Corona-Spezial: Agieren der ESF-Standorte „Perspektive Wiedereinstieg“ in Zeiten der Pandemie - Teil 6

Den Beratungsalltag aufrechterhalten und den beruflichen Wiedereinstieg trotz erschwerter Bedingungen weiter vorantreiben: Digitale Medien, entsprechende Kompetenzen und technische Voraussetzungen haben während der Corona-Pandemie für Projektträger und Teilnehmende an den ESF-Standorten „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ (PWE) an Bedeutung gewonnen. Michael Traschütz-Lenz, Berater am ESF-Standort Bad Neuenahr-Ahrweiler, berichtet in unserer Artikelserie „Corona-Spezial“, mit welchen Alltagsbelastungen PWE-Teilnehmende während der Krise konfrontiert waren bzw. sind und wie es dem Träger durch digitale Kommunikationsformen gelungen ist, eine bestmögliche Begleitung rund um den beruflichen Wiedereinstieg zu gewährleisten.

Kaffeetasse, Laptop, Schreibblock und Kugelschreiber auf einem Holztisch

perspektive-wiedereinstieg.de im Gespräch mit Michael Traschütz-Lenz, Berater, „Perspektive Wiedereinstieg“- Bad Neuenahr-Ahrweiler, Gesellschaft für Berufsbildung und Berufstraining mbH (GBB)

 Foto: Michael Traschütz-Lenz, Berater,  „Perspektive Wiedereinstieg“- Bad Neuenahr-Ahrweiler, GBB

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Kompetenzen konnten Sie in Zeiten der Corona-Pandemie bei den Wiedereinsteigenden besonders stärken?

Michael Traschütz-Lenz: Ausschlaggebend für die Fortsetzung unserer Beratungsarbeit war die rasche Umstellung der Angebote auf digitale Medien. Schnell machten wir allerdings die Erfahrung, dass dieses Angebot allein nicht ausreicht. Wir mussten unsere Teilnehmenden in die Lage versetzen, die digitalen Angebote auch nutzen zu können. Daher haben wir gleich zu Beginn der Pandemie ein Angebot für all diejenigen konzipiert, die wenig bzw. keine Erfahrungen mit digitalen Medien oder Online-Bewerbungsverfahren hatten. Diese Maßnahme bot die Chance, digitale Kompetenzen zu erwerben und sich quasi nebenbei für die Arbeitswelt weiter zu qualifizieren. Unter dem Motto „Learning-by-doing“ führten wir zusätzlich einen Technik-Support ein. Gemeinsam mit unseren Teilnehmenden konnten wir so Probleme, die bei der Nutzung digitaler Medien auftraten, lösen. Waren die fachlichen und technischen Hindernisse erst einmal überwunden, hatten die Teilnehmenden erstaunlich wenig Schwierigkeiten, sich auf die digitale Form der Beratung umzustellen und machten rege von dem neuen Angebot Gebrauch, um die Herausforderungen der Krise produktiv zu überbrücken. Für Frauen und Männer mit schulpflichtigen Kindern hatte unser Vorgehen einen weiteren positiven Effekt. Sie konnten ihre neu erworbenen Fähigkeiten einsetzen, um ihre Kinder beim Homeschooling zu unterstützen.  

perspektive-wiedereinstieg.de: Die Pandemie beherrscht unseren Alltag seit geraumer Zeit, was hat sich in der Begleitung von Wiedereinsteigerinnen und
–einsteigern verändert?

Michael Traschütz-Lenz: Die Beratungsarbeit hat sich in quantitativer als auch thematischer Hinsicht durch die Corona-Pandemie stark verändert. Die Beratungsthemen kreisen weniger um den direkten Wiedereinstieg als vielmehr um die Bewältigung der vielfältigen krisenbedingten Herausforderungen. Seit Anfang des Jahres 2020 gibt es keine Planbarkeit hinsichtlich der Kinderbetreuung, das hat natürlich einen starken Einfluss auf den Wiedereinstiegsprozess von Frauen und Männern mit Kita- und oder Schulkindern. Während der ersten Lockdown-Phase herrschte noch große Geschäftigkeit, die ausgefallene Kinderbetreuung zu kompensieren, das Homeschooling zu organisieren und teilweise auch die Organisation mit Partnerin bzw. Partner und Kindern im Homeoffice in den Griff zu bekommen. Dieser Aktionismus wich mit zunehmender Dauer der Pandemie. Die Belastungen bzw. Überforderungen durch Kinderbetreuung und Homeschooling, gepaart mit der Sorge um Angehörige und der Angst vor dem Virus nahmen zu. Verstärkt trat dies bei Personen mit Pflegeverpflichtungen auf. Natürlich sollten die Angehörigen keinem unnötigen gesundheitlichen Risiko durch eigene Kontakte und Aktivitäten außerhalb der Familie ausgesetzt werden.

Auch ehemalige Ratsuchende, die durch PWE den Wiedereinstieg in früheren Jahren geschafft hatten, wandten sich wieder an uns. Sie benötigten Beratung, da sie entweder von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht waren. Frauen in unserer Region arbeiten immer noch deutlich häufiger als Männer in prekären Beschäftigungsverhältnissen. In Krisensituationen sind sie die ersten, die ihre Jobs verlieren. Selbst wenn sie zu der privilegierten Gruppe der Frauen gehören, die durch Kurzarbeitergeld abgesichert sind, reicht es bei einer Teilzeitstelle oder einer schlecht entlohnten Vollzeitstelle nicht zur Existenzsicherung aus. In diesem Punkt beleuchtete Corona wie durch ein Brennglas die nach wie vor bestehende Ungleichheit in Bezug auf die beruflichen Chancen und die Existenzsicherung. Deutlich zugenommen hat übrigens auch die Nachfrage nach Information und Unterstützung bei der Beantragung finanzieller Hilfen, wie zum Beispiel Kinderzuschlag oder Wohngeld.

perspektive-wiedereinstieg.de: Erschwert die Corona-Krise den Weg zurück in den Beruf?

Michael Traschütz-Lenz: Viele der oben genannten Faktoren führten zu einer starken Verunsicherung und der Frage, wie bzw. ob es in Zeiten von Corona möglich ist, beruflich wieder Fuß zu fassen. Frauen – und auch Männer - mit Kita- oder Schulkindern mussten ihre Bemühungen, beruflich wiedereinzusteigen, teilweise reduzieren oder ihre Wiedereinstiegspläne notgedrungen verschieben. Deutlich festzustellen war im Verlauf der Krise, dass sich alte Rollenmuster reaktivierten. Frauen berichten, dass sie sich durch die Krisensituation in die alte Rollenverteilung in der Familie zurückgedrängt fühlten. Die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen lag in vielen Fällen wieder in ihrer alleinigen Verantwortung, ebenso wie die Erledigung des überwiegenden Anteils der Hausarbeit. Dies wurde uns selbst von den Frauen berichtet, die wie ihre Partner im Homeoffice arbeiten. Auch der Arbeitsmarkt bot für Wiedereinstiegsinteressierte über das Jahr gesehen nicht allzu viele Chancen. Kurzarbeit und Entlassungen, insbesondere im Bereich der Teilzeit- und Minijobs nahmen zu, sodass sich aus der Sicht vieler Frauen die Perspektiven auf einen zeitnahen beruflichen Wiedereinstieg verschlechterten. Trotz der unklaren Entwicklung des Arbeitsmarktes ermutigten wir unsere Teilnehmenden, zu sondieren, welche Berufsfelder mögliche Perspektiven für den Wiedereinstieg bieten und wie sich die Zeit konstruktiv nutzen lässt, um sich mit der zukünftigen Erwerbstätigkeit oder einer diesbezüglichen Weiterbildung auseinanderzusetzen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Steht der Wiedereinstieg an Ihrem Standort aktuell im Fokus?

Michael Traschütz-Lenz: Wie verzeichnen einen Rückgang der Zahlen bei den Teilnehmerinnen und -teilnehmern im PWE-Projekt. Dieser steht meiner Meinung nach in erster Linie im Zusammenhang mit den spezifischen Auswirkungen der Corona-Krise auf Frauen und Männer, die unbezahlte Sorgearbeit leisten. Doch obwohl weniger Wiedereinstiegsinteressierte in die Beratungsstelle kamen, war der Beratungsbedarf ebenso hoch wie bereits in den vorangegangenen Jahren. Der Wunsch nach intensiver Begleitung im Wiedereinstiegsprozess ist, auch unter den erschwerten Bedingungen, nach wie vor vorhanden.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was nehmen Sie als Bildungsträger für die Zukunft Ihrer Begleitung von Wiedereinsteigerinnen und -einsteigern dank der Corona-Krise mit?

Michael Traschütz-Lenz: Wir waren erstaunt darüber, dass die Umstellung auf digitale Beratung, Begleitung und Coaching in den meisten Fällen absolut reibungslos gelang, wenn folgende zwei Voraussetzungen erfüllt waren:

  1. Wir sicherten den Teilnehmenden unseren Support bei der Bewältigung der technischen Schwierigkeiten zu.
  2. Die Unerfahrenheit mit digitalen Angeboten konnte in der „intimen“ face-to-face-Situation eingestanden und die Einführung in die Nutzung digitaler Medien zu Beginn einer Beratung im Zweierkontakt erarbeitet werden.

Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bereits länger mit uns in Kontakt waren, kaum Schwierigkeiten machte, auf die digitale Betreuung umzusteigen. Im Gegenteil: Viele empfanden es als sehr angenehm, zwischen Präsenz- und Online-Angeboten je nach Thema wählen zu können.

Demgegenüber gestaltete sich die Akquise von „Neu-Kundinnen und –Kunden“ mit reinen Online-Angeboten nahezu als aussichtslos. Hier gilt es für uns, neue Wege zu sondieren.

Wir werden auf alle Fälle für einzelne Themenbereiche die Auswahl von Präsenz- oder Online-Angeboten beibehalten. In unserer ländlichen Region, mit ihren schlechten Anbindungen an den ÖPNV ist dies für viele Bereiche von großem Vorteil. Für Frauen und Männer mit Kindern bzw. pflegebedürftigen Angehörigen sind Angebote, die ortsungebunden genutzt werden können, von großer Bedeutung und eine gute Möglichkeit, den Wiedereinstiegsprozess zu beschleunigen.

Zusammenfassend können wir aufgrund der Rückmeldungen unserer Teilnehmenden von uns behaupten, dass unser PWE-Team für viele Familien einen substanziellen Beitrag geleistet hat, die Krise einigermaßen unbeschadet zu überstehen, auch wenn die definierten Zielsetzungen des Projektes in diesem Jahr nicht realisiert werden konnten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Sehr geehrter Herr Traschütz-Lenz, herzlichen Dank für die interessanten Einblicke in den Alltag der Beratungsstelle.

Michael Traschütz-Lenz: Herzliche Grüße und bleiben Sie gesund!

Links:

PWE- Bad Neuenahr-Ahrweiler: LIFT - Lotse in faire Erwerbstätigkeit - Gesellschaft für Berufsbildung und Berufstraining mbH

Wiedereinstiegsrechner BMFSFJ

perspektive-wiedereinstieg.de

ESF-Standorte im Überblick

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Titelfoto: © Fotografin - Anrita1705 auf Pixabay

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