Professor Stefan Sell: Persönliche Lebensmodelle und die Strukturen des Arbeitsmarktes passen nicht immer zusammen

Menschen, die beruflich wieder einsteigen wollen, treffen in vielen Branchen auf einen ‚deformierten’ Arbeitsmarkt, kritisiert Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz, im Interview mit perspektive-wiedereinstieg.de. Eine hohe Nachfrage nach Teilzeitbeschäftigung und die Anreize, die Mini-Jobs Unternehmen böten, führten in einigen Branchen zu extremen Teilzeitstrukturen.

Foto: Professor Stefan Sell

perspektive-wiedereinstieg.de: „Wiedereinstieg - Wenn individuelle Wünsche auf die Strukturen des Arbeitsmarktes treffen“: So hieß ein Vortrag, den Sie vor einiger Zeit hielten. Wie passen individuelle Wünsche mit den Strukturen und Anforderungen des Arbeitsmarkts zusammen?

Prof. Stefan Sell: Wenn ich es zugespitzt formuliere, würde ich sagen schlecht. Wir haben immer noch eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung. Dies hat sich in den vergangenen Jahren – wie Studien zeigen – sogar noch verschärft. Heike Wirth und Angelika Tölke untersuchten den Lebensverlauf von Akademikerinnen und Akademikern, die 2001 ihren Abschluss gemacht hatten. In den ersten Jahren nach dem Studium waren Frauen und Männer in etwa gleichem Umfang erwerbstätig. Nach zehn Jahren hatten 60 Prozent der Frauen Kinder und befanden sich in einer Familienphase. Die Mehrzahl war aktuell gar nicht mehr bzw. in Teilzeit erwerbstätig. Bei den Männern dagegen, die ja in diesem Zeitraum ebenfalls zu einem hohen Prozentsatz Familien gegründet hatten, war keinerlei Arbeitszeitreduktion festzustellen. Angesichts solcher geschlechtstypischer Lebensverläufe laufen selbst moderne, familienfreundliche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bewusst oder unbewusst Gefahr, junge Frauen als „Risiko“ einzustufen. Sie können es drehen und wenden wie sie wollen, durch eine solche traditionelle familiäre Arbeitsteilung ist der Weg der Frauen in den Arbeitsmarkt beschwerlich. Solange Kinderbetreuung vorrangig ein Frauenthema ist, wird das auch so bleiben. Zweimonatige Elternzeiten von Vätern ändern daran wenig. Es geht darum, wer die langen Elternzeiten in Anspruch nimmt.

Lange Familienzeiten sind übrigens auch eine wesentliche Ursache für die Lohnlücke zwischen Frauen und Männer bzw. zwischen Frauen mit Familienphasen und solchen mit ununterbrochener Berufsbiografie. Ein Jahr Auszeit, heißt es, sei zu verschmerzen. In diese Richtung bewegt sich auch die Politik. Aber viele Familien haben ja nicht ein Kind, sondern mehrere. Wir verzeichnen sogar einen gewissen Trend zu größeren Familien. Das bedeutet, dass sehr viele Mütter - in der Regel zwischen ihrem 30sten und 40sten Lebensjahr – nicht nur ein, sondern mehrere Jahre Zuhause sind. Damit gehen sie – vielfach wissentlich - ein erhebliches Risiko für ihre Erwerbsbiografie ein.

perspektive-wiedereinstieg.de: Warum entscheiden sich so viele Frauen bzw. Familien angesichts dieses Risikos für so ein Modell?

Prof. Stefan Sell: Andere Lebensmodelle umzusetzen, ist häufig schwierig: Die Kinderbetreuungsinfrastruktur deckt – spätestens, wenn die Kinder in die Schule kommen – den Bedarf berufstätiger Eltern vielerorts noch nicht ausreichend ab. Großeltern, die Teile der Betreuung übernehmen könnten, leben oft nicht in erreichbarer Nähe. Außerdem sehe ich, dass sich viele Väter zwar zu einer gleichberechtigten Partnerschaft bekennen, sich jedoch mit der Umsetzung mehrheitlich immer noch schwertun. Es ist zwar unangenehm, das zu sagen, ich halte die Beschreibung aber für zutreffend. Für viele Familienaufgaben sind nach wie vor die Mütter zuständig. Daher stehen sie dem Arbeitsmarkt oft für eine längere Zeit nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.

perspektive-wiedereinstieg.de: Auf welche Arbeitsmarktstrukturen treffen Menschen vielfach, wenn sie nach einer solchen Familienphase beruflich wieder einsteigen wollen?

Prof. Stefan Sell: Der Arbeitsmarkt hat sich in vielen Branchen, zum Beispiel im Einzelhandel und im Gesundheitssektor, auf die veränderte Frauenerwerbstätigkeit eingerichtet. Wir verzeichnen eine unglaubliche Zunahme von Teilzeitbeschäftigung. In manchen Branchen sind vor allem die 450-Euro-Jobs stark verbreitet. Das hat sich strukturell verselbstständigt. Die vielen Mütter mit Familienaufgaben, die Teilzeitbeschäftigungen suchen, haben diesen Trend mit angestoßen. Die Kehrseite der Medaille: Mütter, die nach einer Familienzeit nach umfangreicherer, sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung suchen, haben in den betroffenen Bereichen Schwierigkeiten, eine entsprechende Stelle zu finden. Besonders in ländlichen Regionen sind für wieder einsteigende Mütter überwiegend 450-Euro-Jobs zu bekommen. Hier im Landkreis Arweiler, einer Hochburg der geringfügigen Beschäftigung, arbeitet ein Drittel der Frauen ausschließlich im Mini-Job. Berufliche Perspektiven eröffnen solche Beschäftigungsverhältnisse nicht. Auch eine solide Alterssicherung ist damit unmöglich. So etwas bezeichne ich als deformierten Arbeitsmarkt.

Wer nach längerer Erwerbspause zurück auf den Arbeitsmarkt strebt, hat in der Regel ein weiteres Problem: Ihm bzw. ihr wird eine Qualifikationslücke unterstellt. Wir wissen zwar, wie viele Kompetenzen Menschen in einer Familienphase dazu gewinnen und betonen dies in Sonntagsreden auch immer wieder. Doch in der unternehmerischen Praxis ist diese Erkenntnis kaum handlungsleitend. Was dort vielfach hauptsächlich zählt, ist die Frage: Hat jemand einschlägig gearbeitet oder nicht?

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Lösungsansätze wären ihrer Meinung nach denkbar, um die Situation zu verbessern und Lebensmodelle und Arbeitsmarkt besser in Einklang zu bringen?

Prof. Stefan Sell: Es gibt in der wissenschaftlichen und politischen Debatte eine Reihe von Lösungsansätzen, die ich hier kurz skizzieren und kommentieren möchte:

Wir sollten die Mini-Jobs überdenken. 450-Euro-Stellen haben zum Beispiel für Studierende oder Rentnerinnen und Rentner sicher ihre Berechtigung. Sie auf die gesamte Wirtschaft auszudehnen, war jedoch aus meiner Sicht falsch und sollte rückgängig gemacht werden.

Diskutiert wird auch folgende Idee: Menschen, die ihre Arbeitszeit nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz zu Gunsten von Familien- bzw. Pflegeaufgaben reduziert haben, sollen einen Rechtsanspruch erhalten, auf eine Vollzeitstelle zurückzukehren. Solange dies jedoch ein Recht ist, das in der Praxis überwiegend Frauen in Anspruch nehmen würden, halte ich die Umsetzung für ein zweischneidiges Schwert. Es könnte für Frauen eine weitere strukturelle Barriere im Arbeitsmarkt bedeuten, denn die Inanspruchnahme ist wieder nicht gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt.

Mit Tele-Arbeit und Home Office wird Arbeit flexibler und besser mit familiären Verpflichtungen vereinbar. Außerdem bieten sich dadurch Chancen für Menschen, die in ländlichen Regionen leben und keine weiten Strecken zum Arbeitsplatz zurücklegen können bzw. wollen. Doch auch diese Lösung hat Schattenseiten: Einige Unternehmen berichten, dass Beschäftigte lieber wieder in einem Büro im Unternehmen arbeiten möchten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden es oft anstrengend, zu Hause Kinderbetreuung und Arbeit gut zu vereinbaren. Durch ein Home Office vermischen sich die Lebensbereiche stärker. Da fällt es vielen schwer, gute Strukturen zu schaffen.

Ein neuer Vorschlag des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sieht eine staatlich geförderte Familienarbeitszeit vor. Beide Elternteile passen dabei für maximal drei Jahre ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent an. Für Teile des Einkommensverlusts würde der Staat sie entschädigen. Dieser Vorschlag erscheint mir in der realen Umsetzung jedoch schwierig.

Geschlechtergerechtigkeit ist aus meiner Sicht das Schlüsselthema, um die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt aufzuheben. Dass sie sich mit den nachwachsenden Generationen quasi von alleine einstellen wird, glaube ich allerdings nicht. Wir haben heute weniger gleichberechtigte Erwerbsarrangements in den Familien als noch in den 1990er Jahren. Der Trend zeigt in dieser Beziehung in die falsche Richtung.

Ich kann und will es nicht beschönigen: Die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Jahren trotz aller Jubelmeldungen sogar größer geworden und von entscheidender Bedeutung wird sein, ob es uns gelingt, die Teilzeitfalle für viele Frauen aufzulösen – oder die Männer an ihr zu beteiligen.

Was wir benötigen, ist eine Gesamtlösung, die alle Aspekte einbezieht – auch die sozialen Sicherungssysteme, die immer noch auf der Fiktion einer durchgängigen Vollzeiterwerbstätigkeit beruhen. Es ist höchste Zeit dafür.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herr Professor Sell, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.

Link:

„Aktuelle Sozialpolitik“
Blog von Prof. Stefan Sell

Foto: Professor Stefan Sell

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