Corona-Spezial: Agieren der ESF-Standorte „Perspektive Wiedereinstieg“ in Zeiten der Pandemie - Teil 5

Seit rund einem Jahr bewegen wir uns durch verschiedene Phasen der Corona-Pandemie. Lockdowns bzw. Kontaktbeschränkungen haben den Beratungs- und Coaching-Alltag für Projektträger und Teilnehmende an den ESF-Standorten „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ (PWE) stark verändert. Uta Galle-Hahn vom ESF-Standort Mainz berichtet in unserer Artikelserie „Corona-Spezial“, wie digitale Maßnahmen helfen, Einschränkungen zu überwinden und wie sich der berufliche Wiedereinstieg trotz aller Hindernisse verwirklichen lässt.

Grüner Hintergrund, Auf einem Holzbrett steht ein Häuschen und Holzbausteine mit dem Wort #STAYHOME

perspektive-wiedereinstieg.de im Gespräch mit Uta Galle-Hahn, Projektleiterin „Perspektive Wiedereinstieg“-Mainz, Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands gemeinnütziger e. V. (CJD)

 Foto: Uta Galle-Hahn, Foto: © Schwarzer - Software + Internet GmbH

perspektive-wiedereinstieg.de: Die Pandemie beherrscht unseren Alltag mittlerweile seit Monaten, wie hat sich Ihr Alltag in der Begleitung der Wiedereinsteigerinnen verändert?

Uta Galle-Hahn: Unser PWE-Unterstützungsangebot war bereits vor und unabhängig von der Pandemie jeweils zu 50 Prozent als Präsenz- bzw. Digitalcoaching aufgestellt. Somit gab es diesbezüglich relativ geringe Veränderungen zu bewältigen. Die ursprünglichen Präsenzworkshops wurden in die digitale Form überführt. Seit Pandemiebeginn läuft die gesamte Begleitung der Teilnehmenden digital, entweder per Video-Konferenz, Telefon oder E-Mail. Wir waren damals der erste PWE-Standort, der Online-Coaching erprobt und in das reguläre Angebot übernommen hatte. Dieser Erfahrungsschatz hat sich jetzt als großer Vorteil erwiesen.

Verändert hat sich allerdings, dass wir sehr viel aktiver den Kontakt zu unseren Teilnehmenden halten mussten. Die Belastung bzw. Überforderung durch Kinderbetreuung, Homeschooling, Umorganisation des gesamten Familienalltags, Kurzarbeit und Handhabung der Kontaktbeschränkungen forderte oft die gesamte Energie der Frauen. Die Beratungs- und Unterstützungsschwerpunkte haben sich insofern von beruflichen Fragestellungen hin zur konkreten Organisation der neuen Alltagsstruktur verändert. Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf geriet in dieser Zeit oftmals in den Hintergrund.

Die eigenen Belange für die Vorbereitung des beruflichen Wiedereinstiegs oder die berufliche Weiterentwicklung im Blick zu behalten, war und ist in der jetzigen Zeit schon nicht ganz einfach. Denn, wer digitale Angebote in Anspruch nehmen möchte, benötigt Raum, Zeit und einen digitalen Arbeitsplatz. Doch wie lässt sich das innerhalb der Familie verwirklichen? Der Partner ist evtl. den ganzen Tag im Homeoffice beschäftigt, die Kinder benötigen die digitalen Endgeräte für das Homeschooling und der Frau stehen die Geräte nur dann zur Verfügung, wenn sie nicht gerade von den anderen Familienmitgliedern genutzt werden. Das ist eine Situation, in der man wirklich darauf achten muss, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Doch ich hoffe, dass wir unsere Teilnehmenden motivieren konnten, ihre beruflichen Themen nicht aus dem Blick zu verlieren. Seit dem ersten Lockdown posten wir regelmäßig auf unserer Facebook-Seite Tipps, Informationen, Kurzberichte zur Hilfestellung und zwischendurch einfach auch mal etwas zur Aufmunterung. Jetzt im zweiten Lockdown stellt sich die Situation etwas anders dar. Unser Team und die Teilnehmenden können auf den Erfahrungen des ersten Lockdowns aufbauen, was manches einfacher macht, die Belastung aber nicht verringert. Die Frage, wie bekomme ich Familie und Beruf unter einen Hut, ist wieder präsenter geworden. Die bereits beschrittenen Wege bei der Vorbereitung des beruflichen Wiedereinstiegs oder der beruflichen Weiterentwicklung werden zwar verzögert, aber in den meisten Fällen nicht aufgegeben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie erleben Sie den Zulauf zu Ihrem Projekt? Steht der Wiedereinstieg an Ihrem Standort aktuell im Fokus oder erschwert die Corona-Krise – besonders den Frauen – den Weg zurück in den Beruf?

Uta Galle-Hahn: Um uns bekannt zu machen, nutzen wir schon lange einen Marketing-Mix aus Anzeigenschaltung, Berichterstattung in den regionalen Printmedien, unsere Social-Media-Auftritte auf Facebook, YouTube sowie der CJD-Website. Die direkte Ansprache von Frauen und Männern war uns – auch gemeinsam mit unseren Kooperationspartnerinnen und –partnern – immer besonders wichtig. Wenn uns Wiedereinstiegsinteressierte auf Infoveranstaltungen, durch Fachgespräche oder bei sonstigen Aktionen kennenlernten, war der Weg, unsere Angebote in Anspruch zu nehmen, schnell geebnet.

Den coronabedingten Wegfall dieser Präsenzveranstaltungen merkten wir sofort. Die Nachfrage verringerte sich. Diese war natürlich auch der pandemiebedingten Fokusverschiebung, wie oben beschrieben, geschuldet. Andere Themen hatten Vorrang. Nach Beendigung des ersten Lockdowns erhöhte sich die Nachfrage wieder schlagartig, wie auch viele andere Träger berichteten. Im zweiten Lockdown sank die Nachfrage ebenfalls wieder. Auch die Verunsicherung der Wirtschaft wurde jetzt stärker deutlich. Geplante Einstellungen wurden verschoben oder bereits vorbereitete Einstellungen kamen nicht zustande. In Zeiten von Kurzarbeit und unsicherer wirtschaftlicher Zukunft wird naturgemäß vorsichtig mit Neueinstellungen umgegangen, auch wenn gut ausgebildete Fachkräfte nach wie vor gebraucht werden. Wir bemerken aber auch, wie differenziert die Arbeitsmarktlage zu betrachten ist, denn dort wo mobiles/digitales Arbeiten schnell umgesetzt werden konnte, gab es durchaus berufliche Chancen für gut ausgebildete Frauen. Für uns als Projektträger zeigt die Situation der wechselhaften Nachfrage deutlich die Notwendigkeit auf, das digitale Marketing weiter auszubauen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Kompetenzen konnten Sie in dieser Zeit bei den Wiedereinsteigenden besonders stärken und wo sehen Sie Unterstützungsbedarf, den es vorher vielleicht nicht gab?

Uta Galle-Hahn: Wir konnten zwei Bereiche identifizieren. Die Lockdowns haben uns radikal in eine Entschleunigung katapultiert. Das Rennen und Funktionieren funktioniert nicht mehr wie bisher und lässt andere, vielleicht bisher weniger gewichtete Fragestellungen, in den Vordergrund rücken:

  1. Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Diese Frage wurde in verschiedenen Varianten und mit unterschiedlicher Dringlichkeit immer wieder von unseren Teilnehmenden gestellt. Des Weiteren sind die Kontaktbeschränkungen natürlich ein großes Thema. Hier stellte sich die Frage, wie habe  ich meine Beziehungen zu Menschen, das heißt Kolleg*innen, Freund*innen, Familie bisher gestaltet und wie schaffe ich es unter den neuen Bedingungen, erfüllende Beziehungen aufrecht zu erhalten?

  2. Wir befinden uns in unserem Leben mitten in der Digitalisierung. Dementsprechend ist die Nachfrage nach digitalen Tools, nach konkretem digitalen Anwendungs-Knowhow enorm gewachsen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was nehmen Sie als Bildungsträger für die Zukunft Ihrer Begleitung von Frauen dank der Corona-Krise mit?

Uta Galle-Hahn: Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt hat einen enormen Schub bekommen und es wird kein Zurück mehr geben. Das bedeutet für uns als Bildungsträger, Interessierte gezielt und „kleinteilig“ beim Ausbau digitaler Kompetenzen zu stärken. Als wichtiges Thema sehe ich die Erarbeitung konkreter Inhalte sowie die Anwendung und Nutzung verschiedener Social-Media-Kanäle. Themen könnten zum Beispiel sein: Digitales Marketing, digitales Recruiting, digitale Beratung etc. Ebenfalls sollten übergeordnete Fragestellungen im Umgang mit mobilem Arbeiten und Homeoffice behandelt werden: Welche Skills und Rahmenbedingungen benötige ich, wie schütze ich mich vor einer „Arbeitszeitentgleitung“, wie bleibe ich auch im Homeoffice eigenverantwortlich, achtsam und zielorientiert, kurz Selbstregulierung und -steuerung. Digitales Arbeiten erfordert eben neue „Arbeitstugenden“.

Besonders die Lockdowns haben uns gelehrt, wie schnell und umfassend das Rollback in alte Rollen- und Verhaltensmuster stattfinden kann. Das bedeutet für uns als Bildungsträger mehr Investment in die Stärkung des weiblichen Karrierebewusstseins und zeigt, wie eng dieses mit dem Rollenverhalten vernetzt ist. Es gilt also die Verantwortung für das eigene Rollenbewusstsein und die eigenständige Laufbahnplanung zu stärken. Das sind explizite Coaching-Aufgaben, die sich auch gut in digitalen Workshops umsetzen lassen. Der Erfahrungsaustausch spielt hierbei eine wesentliche Rolle für die Frauen. Wir lernen voneinander!

perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Galle-Hahn, herzlichen Dank für das Gespräch!

Hintergrund:

Das ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Dieses ESF-Programm wird in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ umgesetzt.

Links:

„Perspektive Wiedereinstieg“-Mainz - Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands gemeinnütziger e. V.

CJD-Mainz auf Facebook

Karriere-Propeller auf Youtube

Wiedereinstiegsrechner BMFSFJ

perspektive-wiedereinstieg.de

ESF-Standorte im Überblick

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? – Abonnieren Sie den RSS-Feed und erhalten Sie eine Nachricht, wenn ein neuer Artikel auf perspektive-wiedereinstieg.de erscheint.

© Fotografin: Alexandra auf Pixabay.com

Themenlotse

Themen-Schnellzugang