durch das Coaching und die Kurse im Rahmen des Programms "NeW Netzwerk Wiedereinstieg" sehr geholfen haben. Sie lernten zum Beispiel, wie sie ihre Bewerbung zielführend gestalten und wie sie sich in Vorstellungsgesprächen überzeugend präsentieren können. Je länger die Teilnehmerinnen beruflich pausiert hatten, desto wichtiger waren die Unter­stüt­zungs­angebote des Programms für sie

perspektive-wiedereinstieg.de: Sie sprachen auch mit Unternehmen über ihre Haltung zu und ihre Erfahrungen mit beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern. Wer waren ihre Gesprächspartnerinnen und -partner und was berichteten sie?

Dörthe Jung: Ich habe Intensivinterviews mit einer Reihe kleiner und mittlerer Unternehmen aus den Branchen Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung, Einzelhandel, Chemie, Finanz- und Ressourcenmanagement sowie Marketing und Wissen­schafts­kommunikation durchgeführt. Außerdem waren eine gemeinnützige Organisation aus dem sozialen Bereich und öffentliche Institutionen aus den Sparten Gesundheit sowie Wissenschaft & Forschung vertreten. Meine Ergebnisse sind aufgrund der kleinen Anzahl der Unternehmen nicht repräsentativ. Sie geben aber einen guten Einblick: Das Feld spaltete sich klar in zwei Lager. Es war intere­ssant zu sehen, dass Unternehmen in Bereichen, in denen Fachkräftemangel zu spüren ist, sowie solche, die von Frauen geführt werden, mittlerweile auf eine demografie-sensible und familienfreundliche Personalpolitik setzen – ob sie das nun so nennen oder nicht. Es war schon außergewöhnlich, was ich da teilweise gehört habe: Gestaffelte Arbeitszeiten, unterschiedlichste Teilzeitmodelle, Home-Office-Angebote und gezielte betriebliche Karriereplanung für Teilzeitkräften. Mit zahlreichen Angeboten schaffen sie gute Rahmenbedingungen, damit ihre Beschäf­tigten Beruf und Familie bzw. andere individuelle Lebensbereiche vereinbaren können. Diese Unternehmen haben berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger als Zielgruppe für ihre Personalsuche im Blick. Sie erkennen die Potenziale, die Frauen und Männer nach Familienphasen mitbringen und berichten durchweg von positiven Erfahrungen mit dieser Beschäftigtengruppe.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Chancen haben berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger bei den weiteren Unternehmen, mit denen Sie sprachen?

Dörthe Jung: Bei diesen Unternehmen stieß ich vielfach auf Vorbehalte gegenüber beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern. Den häufig geäußerten Wunsch, in Teilzeit zu arbeiten, werten die Personalabteilungen bzw. Unterneh­mens­leitungen zum Beispiel mehrheitlich als Hinweis darauf, dass die Familie im Vordergrund steht. Sie nehmen an, dass dann nur ein unterdurch­schnittliches berufliches Engagement zu erwarten ist. Und sie bestä­tigten die Einschätzung mancher Programmteilnehmerin: Sie sagten, dass sie Bewerbungen von Menschen mit längeren Erwerbspausen oft schnell aussortierten. Interessant ist, dass sich diese Betriebe gleichwohl inzwischen verstärkt um ihre eigenen potenziellen Berufsrückkehrinnen und -rückkehrer bemühen und ihnen interessante Angebote machen. Sie möchten diese Kräfte, die das Unternehmen bereits gut kennen, nach einer Familienphase möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückholen. Meine Gesprächspartnerinnen und -partner berichten, dass Berufs­rückkehrinnen und -rückkehrer dann vielfach sehr zielorientiert, konzentriert und gut organisiert arbeiten und sie sehr zufrieden sind. Daraus ziehen sie jedoch bislang noch nicht den Schluss, vermehrt externe berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wieder­ein­steiger für ihre offenen Stellen zu berücksichtigen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Maßnahmen könnten dazu beitragen, dass Unternehmen, wie Sie sie gerade beschrieben haben, berufliche Wiederein­steiger­innen und Wiedereinsteiger bei der Personalgewinnung in den Blick nehmen?

Dörthe Jung: Damit Betriebe die Potenziale beruflicher Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger erkennen, sind sicherlich Sensibilisierungskampagnen hilfreich. Im Rahmen kommunaler Demografiestrategien könnte es zum Beispiel Runde Tische mit Beteiligung von Unternehmen geben. In diesen Kreisen ließe sich beruflicher Wiedereinstieg hervorragend thematisieren. Gut wäre es auch, wenn sich Unter­nehmensverbände, die Industrie- und Handels- sowie die Handwerks­kam­mern das Thema zu eigen machten. Sie haben den direkten Kontakt zu den Betrieben und genießen eine hohe Glaubwürdigkeit. Die Liste der Möglichkeiten ließe sich noch fortsetzen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was raten Sie Unternehmen, die berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger gewinnen möchten?

Dörthe Jung: Die Einführung von Arbeitsmodellen, die möglichst viel zeitliche und örtliche Flexibilität ermöglichen und es Beschäftigten dadurch erleichtern, berufliche mit anderweitigen Verpflichtungen in Einklang zu bringen, steht aus meiner Sicht ganz oben auf der Liste. Bei der Ausschreibung ihrer Stellen könnten Unternehmen das Internet stärker einbeziehen. Dort suchen berufliche Wieder­einsteigerinnen und Wiedereinsteiger nämlich vor allem nach Angeboten. Meine Gespräche ergaben jedoch, dass viele kleine und mittlere Unternehmen, um neue Beschäftigte zu gewinnen, vor allem auf ihre Netzwerke und Mund-zu-Mund-Propaganda vertrauen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was können aus ihrer Sicht berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger tun, um ihre Erfolgsaussichten am Arbeitsmarkt zu erhöhen?

Dörthe Jung: Meine Auswertungen zeigten, dass es zumeist wichtig ist, sich in Bezug auf das Computerwissen auf den neuesten Stand zu bringen. Die Ent­wicklungen in der Branche, in der man tätig werden möchte, mitzuverfolgen – zum Beispiel über entsprechende Newsletter, den Wirtschaftsteil der Zeitung oder eine Mitgliedschaft in Branchen-Netzwerken bzw. -verbänden – erwies sich eben­falls als vielfach zielführend. Wer einen beruflichen Wiedereinstieg anstrebt, erhöht die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, außerdem, indem er bzw. sie die Flexibilität, die von einem Arbeitgeber oder einer Arbeitgeberin erwartet wird, auch selbst mitbringt und in Bezug auf die angestrebten Arbeitszeiten verhand­lungs­be­reit ist.

Dass Beharrlichkeit sowie eine professionelle Unterstützung im Wiedereinstiegs­prozess in den meisten Fällen zum Erfolg führen, zeigen die Zahlen des Projekts „NeW Netzwerk Wiedereinstieg“. Knapp zwei Drittel der Teilneh­merinnen, die das Projekt verließen, hatten einen Arbeitsplatz gefunden bzw. sich selbstständig gemacht. Rund ein Drittel entschied sich für eine fachliche Weiterqualifizierung bzw. befand sich noch in der Bewerbungsphase. Nur etwa zehn Prozent der Teilnehmerinnen verließen das Netzwerk, ohne ihre beruflichen Wiedereinstiegs­pläne realisiert zu haben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank, Frau Jung, für das interessante Gespräch.

Links:

Dörthe Jung Unternehmensberatung

„Fachkräftemangel: ‚Zeitenwende für den beruflichen Wiedereinstieg?’. Abschlussbericht der Evaluation von NeW Netzwerk Wiedereinstieg“
Publikation der Dörthe Jung Unternehmensberatung (Februar 2013)

Foto: Foto-Studio Hoffmann, Frankfurt a.M.

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