Corona-Spezial: Agieren der ESF-Standorte „Perspektive Wiedereinstieg“ in Zeiten der Pandemie - Teil 2

Persönliche Beratungen und Coachings einstellen und auf digitale bzw. alternative Konzepte umstellen. Dieser Herausforderung mussten sich auch die Träger an den ESF-Standorten „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ (PWE) während des Lockdowns kurzfristig stellen. Wie die Mitarbeitenden an den ESF-Standorten Jena und Stendal das Krisenmanagement mit großem persönlichen Einsatz, viel Flexibilität und Kreativität gemeistert haben, erfahren Sie im zweiten Teil unserer Artikel-Serie „Corona-Spezial“.

Zwei Frauen auf einem Beratungsspaziergang im "Paradies" in Jena

perspektive-wiedereinstieg.de im Gespräch mit Nadja Semrau, ÜAG gGmbH, Jena, Thüringen

 Foto: Nadja Semrau

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie haben Sie im Projekt die Krise gemeistert?

Nadja Semrau: Wie viele andere Beratungs- und Bildungseinrichtungen lebt PWE und unser Träger, die ÜAG gGmbH, vom direkten Kontakt mit den Teilnehmenden. Mitte März mussten wir unsere Beratungsräume im Rahmen des Lockdowns für den Publikumsverkehr schließen. Ein schnelles Umdenken war notwendig, um unsere Angebote aufrecht zu halten, fachliche und zwischenmenschliche Interaktionen zu gewährleisten sowie auf Fragen und Sorgen unserer Beratungskundinnen und -kunden sowie PWE-Mitarbeiterinnen schnell reagieren zu können. In den ersten Wochen gab es viele Teamgespräche, um die für uns alle neue und schwer planbare Situation einzuordnen. Da glühten schon mal die Telefondrähte. Organisatorisch wechselten wir uns in dieser Zeit zwischen der Besetzung des Büros am Hauptstandort in Jena und dem Arbeiten im Homeoffice ab. Die Außenstellen in Weimar, Saalfeld/Rudolstadt, Gera, Altenburg und Erfurt konnten wir leider nicht mehr persönlich vor Ort bedienen. Uns ist es aber relativ schnell gelungen, ein System zu entwickeln, mit dem wir für unsere Teilnehmenden auch weiterhin ansprechbar waren und mit ihnen außerdem arbeiten konnten. Alles in allem haben wir die Krise gut gemeistert und so abgedroschen der Satz klingen mag: Wir sind auch gestärkt daraus hervorgegangen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was haben sie gelernt, verändert, wahrgenommen?

Nadja Semrau: Wir haben gelernt, dass wir uns im PWE-Team zu 100% aufeinander verlassen können. Der Lockdown und die Auswirkungen der Corona-Pandemie waren für unsere Projektmitarbeiterinnen genauso herausfordernd wie für unsere Teilnehmenden. Doch ich muss sagen, der Zusammenhalt untereinander ist gewachsen. Wenn jemand Zuspruch, Motivation, Unterstützung, Ideen oder einfach nur ein offenes Ohr brauchte, waren die Kolleginnen aus dem PWE-Team immer zur Stelle.

Verändert hat sich auf jeden Fall auch die Offenheit gegenüber digitalen Medien und deren Nutzung. Gerade bei der Durchführung unserer monatlichen Workshop-Reihe gingen wir neue Wege und boten diese als Online-Formate an. Zu Beginn gab es zwar noch etwas Scheu davor. Doch schnell merkten alle, dass diese Scheu vollkommen unbegründet war und die digitale Form der Workshops sogar Spaß macht. Manchmal braucht man eben für den Sprung ins kalte Wasser jemanden, der einen stupst. In diesem Fall war es Corona. Ein Lob möchte ich unseren E-Tutorinnen am Standort aussprechen, sie haben die neuen Formate sehr gut anleitetet und damit natürlich auch zum Erfolg beigetragen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Wege der Kommunikation und Begleitung haben Sie mit Ihren Teilnehmenden gefunden?

Nadja Semrau: Die Kommunikation zwischen den PWE-Mitarbeitenden und unseren Teilnehmenden fand per Telefon, E-Mail oder Online-Coaching, vor allem über vitero*, statt. Zum übergreifenden Austausch boten wir regelmäßig einen sogenannten „virtuellen Kaffeeklatsch“ an, bei dem mit Kuchen und einer Tasse Kaffee vor dem Rechner einfach über alles getratscht werden durfte. Zudem haben wir die Informationen über unseren Facebook- und Instagram-Kanal intensiviert. Für alle, die an einer Beratung durch PWE interessiert waren, gab es feste Sprechzeiten. Nach den ersten Lockerungen trafen wir uns mit den Teilnehmenden im Freien und nutzten das sonnige Wetter wie auch die paradiesischen Zustände (Anmerkung: Der Stadtpark in Jena heißt „Paradies“) zur im wortwörtlichen Sinne mobilen Beratung. Interessant war, dass die Konversation viel schneller zu den zentralen Themen führte und gerade der Beratungsspaziergang neue Perspektiven eröffnete. Diese neue Möglichkeit werden wir auch weiterhin stärker im Beratungssetting umsetzen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Auf welcher Ebene haben Sie vorwiegend Unterstützungsarbeit geleistet?

Nadja Semrau: Viele unserer Teilnehmenden waren froh, dass ihre Coachings weiter gingen und damit ein Stück Normalität vorhanden war. Die klassischen Beratungsthemen rund um den beruflichen Wiedereinstieg rückten etwas in den Hintergrund.  Auch die Jobsuche gestaltete sich schwierig, da Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber selbst unsicher waren, wie es wirtschaftlich weitergeht. Des Weiteren unterstützten wir unsere Teilnehmenden beim Krisen- und Konfliktmanagement in den Familien oder zu Themen des Zeitmanagements. Dazu boten die genutzten Kanäle gute Möglichkeiten, ersetzen jedoch nicht den persönlichen Kontakt mit unseren Teilnehmenden. Teilweise konnten wir auch Hilfe bei den Hausaufgaben der Kinder oder bei technischen Problemen zur Einrichtung von Videokonferenzen geben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Haben Sie weiterhin Kontakt zu Arbeitgebenden halten können und mit welchen Ergebnissen?

Nadja Semrau: Natürlich sind die Kontakte zu Arbeitgebenden gerade während der Anfangszeit der Krise weniger geworden. Sie hatten genau wie wir mit innerbetrieblichen Änderungen und Anpassungen zu tun. Dennoch besteht der Kontakt zu unseren Partnerinnen und Partnern vor allem per Telefon und E-Mail weiterhin. Es ist uns beispielsweise gelungen, ein Expertenforum mit Personalverantwortlichen für unsere Teilnehmenden zum Thema „Gehaltsverhandlungen“ anzubieten. Die nächsten Formate unter Einbezug von Unternehmen sind schon jetzt in Planung

perspektive-wiedereinstieg.de: Was nehmen Sie aus dieser Zeit für die Zukunft mit?

Nadja Semrau: Wir nehmen die folgende Erkenntnis mit: „Nichts ist selbstverständlich“. Dieser Grundsatz hilft uns, auf Veränderungen zu reagieren sowie flexibel und kreativ alternative Angebote zu entwickeln und vorzuhalten. Wir konnten während der letzten Monate unsere (digitalen) Kompetenzen erweitern, lernten stärker zu priorisieren und wertzuschätzen, was Zusammenhalt im Team und in der Familie bedeutet.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit!

* vitero –Lernplattform der Bundesagentur für Arbeit

ÜAG gGmbH Jena – Über alle Grenzen

perspektive-wiedereinstieg.de im Gespräch mit Silke Levin, IBB Institut für Berufliche Bildung AG, Stendal, Sachsen-Anhalt

 Foto: Silke Levin

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie haben Sie im Projekt die Krise gemeistert?

Silke Levin: Das Institut für Berufliche Bildung hat bereits seit 2007 Erfahrungen mit bundesweitem Präsenzunterricht in unserer virtuellen Online- Akademie VIONA®. Aufgrund dieser jahrelangen Erfahrungen konnten wir nach dem Lockdown im März 2020 schnell auf alternative Beratungsformen umstellen. Problematisch waren jedoch die mangelnden technischen Voraussetzungen bei unseren Teilnehmenden oder die teilweise schlechte Internetverbindung an manchen Wohnorten in der Altmark. Aber auch die teilweise fehlenden digitalen Kompetenzen unserer Teilnehmenden waren für die virtuelle Kommunikation nicht förderlich. Über Telefon, WhatsApp und E-Mail konnten wir allerdings regelmäßig Kontakt zu unseren Teilnehmenden halten. Neben den modernen Medien wurde der altbewährte Brief neu entdeckt und als Kommunikationsmittel genutzt. Dank dieser Flexibilität konnten wir während der gesamten Zeit unsere Teilnehmenden aktiv betreuen und beraten. Auch neue Teilnehmende, die kurz vor dem Lockdown auf uns zugekommen sind, wurden individuell beraten. Ich habe während der gesamten Zeit unseren Standort in Stendal besetzt. Die anderen Projekt-Mitarbeitenden haben coronabedingt ihre Arbeit ins Homeoffice verlegt.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was haben sie gelernt, verändert, wahrgenommen?

Silke Levin: Besonders verändert hat sich die Situation in den Familien, als die Kinderbetreuung weggefallen ist. Kinder, die sonst in der Kita, der Schule oder im Hort betreut wurden, waren jetzt zu Hause und durften weder Freunde oder Freundinnen besuchen noch auf den Spielplatz gehen. Mütter bzw. Väter mussten von einem Tag auf den anderen die Aufgaben der Fachkräfte aus Schule und Kita übernehmen und für ein oder mehrere Kinder da sein. Schulkinder, mussten ihre Hausaufgaben jetzt am Computer bearbeiten und brauchten Unterstützung, Kita-Kinder wollten spielen bzw. beschäftigt werden. Vierundzwanzig Stunden, sieben Tage in der Woche auf begrenztem Raum, das war für viele eine große Herausforderung. Hinzu kamen oft finanzielle Ängste, da niemand vorhersagen konnte, wie es weitergeht und wie lange die Situation anhält. Dabei sah die eigene Planung für den beruflichen Wiedereinstieg doch ganz anders aus. Häufig blieb kaum noch Zeit für das Bewerbungsmanagement oder die eigene Weiterbildung. Die eigenen Bedürfnisse wurden in dieser Zeit hinten angestellt. Allerdings muss ich auch sagen, dass sich der Austausch mit den Teilnehmenden auf eine andere Ebene entwickelt hat, er wurde persönlicher und vertrauensvoller.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Wege der Kommunikation und Begleitung haben Sie mit ihren Teilnehmenden gefunden?

Silke Levin: In der Zeit von Mitte März bis Ende Mai 2020 fand die Kommunikation fast ausschließlich digital oder per Post statt. Es wurden Telefonnummern, E-Mail-Adressen und sonstige Kontaktdaten ausgetauscht. So waren die Teilnehmenden nicht nur für uns erreichbar, sondern auch umgekehrt konnten wir bei Bedarf erreicht werden. Zur Unterstützung für unsere Teilnehmenden versandten wir insgesamt sechs Mal auf dem Postweg die von uns entwickelte „Mitmachpost“. Inhaltlich gab es kleine Aufgaben zu bewältigen, für die Kinder haben wir Bastel- und sonstige Kreativangebote zusammengestellt. So blieben wir im regelmäßigen Kontakt und konnten einen kleinen Beitrag zur Kinderbetreuung leisten.

Themen der „Mitmachpost“ waren:

  • Die Regenbogenaktion (ein gemalter Regenbogen, der ins Fenster gehängt wird, zeigt, dass hier ein Kind wohnt, das zu Hause bleiben muss)
  • Umgang mit Stress und Hektik
  • Das Starke-Familien-Heft
  • Beratungsmöglichkeiten
  • Tipps zur Beschäftigung der Kita- und Schulkinder
  • Erkennen und der Umgang mit Stärken und Schwächen

perspektive-wiedereinstieg.de: Auf welcher Ebene haben Sie vorwiegend Unterstützungsarbeit geleistet?

Silke Levin: Anfangs haben wir Beratungen zum Thema Zeitmanagement durchgeführt und gemeinsam mit den Teilnehmenden Wiedereinstiegspläne erarbeitet, sie telefonisch besprochen und nach Job- und Weiterbildungsangeboten gesucht. Bewerbungsunterlagen wurden per E-Mail hin und her geschickt und versandfertig erstellt. Die weitere Vorgehensweise wurde detailliert abgestimmt. Auf Fragen zum Thema Vorstellungsgespräch konnten wir per Telefon schnell reagieren. Doch je länger die Situation andauerte, desto vertraulicher wurden die Gespräche. Themen wie die derzeitige persönliche Situation, die Situation in der Familie und der Umgang mit den Kindern sowie die Gesundheit rückten in den Vordergrund. Einzelne Frauen waren mit der Gesamtsituation, die aus der Doppelbelastung resultierte, überfordert und äußerten das in vielen Gesprächen. Da war es wichtig, einfach zuzuhören, möglicherweise auch den Frust, der sich aufgestaut hatte, abzubekommen, ruhig zu bleiben und der Situation gerecht zu werden. Es galt, Mut zu machen und Optimismus zu verbreiten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Haben Sie weiterhin Kontakt zu Arbeitgebenden halten können und mit welchen Ergebnissen?

Silke Levin: Der Kontakt zu unseren Netzwerkpartnerinnen und -partnern und zu den regionalen Personalverantwortlichen war eingeschränkt, aber möglich. Die Unternehmen hatten teilweise mit Kurzarbeit und mit der Verlagerung der Beschäftigten ins Homeoffice zu kämpfen. In dieser Zeit fanden kaum Vorstellungsgespräche oder Möglichkeiten zum Probearbeiten statt. 

In Sachen Bewerbung haben wir somit mehr auf aktuelle Jobangebote reagiert und hatten Erfolg. Drei Teilnehmende konnten wir im 2. Quartal und Anfang des 3. Quartals 2020 in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermitteln. Zwei weitere Teilnehmende haben sich zunächst für die Teilnahme an einer Qualifizierungsmaßnahme entschieden, ehe sie sich dann auf den aktiven Bewerbungsprozess konzentrieren.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was nehmen Sie aus dieser Zeit für die Zukunft mit?

Silke Levin: Wir nehmen mit, dass es fast nichts gibt, was man nicht schaffen kann. Wichtig ist es, als Team zusammenzuarbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. Bei unseren Teilnehmenden müssen wir mehr Überzeugungsarbeit in Bezug auf Themen wie Digitalisierung, moderne Medien sowie alternative Lern- und Kommunikationsformen leisten. Hierauf werden wir in Zukunft verstärkt unseren Fokus legen. Unsere Teilnehmenden und deren Familien können davon nur profitieren.

Auch bei der Akquise von Teilnehmenden müssen wir neue Wege einschlagen. Die aktuelle Situation hat die Arbeitsweise der Agentur für Arbeit und des Jobcenters verändert. Große Informationsveranstaltungen, die sonst gemeinsam mit unseren Vernetzungspartnerinnen und -partnern stattfanden, sind derzeit nicht möglich. Die Gewinnung von Teilnehmenden stellt somit eine neue Herausforderung für die Zukunft dar. Auf jeden Fall werden wir uns stärker in sozialen Netzwerken engagieren, um Teilnehmende für das Projekt „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ zu gewinnen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Levin, herzlichen Dank für das Gespräch!

IBB Institut für Berufiche Bildung AG

Hintergrund:

Das ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Dieses ESF-Programm wird in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ umgesetzt.

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© Fotografin: Andrea Pretzschel, Jena

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