Interview: Equal-Pay-Beraterin Beate Kneer informiert und berät zum Thema Entgeltgleichheit

Im Jahr 2014 nahm Beate Kneer als eine von 14 Teilnehmerinnen am vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Pilotprojekt des Deutschen LandFrauenverband e.V. (dlv) teil (perspektive-wiedereinstieg.de berichtete) und schloss zwischenzeitlich erfolgreich die Qualifizierung zur Equal-Pay-Beraterin ab. Zwölf Monate danach spricht perspektive-wiedereinstieg.de mit Beate Kneer über ihre Erfahrungen, die sie im Rahmen ihrer Beratungstätigkeit zu dem gesellschaftlich relevanten Thema Entgeltungleichheit macht.

Foto: Beate Kneer

perspektive-wiedereinstieg.de: In Ihrem Beratungsprofil auf der Website www.lohn-gleichheit.de des dlv wird die Bandbreite der Fachkenntnisse deutlich, die das Thema Entgeltgleichheit umfassen und die Sie in Ihren Vorträgen und Beratungen einfließen lassen. Wie war es Ihnen möglich, in so kurzer Zeit eine so umfassende Expertise zu entwickeln?

Beate Kneer: Die Qualifizierung zur Equal-Pay-Beraterin war inhaltlich sehr umfangreich. In ca. 200 Stunden mit theoretischem Unterricht und einer anschließenden halbjährigen Praxisphase haben wir uns beispielsweise intensiv mit den Ursachen des Gender Pay Gap (Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern), Geschlechterstereotypen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Müttererwerbstätigkeit und beruflichem Wiedereinstieg beschäftigt. Wir haben Grundlagen der Beratungstätigkeit kennengelernt und dabei umfangreiche Methodenkompetenzen erworben. Die Qualifizierung wurde vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer (SoWitra) entwickelt und durchgeführt. Das Ausbildungsteam hat uns ausgezeichnet angeleitet. Zusätzlich haben wir in Arbeitsgruppen, durch Hausarbeiten und eigene Recherchen im Internet die Themen vertieft. Das war echte Arbeit. Unsere Arbeitsergebnisse haben wir in Präsentationen aufbereitet, der Gruppe vorgestellt und miteinander diskutiert. Besonders gefallen hat mir, wie die Teilnehmerinnen mit ihren unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und Lebenserfahrungen die Themen bereichert haben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Es werden regelmäßig Statistiken zur Lohnlücke zwischen Frauen und Männern veröffentlicht. Haben Sie im Rahmen der Qualifizierung auch gelernt, Statistiken auszuwerten?

Beate Kneer: Ja, wir haben uns intensiv mit dem Thema Statistik beschäftigt. Wie man sie auswertet: Was steckt hinter den Zahlen? Wer will was bewegen? Wer ist Autor oder Autorin der Statistik? Wir haben gelernt, sie regelrecht auseinander zu pflücken, Fakten zu verstehen, aber auch, uns eine eigene Meinung zu bilden.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Reaktionen erhalten Sie im Rahmen Ihrer Veranstaltungen zu den Themen Entgeltungleichheit und Rollenbilder?

Beate Kneer: Ich habe schon häufiger Vorträge gehalten und bekomme unterschiedliche Reaktionen. Teilweise können Frauen – vor allem aus der älteren Generation – aus eigener Erfahrung berichten, dass sie weniger als männliche Kollegen verdienen. Die Frauen der jüngeren Generation sagen häufiger von sich: ‚Gehaltsverhandlungen, Altersvorsorge – das machen wir schon längst.‘

perspektive-wiedereinstieg.de: Heißt das, dass sich hier etwas gesellschaftlich verändert?

Beate Kneer: In der Tat erleben wir derzeit einen Wandel: Das Alleinernährermodell verliert an Bedeutung. Auch das Bild: Mann ist Ernährer, Frau ist Zuverdienerin ist häufig so nicht mehr richtig. Zumindest die jüngere Generation legt mehr Wert auf Gleichberechtigung. Allerdings wenn Kinder kommen, tauchen die Fragen auf: Wer kümmert sich um die Kinder? Wer arbeitet wieviel? Wer arbeitet (langfristig) in Teilzeit?

Dann kann es sein, dass die Frauen diese Fragen – wie schon die älteren Generationen – traditionell beantworten und die Familienarbeit übernehmen. Das geht dann oft zu Lasten ihrer beruflichen Entwicklung, so dass sie auf lange Sicht durch die Familienphasen und ggf. lange Teilzeiterwerbstätigkeit weniger verdienen. In den letzten Jahren hat sich die Gesetzgebung jedoch positiv in Richtung mehr Chancengleichheit entwickelt zum Beispiel durch das neue ElterngeldPlus oder die bestehenden Möglichkeiten, in (vollzeitnahe) Teilzeit wieder in den Beruf zurückzukehren. Positiv ist, dass die Erziehung der Kinder heutzutage partnerschaftlich angegangen wird. Heute wird eher darüber gesprochen, dass Väter Elternzeit nehmen. Das ist kein Tabu mehr. Da führen Mütter und Väter jetzt Gespräche miteinander. Nach meiner Erfahrung gilt: Nur wenn beide, Mutter und Vater, mit der Lösung zufrieden sind, kann auch die Beziehung profitieren. Es darf sich niemand benachteiligt fühlen. Sonst kommt ein Riss in die Partnerschaft, nicht unbedingt sofort, aber irgendwann. Deshalb ist es wichtig, sich gut abzusprechen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Mit welchen Themen befassen Sie sich aktuell?

Beate Kneer: Wir (Ortsverband Wülfrath im Rheinischen Landfrauenverband) bereiten zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten von Wülfrath den nächsten Equal-Pay-Day vor. Mit diesem Tag wird jährlich bundesweit auf den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied aufmerksam gemacht. In diesem Jahr findet der Aktionstag am 19. März statt. Wir sind mit einem Informationsstand in der Fußgängerzone vertreten. Demnächst gehen wir in die achten Klassen der weiterführenden Schulen hier am Ort und informieren junge Mädchen, Schülerinnen, zur Berufswahl, ermutigen sie, ihre Potenziale in den Blick zu nehmen, sich bewusst zu machen, dass sie oft mehr können, als sie von sich denken, dass sie bei der Berufswahl auch auf das Gehalt achten sollen, weil Frauenberufe oft noch schlechter bezahlt werden.

perspektive-wiedereinstieg.de: Viele Frauen und Männer wählen ihren Beruf häufig nach eher traditionellen Vorstellungen aus. So entstehen frauen- und männertypische Berufe. Empfehlen Sie den Frauen und Männern in Ihren Beratungen denn, Rollenstereotype zu verlassen und neue Wege einzuschlagen?

Beate Kneer: Wenn jemand fest von dem überzeugt ist, was sie oder er tun möchte, dann möchte ich niemanden komplett ummodeln. Aber ich rege an, zumindest einmal nachzudenken, welches Rollenverständnis dahinter steht und welche Auswirkungen diese Entscheidung auf das Gehalt haben könnte. In der Ausbildung hat eine Kollegin mit Gewerkschaftshintergrund ein Beispiel gebracht, was ich sehr anschaulich finde: In den 60er Jahren gab es Sekretäre, die überdurchschnittlich gut verdient haben. Dann wurde der Beruf immer weiblicher und die Gehälter entwickelten sich nach unten. Wenn Männer in „Frauenberufe“ gehen, werden sich die Gehälter nach oben entwickeln, zwar nicht sofort, aber doch über eine gewisse Zeit.

perspektive-wiedereinstieg.de: Sie bieten auch Informationen für Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen über den Vergleich und die Bewertung von Stellen (eg-Scheck-Verfahren). Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Beate Kneer: Meine Rolle hier ist, auf das Verfahren aufmerksam zu machen. Für die Durchführung im Betrieb hole ich mir eine Kollegin oder einen Kollegen zur fachlichen Unterstützung, denn das Verfahren ist recht aufwändig. Die Unternehmensleitung muss bereit sein, sich auf einen Prozess der Stellenbewertung und der Transparenz im Betrieb einzulassen. Auch die Fachleute aus der Personalabteilung sind intensiv eingebunden.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welchen Rat würden Sie unseren Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern mit auf den Weg geben?

Beate Kneer: Dranbleiben. Was ist mir der berufliche Wiedereinstieg wert. Sich realistisch einschätzen: Wieviel Zeit habe ich zur Verfügung, welche Möglichkeiten ergeben sich für mich daraus? Ich selbst habe vier Kinder, die Ältesten sind jetzt volljährig. Natürlich habe ich zwischendurch immer wieder gedacht, jetzt gehe ich wieder arbeiten. Aber ich war hier zuhause gefordert und ich kann mich auch nicht kaputt machen.

Wenn die Kinder größer sind, muss man etwas tun. Dazu muss man sich selbst motivieren oder sich Unterstützung suchen, von Freundinnen oder Freunden oder einer Equal-Pay-Beraterin (lacht). Man braucht jemandem, der oder die einem Mut zuspricht. Die Familie ist oft nicht die große Unterstützung, weil natürlich die Angst da ist, dass die Aufgaben umverteilt werden, dass sie jetzt mit anpacken müssen.

Ich war im Rahmen meiner Tätigkeit auf zwei Veranstaltungen für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger und habe erlebt: Die Frauen sind ängstlich. Sie denken, sie können nichts nach so vielen Jahren in der Familie. Und das stimmt so einfach nicht. Die Frauen müssen mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Und das gilt es zu fördern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Kneer, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Links:

www.lohn-gleichheit.de
Website vom Deutschen LandFrauenverband e.V.

Profile der Equal-Pay-Beraterinnen 

eg-Scheck-Verfahren der Hans-Böckler-Stiftung

Perspektive-wiedereinstieg.de:

Beate Kneer wird Equal-Pay-Beraterin

Buch: "Sieben Jahre Equal Pay Day"

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Foto: Katja Klapproth

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