Corona-Spezial: Agieren der ESF-Standorte „Perspektive Wiedereinstieg“ in Zeiten der Pandemie - Teil 4

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ist mit mehr als 14.500 Beschäftigten der größte Arbeitgeber des Landes Schleswig-Holstein. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Gesundheit, ein kooperativer Führungsstil, vorbildliches Handeln und ein vertrauensvoll partnerschaftlicher Umgang in der Zusammenarbeit zeichnen das Selbstverständnis des UKSH aus. Seit 2010 kooperiert das UKSH mit dem Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e. V. in Kiel/Lübeck, Projektträger des ESF-Bundesprogramms „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ (PWE). Wie genau diese Kooperation aussieht und wie sie sich gerade in Corona-Zeiten bewährt hat, erfahren Sie in diesem Beitrag unserer Artikelserie „Corona-Spezial“.

Foto: Prof. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender UKSH - Foto: © SoulPicture

Im Kampf gegen das Corona-Virus stehen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an vorderster Front. Zusätzlich bringt die Pandemie enorme Herausforderungen für unsere Beschäftigten mit sich, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Daher sind wir sehr dankbar, mit Unterstützung unserer Kooperationspartnerin, dem Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V., unbürokratisch und schnell zusätzliche Beratungsmöglichkeiten für eine passgenaue Unterstützung für alle Kolleginnen und Kollegen schaffen zu können. Dies ergänzt hervorragend die Angebote, die wir in den vergangenen Jahren bereits etablieren konnten, wie beispielsweise die Möglichkeit, im Entlastungspool individualisierte Arbeitszeiten zu vereinbaren", sagt Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH.

perspektive-wiedereinstieg.de im Gespräch mit Dr. Marianne Kaiser, Geschäftsführerin, Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e. V., Schleswig-Holstein, und Dipl.-Ing. Marion Joppien, Gleichstellungsbeauftragte am UKSH

perspektive-wiedereinstieg.de: Bitte beschreiben Sie Ihre Kooperation. Mit welchen Maßnahmen wird das UKSH im Rahmen des Projekts PWE unterstützt? Welche Kernelemente der Unterstützung tragen die Kooperation? 

Foto: Dr. Marianne Kaiser, ©  Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V.

Marianne Kaiser: Mit welchen Maßnahmen lässt sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Krankenhaus – also einem Betrieb, der an sieben Tagen die Woche, jeweils 24 Stunden täglich personell besetzt sein muss – realisieren? Dieser Herausforderung hat sich das Frauennetzwerk gemeinsam mit dem UKSH in den vergangenen Jahren gestellt. Wir haben eine nachhaltige Struktur im Bereich Wiedereinstiegsmanagement, (wiedereinstiegs)-optimierte Dienstplangestaltung, Vereinbarkeit von Familie bzw. Pflege und Beruf, Kommunikationskultur, Führungskräfteentwicklung und -sensibilisierung entwickeln können. Für den Familien-Service des UKSH hat das Frauennetzwerk Mitarbeiterinnen geschult, so dass den Beschäftigten kompetente Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen. Weitere unternehmensspezifische oder PWE-Angebote, wie zum Beispiel Quartalsgespräche mit dem Familien-Service, die Teilnahme an Workshops, Coachings und Supervisionen unterstützen das Personal bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Von besonderer Bedeutung ist die Kooperation für unsere PWE-Teilnehmenden. Sie können sich unmittelbar und direkt beim UKSH bewerben, sozusagen nach dem „Prinzip der kurzen Wege!“. Das erleichtert so manchen Wiedereinstiegsprozess.

Abgerundet wird die Zusammenarbeit mit dem UKSH durch unsere gemeinsame gleichstellungspolitische Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel haben wir gleich zu Beginn der Corona-Krise die Pressemitteilung „Applaus für Heldinnen - Die systemrelevanten Berufe der Corona-Krise sind weiblich“ herausgegeben und damit ein gleichstellungspolitisches Signal gesetzt. Derzeit verschärfen sich in vielen Bereichen die bekannten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Frauen übernehmen in dieser Krise den größeren Anteil der zusätzlich anfallenden unbezahlten Sorgearbeit für Kinder und Angehörige, obwohl Ziel der Gleichstellungspolitik die gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern ist. Dieses Ziel möchten wir gemeinsam unterstützen/voranbringen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie hat sich Ihre Kooperation durch die Corona-Pandemie verändert? 

Marianne Kaiser: Normalerweise gibt es am UKSH – wie oben beschrieben – regelmäßige Workshops des Projekts gemeinsam mit dem Familienservicebüro. Oft werden hier Konflikte identifiziert, die dann direkt oder in Einzelgesprächen gelöst werden können. Doch in Corona-Zeiten gibt es diese Präsenzveranstaltungen nicht mehr. Insofern ist der Bedarf an Einzelberatungen gestiegen. Gerade Wiedereinsteigende, die betrieblich noch zu den Neueren zählen, benötigen häufig Unterstützung. Auch die Konfliktlagen haben sich im Zuge der Corona-Pandemie verändert. Fehlende Kinderbetreuung, Homeschooling, persönliche Ängste, Überlastung: Wir versuchen all diese Themen im telefonischen Austausch oder über digitale Medien aufzufangen. In besonderen Fällen machen wir einen Präsenztermin. Hierfür steht ein großer Raum, in dem das Abstandhalten funktioniert, zur Verfügung. Manche Sorgen lassen sich telefonisch einfach nicht klären. Wir versuchen für jedes Beratungsthema, das an uns herangetragen wird, eine im Themenfeld erfahrene Beraterin zur Verfügung zu stellen, so dass gemeinsam konstruktive Lösungen entwickelt werden können. Dieses Prinzip hat sich in den vergangenen Monaten bewährt.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welchen Herausforderungen sahen und sehen Sie sich während der Pandemie gegenübergestellt?

Marion Joppien Foto: © UKSH

Marion Joppien: Wie Sie sich vorstellen können, ist in einem Krankenhaus schnelles Reagieren und Flexibilität gefordert und genau hier besteht derzeit eine große Herausforderung. Wiedereinsteigende und Beschäftigte können sich gerade in Bezug auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Kita- und Schulschließungen) derzeit auf wenig verlassen. Es ist ein Aushandlungsprozess für alle Beteiligten und in Corona-Zeiten passiert all das unter einem Brennglas. Durch unseren engen Austausch weiß das Frauennetzwerk glücklicherweise, wie die Situation vor Ort gerade aussieht und worauf sich Wiedereinsteigende einzustellen haben. Derzeit ist es besonders wichtig abzugleichen, welche Bedürfnisse Wiedereinstiegsinteressierte haben und was in einem 24/7-Betrieb möglich ist. Unrealistische Erwartungen können so vermieden werden.

Ich möchte kurz auf einige Informationen aus einer aktuellen COVID-19 Pflege-Studie „Pflegekräfte am Limit“ der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg, hinweisen: 84 Prozent der Pflegenden gaben an, dass die Versorgung in der zweiten Welle aufwendiger und belastender ist. Eine große Belastung stellt für viele Pflegende die „Angst vor Ansteckung“ dar. Laut der Studie befinden sich 70 Prozent der Befragten in einem emotionalen Dilemma zwischen ihrer beruflichen Aufgabe und der Angst, sich selbst zu infizieren. Bei den Intensivpflegenden sind es 66 Prozent. Um dieser Angst vorzubeugen, stellt das UKSH regelmäßig umfassende Informationen zur aktuellen Situation zur Verfügung. Ebenfalls ist sichergestellt, dass ausreichend Schutzkleidung vorhanden ist, gefährdetes Personal sich in andere Bereiche versetzen lassen kann und alle Beschäftigten sich gemäß Kategorisierung im Haus impfen lassen können. Dieses Vorgehen spielt besonders für Wiedereinsteigende eine große Rolle. Natürlich wollen sie nicht durch ihre Arbeit die Familie oder zu pflegende Angehörige gefährden.

Ich möchte noch einmal betonen, wie sehr sich die Kooperation mit dem Frauennetzwerk in dieser anspruchsvollen Zeit bewährt hat. Jeder Austausch zum Thema Vereinbarkeit fußt auf Vertrauen. Auch die in der Vergangenheit erarbeiteten und inzwischen gut etablierten Formen der Informationsweitergabe zahlen sich in der Krise besonders aus. Aktuelle Informationen wie Änderungen zu gesetzlichen Regelung des Kinderkrankengeldes, welche Kinderbetreuungs-Alternativen stehen Beschäftigten wohnortnah zur Verfügung, wenn die UKSH-Kita keine freien Plätze hat, wie kann ein Home-Office-Antrag gestellt werden usw., stehen fortlaufend und aktuell zur Verfügung. Das ist wirklich gewinnbringend für alle Beteiligten!

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Voraussetzungen sollten Wiedereinstiegsinteressierte erfüllen, um auch in solch herausfordernden Zeiten wiedereinsteigen zu können? Ist es auch vorgekommen, dass aktuell ein Wiedereinstieg gescheitert ist?

Marianne Kaiser: Die Corona-Pandemie hat, wie wir wissen, Frauen auf dem Arbeitsmarkt und in der Familie doppelt belastet. Da kann es schon vorkommen, dass der Wiedereinstieg in das Berufsleben etwas in den Hintergrund rückt. Es gab auch Kündigungen während des ersten Corona-Lockdowns (nicht beim UKSH). In solchen Situationen empfehle ich unseren Teilnehmenden diese persönliche Krise zu nutzen, um die eigene Situation zu verbessern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Lösungswege zeigen Sie den Wiedereinsteigenden auf und welche Rahmenbedingungen braucht es, um eine Kehrtwende einzuleiten? 

Marianne Kaiser: Reflektions-Räume (wie PWE!) sind für Betroffene besonders wichtig, um nicht in Resignation zu versinken oder im gesellschaftlichen „Rollen-RollBack“ unterzugehen. Räume, in denen die Verantwortung für das eigene (berufliche) Glück thematisiert werden kann und in denen unkonventionelle neue bzw. passgenaue individuelle Wege erarbeitet werden können. Frauen sollten auch den Mut haben, Rollenverteilungen in der Familie neu zu hinterfragen. Eine partnerschaftliche Aufgabenteilung kann das Zeitfenster für die eigenen beruflichen Pläne vergrößern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie hat sich der aktuelle Fachkräftemangel auf Ihre Situation am UKSH in Zeiten der Pandemie ausgewirkt? Haben Sie Konzepte, wie Sie der Problematik – auch langfristig – begegnen können? 

Marion Joppien: Ja, eindeutig! Innerhalb kürzester Zeit hat das UKSH seine Kapazitäten angepasst ohne zu wissen, was da genau auf uns zurollt. Als Maximalversorger hatten wir zum einen die Aufnahme von potentiellen und/oder tatsächlichen Covidpatientinnen und –patienten zu organisieren, zusätzlich wurden die Intensivkapazitäten verdoppelt und notwendige Medizintechnik, wie Ultraschallgeräte, Dialysegeräte, Beatmungstechnik und Bronchoskopie-Einheiten, angeschafft. Das alles erfordert natürlich viel Personal und gab es bereits vor Corona unbesetzte Stellen im UKSH. Doch in dieser schwierigen Zeit hat die beeindruckende Bereitschaft des Personals auszuhelfen, wo es klemmt, einen enormen Beitrag geleistet. Des Weiteren haben wir mit sogenannten Schattendienstplänen – das heißt für jede Position wurde ein Plan B definiert – organisatorisch sichergestellt, dass die Versorgung der Patientinnen und Patienten jederzeit gewährleistet ist, auch wenn die eine oder andere Person die Station wechseln muss. Viele Beschäftigte haben sich freiwillig weiterqualifizieren lassen, um so auch in den Intensiveinheiten unterstützen zu können. Erfahrenes pflegerisches und ärztliches Intensivpersonal hat die fortgeschrittenen Medizinstudierenden für notwendige Aufgaben angelernt. Die Versorgung der Erkrankten ist mental, medizinisch und pflegerisch extrem anspruchsvoll. Wir haben die Zeit der Ungewissheit gut genutzt, um uns auf ein evtl. Worst-Case-Szenario vorzubereiten.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, tagesaktuell zu reagieren: Bettensperrung bei Personalmangel, Ausfallmanagement, weil Personal in Quarantäne ist, zusätzliche Belastungen einplanen, wenn sich umliegende Krankenhäuser von der Notversorgung abmelden, da sie keine Kapazitäten mehr frei haben. Diese Situation hat uns veranlasst, noch einmal ganz genau auf verschiedene Bereiche zu schauen, wie zum Beispiel: Welche Tätigkeiten werden von welchen Fachkräften ausgeführt und wie können sie durch Helfende entlastet werden? Als besonders wirksam hat sich der im UKSH eingeführte „Entlastungspool“ herausgestellt. Helfende sowie auch qualifiziertes Personal unterstützen außerhalb des normalen Schichtsystems. Dieses Modell erhöht zum Beispiel für Wiedereinsteigende die Zeitautonomie. Denn ein Arbeitseinsatz ist bereits mit einer Arbeitszeit von vier Stunden in der Woche möglich. Die Wochenarbeitszeit und die tägliche Verteilung werden individuell vereinbart. 

Natürlich gibt es auch langfristige Konzepte zur Personalgewinnung. Das Berufspraktikum, das Freiwillige Soziale Jahr oder der Bundesfreiwilligendienst können die Eintrittskarte in das UKSH sein. Unsere Kapazitäten wurden für verschiedenste Ausbildungsgänge massiv ausgeweitet und neue Qualifizierungsangebote geschaffen. Internationale Pflegekräfte werden akquiriert und dann auf die Kenntnisprüfung vorbereitet, die im Anschluss in der eigenen Fort- und Weiterbildungsstätte absolviert wird.

Für die langfristige Fachkräftesicherung sind aber auch alle Faktoren, die der Personalbindung dienen, von entscheidender Bedeutung. Beschäftigte werden im Unternehmen bleiben, wenn die Arbeit als sinnvoll erachtet wird und der Beitrag jeder bzw. jedes Einzelnen sichtbar ist. Gerade in den jetzigen harten Zeiten ist eine gute Zusammenarbeit wichtig. Sie gibt uns Kraft und die Chance, uns als großes Team weiterzuentwickeln. Finden Beschäftigte zusätzlich noch einen Arbeitsplatz vor, an dem Chancengleichheit, Vielfalt, persönliches Fortkommen und Gesunderhaltung kein Lippenbekenntnis ist, sondern real gelebte Unternehmenskultur, sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne im Klinikum tätig. Auch in schweren Zeiten!

perspektive-wiedereinstieg.de: Sehr geehrte Frau Joppien, sehr geehrte Frau Dr. Kaiser, herzlichen Dank für das Gespräch!

Hintergrund:

Das ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Dieses ESF-Programm wird in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ umgesetzt.

ESF-Standorte im Überblick

Links:

Leinen los – Perspektive Wiedereinstieg, Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e. V.

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Studie „Pflegekräfte am Limit“ - Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg

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Foto: © SoulPicture

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