Beruflicher Wiedereinstieg im ländlichen Raum

Rahmenbedingungen auf dem Lande machen einen beruflichen Wiedereinstieg häufig zu einer besonderen Herausforderung. Der Deutsche LandFrauenverband unterstützt interessierte Frauen und Männer mit Fortbildungsmaßnahmen und setzt sich in Politik und Wirtschaft für eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie für mehr Familienfreundlichkeit vor Ort ein. Perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit der Präsidentin des LandFrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern, Juliane Vees.

Foto: Juliane Vees

Rund 90 Prozent der Fläche Deutschlands gilt als „ländlicher Raum“. 44 Millionen Menschen - also über die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung - leben dort. Die weit verbreitete Annahme, dass in dünn besiedelten Regionen die Mehrheit der Menschen Voll- oder zumindest Nebenerwerbslandwirtinnen und -wirte seien, ist falsch. Ihr Anteil liegt weit unter fünf Prozent. In den meisten Dörfern gibt es nur noch ein bis zwei Höfe, sagt Juliane Vees, Präsidentin des LandFrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern. Die Menschen, die auf dem Lande leben, gehen den unterschiedlichsten Berufen nach und pendeln dazu vielfach zu ihren Arbeitsplätzen in sogenannte „Mittelzentren“ oder in die Großstädte. Am Landleben reizt sie oft die Nähe zur Natur, die größeren Freiheiten für ihre Kinder, der soziale Zusammenhalt in einer Dorfgemeinschaft und die Möglichkeit, sich dort auch als Durchschnittsverdienerin oder -verdiener ein eigenes Haus leisten zu können. Eine in der Zeitschrift „Land in Form“ (Ausgabe 1-2013) des Netzwerks ländliche Räume zitierte Allensbach-Umfrage bestätigt die Lebensqualität auf dem Land: In ländlichen Regionen bezeichnen sich 53 Prozent der Menschen als überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben. In Großstädten sind es 41 Prozent.

Problematik: Lange Wege und wenig öffentliche Busse und Bahnen

Steht ein beruflicher Wiedereinstieg an, kann dieser Schritt auf dem Lande jedoch zu einer besonderen Herausforderung werden, denn der Arbeitsmarkt ist sehr viel begrenzter und die Wege vielfach lang, sagt Juliane Vees. Das betrifft nicht nur Fahrten zu einem möglichen Arbeitsplatz, sondern oft auch zu Kindertagesstätten und vor allem zu (weiterführenden) Schulen. Wer besondere Dinge einkaufen oder eine Ärztin bzw. einen Arzt besuchen möchte, muss dafür oftmals ebenfalls weit fahren. Der öffentliche Personennahverkehr deckt die daraus resultierenden Mobilitätsbedürfnisse zumeist nur sehr unzureichend ab. Auch Kinder und hilfebedürftige Menschen müssen daher vielfach mit dem Auto gefahren werden – eine Aufgabe, die zumeist die Frauen übernehmen, berichtet Juliane Vees. Wie die FamilienForschung Baden Württemberg im Statistischen Landesamt mitteilte, sind Frauen auf dem Lande dennoch häufiger erwerbstätig, als solche in der Stadt. Sie arbeiteten erfahrungsgemäß jedoch sehr viel öfter in Teilzeit, berichtet Juliane Vees.

Verband macht Lösungsvorschläge

Telearbeit könnte zeitraubende Fahrten teilweise überflüssig machen, sagt Juliane Vees. Doch vielerorts fehle die Anbindung an das Breitbandnetz, das die schnelle Übermittlung von Daten gewährleistet. Wir Landfrauen setzten uns bereits 2002 mit Unterschriftenaktionen für einen Ausbau dieser Netze ein. Inzwischen steht das Thema oben auf der politischen Agenda, so die Präsidentin. Auf eine Ausweitung der Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs zu setzen, sei angesichts sinkender Bevölkerungszahlen auf dem Lande eher unrealistisch. In Regionen wie dem Saarland, wo der Bevölkerungsschwund bereits zur Aufgabe ganzer Dörfer zwinge, würden neue Selbsthilfe-Konzepte erprobt. Seniorinnen bzw. Senioren übernehmen zum Beispiel mit ihren PKW‘s Fahrdienste für andere. Wir informieren uns über solche Projekte und überlegen, was davon in unserer Region Württemberg-Hohenzollern ebenfalls sinnvoll und umsetzbar sein könnte, berichtet Juliane Vees.

Umfangreiches Seminarangebot in Ortsvereinen

Mit 430 Kreis- und 12.000 Ortsvereinen im ganzen Bundesgebiet besitzt der Deutsche LandFrauenverband e.V. sehr dezentrale Strukturen und ist eine gute Anlaufstelle für Frauen, die einen beruflichen Wiedereinstieg planen. Um das breite Bildungs- und Seminarangebot vor Ort, das der Verband zu Selbstkostenpreisen anbietet, nutzen zu können, ist eine Mitgliedschaft nicht nötig. Im Angebot sind zum Beispiel Schulungen und Workshops zu Themen wie „Rhetorik“, „Persönlichkeitsbildung“ oder „Takt und Stil“ aber auch Computer- oder Fremdsprachenkurse. Im Rahmen von besonderen Projekten, die zumeist von Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz oder von Landesministerien gefördert werden, bietet der Deutsche LandFrauenverband Hilfe beim beruflichen Wiedereinstieg oder beim Schritt in die Selbstständigkeit an. „Im Zuge einer Neuausrichtung oder der Schaffung zusätzlicher Einnahmequellen in landwirtschaftlichen Betrieben gibt es spannende Möglichkeiten für selbstständiges Arbeiten zum Beispiel in der Gästebetreuung“, sagt Juliane Vees.

Qualifizierung für hauswirtschaftliche Familienbetreuung

Eine spezielle Qualifizierung zur hauswirtschaftlichen Familienbetreuerin bzw. zum hauswirtschaftlichen Familienbetreuer, die die baden-württembergischen LandFrauenverbände in Kooperation mit dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz anbieten, richtet sich an Personen, die nach einer Erwerbsunterbrechung einen neuen beruflichen Anknüpfungspunkt im sozialen Bereich suchen und dabei in der Familie erworbenes Wissen nutzen möchten. „Anschließend sind sie zum Beispiel in Altenheimen, für Sozialstationen oder direkt für Familien tätig. Durch ein integriertes Praktikum bekommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Kontakt zu möglichen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern“, berichtet Juliane Vees.

Fortbildung zur „Botschafterin für Agrarprodukte aus der Region“

Ebenfalls beliebt sei eine Fortbildung zur Botschafterin für Agrarprodukte aus der Region. Das sei ein niedrigschwelliges, vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz gefördertes Angebot des LandFrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern, das Menschen mit landwirtschaftlicher Erfahrung neue Erwerbsmöglichkeiten eröffne und in ähnlicher Form auch in anderen Regionen Deutschland angeboten werde. Die Botschafterinnen präsentieren landwirtschaftliche Produkte auf Messen, bei Aktionstagen und im Lebensmitteleinzelhandel, erklären Hintergründe und geben Verarbeitungstipps. Die Erzeugerinnen und Erzeuger der Produkte sowie der Einzelhandel fragen diese Dienstleistung nach. Viele Absolventinnen der Fortbildung schätzen an dieser Tätigkeit auf Honorarbasis besonders, dass sie selbst steuern können, wie viel sie arbeiten wollen. Das ist für viele berufliche Wiedereinsteigerinnen ein wichtiger Aspekt, berichtet die Verbandspräsidentin.

Lobbyarbeit: Möglichkeiten für beruflichen Wiedereinstieg schaffen

Um die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt für Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger zu verbessern, leisten die Landfrauen Lobbyarbeit in Politik und Wirtschaft. Viele Unternehmen, die ihren Sitz auf dem Land haben, sind sehr aktiv, um qualifizierte Beschäftigte für sich zu gewinnen und sie zu halten. Schon früh versuchen sie Jugendliche für ihr Unternehmen und einen passenden Beruf zu interessieren. Zum Beispiel mit betrieblichen bzw. betriebsnahen Kinderbetreuungsangeboten engagieren sich viele dafür, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Beruf und Familie gut vereinbaren können. Mit Informationsveranstaltungen zusammen mit den Industrie- und Handelskammern machen wir Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auf das Potenzial der beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger aufmerksam und informieren sie, wie sie diese Gruppe in ihre Strategien zur Personalgewinnung einbinden können, erklärt Juliane Vees.

Mehr Frauen in der Kommunalpolitik könnten Rahmenbedingungen verbessern

Auf politischer Ebene könnten sich Rahmenbedingungen wie die Mobilitätsproblematik, unter der vor allem Frauen leiden, schneller verbessern, wenn mehr Frauen politische Ämter in Gemeinden und Landkreisen übernehmen würden, meint Juliane Vees, die selbst als Kreisrätin tätig ist. Ich bin hier beispielsweise die einzige Frau unter 43 Männern und wünsche mir mehr Geschlechtsgenossinnen in der Lokalpolitik. Unser Verband unterstützt Interessierte mit entsprechenden Bildungsangeboten. Ich möchte Frauen Mut machen, politisches Engagement als Wachstumschance für sich zu nutzen und das gesellschaftliche Leben aktiv mit zu gestalten.

Links:

“Willkommen im ländlichen Raum”
Informationen auf der Website des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

dvs Netzwerk ländliche Räume
Homepage

LandinForm 1-2013, Zeitschrift des dvs Netzwerks ländliche Räume zum Thema „Familie.Land.Leben“
Zum Download auf der Website des Netzwerks ländliche Räume

Deutscher LandFrauenverband e.V.
Bundesverband, Homepage

LandFrauenverband Württemberg-Hohenzollern
Homepage

Qualifizierung zur „Hauswirtschaftlichen Familienbetreuerin“
Informationen auf der Website des LandFrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern

Weiterbildung zur „Botschafterin für Agrarprodukte aus der Region“
Informationen auf der Website des LandFrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern

Frauen in die Kommunalpolitik: Helene Weber-Kolleg und Helene Weber-Preis
Informationen auf der Website der EAF Berlin,  Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin e.V. 

Foto: dlv

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