Wiedereinstieg in MINT-Berufe: Interview mit Michaela Claus-Lynker vom deutschen ingenieurinnenbund e.V.

Frauen aus MINT-Berufen, also Berufen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, müssen oftmals Hürden überwinden, um an das alte berufliche Niveau anknüpfen zu können. Michaela Claus-Lynker, Ansprechpartnerin für das Thema „Arbeitslosigkeit und Wiedereinstieg" im deutschen ingenieurinnenbund e.V., äußert sich dazu in unserem Interview.

Foto: Architektin auf einer Baustelle

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie schätzen Sie die Chancen für Wiedereinsteigerinnen aus MINT-Berufen ein, nach einer familienbedingten Erwerbsunterbrechung wieder in den Beruf einzusteigen?

Michaela Claus-Lynker: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Frauen, die schon im Vorfeld – also vor dem Ausstieg – die Rückkehr mit dem Arbeitgeber ausgehandelt haben, können dem Wiedereinstieg natürlich gelassen entgegen sehen. Für andere ist es weniger einfach. Grundsätzlich sollte der Ausstieg so kurz wie möglich sein – die Frau muss zeigen, dass es ihr sehr wichtig ist, wieder zu arbeiten. Bei längeren Auszeiten werden oft ein mangelndes Interesse am Beruf und ein Verlust des Fachwissens angenommen.Auch Teilzeitstellen gibt es am freien Markt für Ingenieurinnen eher selten. Es empfiehlt sich die Strategie, sich auch auf Vollzeitstellen zu bewerben und dann so interessant für den Arbeitgeber zu sein, dass sich dieser auch auf eine Teilzeitlösung einlässt. Und dann spielen natürlich der Wohnort und die Flexibilität der Frau eine Rolle. In Ballungsgebieten sind die Chancen größer als in strukturschwachen Gebieten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Rolle spielt der oft zitierte Fachkräftemangel, von dem auch der MINT-Bereich betroffen ist?

Michaela Claus-Lynker: Der Fachkräftemangel hilft den Ingenieurinnen nicht wirklich, da man schon nach kurzer Zeit nicht mehr als „Fachkraft“ angesehen wird – als ob Kindererziehung das vorhandene Wissen auslöschen würde. Ich habe manchmal den Eindruck, dass jungen Berufseinsteigern oder von außerhalb angeworbenen Fachkräften mehr Kompetenz zugetraut wird als Frauen, die nach mehreren Jahren Berufstätigkeit mal 1–3 Jahre aussetzen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was würden Sie potenziellen Arbeitgebern auf die Frage, welche Fähigkeiten die Frauen während der Familienzeit erworben haben, sagen? 

Michaela Claus-Lynker: Bei Ingenieurinnen setzt man Softskills wie Organisationstalent sowieso voraus. Wichtiger wäre es, wenn die Frauen darüber berichten könnten, wie sie sich neben der Kindererziehung in neue Sachverhalte, Sprachen oder technische Neuerungen eingearbeitet haben, also wie sie sich weitergebildet haben oder dafür gesorgt, dass das vorhandene Wissen nicht verloren geht. 

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie verhält es sich mit der Aussicht, dass die Frauen nach der Erwerbsunterbrechung wieder eine ihrer Ausbildung angemessene Stelle finden?

Michaela Claus-Lynker: Viele Frauen möchten in Teilzeit wieder einsteigen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Leider sind die Arbeitgeber noch nicht so weit, dass auch für Ingenieurinnen entsprechende Stellen geschaffen werden. Der „Standardingenieur“ arbeitet immer noch Vollzeit, macht Überstunden. Das weicht zwar inzwischen etwas auf, den Männern wird die Familie auch wichtiger, trotzdem reicht es noch nicht. Das bedeutet, dass viele Ingenieurinnen unterqualifizierte Teilzeitjobs annehmen, aus denen sie dann später nur noch sehr schlecht wieder in einen angemessenen Vollzeitjob wechseln können, weil „das Fachwissen ja verloren gegangen ist“.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was raten Sie den Frauen, die wieder in ihren alten Beruf zurückkehren wollen? Was können Sie während der Unterbrechung tun, damit der Einstieg leichter fällt?

Michaela Claus-Lynker: Am besten wieder beim alten Arbeitgeber weiter machen, also von Anfang an die Weichen stellen und Rückkehrvereinbarungen treffen. Während der Pause empfiehlt es sich, sich weiterzubilden und in Netzwerken aktiv zu werden. Da bieten sich natürlich die Ingenieurinnennetzwerke an wie der deutsche ingenieurinnenbund e.V. (dib) und das Netzwerk „Frauen im Ingenieurberuf“(fib) des VDI, die einen Austausch über die eigene Situation bieten, sowie die traditionellen Ingenieurnetzwerke (vielleicht ist ja eine Geschäftsführerin oder ein Geschäftsführer dabei). Auch fachübergreifende Netzwerke wie die Business and Professional Women (BPW) oder Connecta sind sinnvoll, denn auch hier trifft man Insider aus Unternehmen, die gerade Personal suchen. Und dann sollte man natürlich aussagekräftige Profile in Onlineportalen wie XING oder LikedIN und den Lebenslauf in vielen Online-Stellenportalen veröffentlicht haben. Und wichtig: Gerade jetzt bei einem Überangebot an Stellen nicht gleich sagen, dass man nur Teilzeit sucht, sondern erst mal zum Gespräch eingeladen werden, dort dann punkten und im nächsten Schritt geeignete Regelungen aushandeln.

Link:

deutscher ingenieurinnenbundes e.V.
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