Erwerbstätigkeit: Frauen holen auf

Immer mehr Frauen gehen als Angestellte oder Selbstständige einer Erwerbstätigkeit nach. Und das Potenzial ist nach wie vor groß: 1,1 Millionen derzeit nicht erwerbstätige Frauen streben den (Wieder)einstieg in die Arbeitswelt an.

Foto: Frau in einer Gärtnerei

Rund 49 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind Frauen (Stand 2014). Seit 2003 stieg die Zahl der weiblichen Angestellten und Selbstständigen sehr viel stärker als die der männlichen. Fachleute vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin nehmen an, dass die Veränderung unter anderem auf das wirtschaftliche Wachstum in Sektoren zurückzuführen ist, die traditionell Frauen-Domänen sind, nämlich Dienstleistungen, Gesundheits- und Sozialwirtschaft sowie Erziehung und Unterricht. Außerdem stellen sie einen Zusammenhang mit einem steigenden Qualifikationsniveau bei den Frauen und einer damit einhergehenden höheren "Erwerbsneigung" her.

Jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit

Allerdings: Wie das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) berichtet, waren rund elf Millionen Frauen in Teilzeit erwerbstätig. Das entspricht einer Teilzeitquote von 57,8 Prozent. 1991 lag diese Quote noch bei 35 Prozent. Bei Männern spielt Teilzeitarbeit mit 20,1 Prozent eine deutlich geringere Rolle. Die Quote stieg jedoch seit 1991 (4,4 Prozent) um mehr als das Vierfache an. Die Zahlen zeigen, dass Männer vor allem zu Beginn und zum Ende ihres Erwerbslebens von Teilzeitarbeit Gebrauch machen. Bei den Frauen sind in allen Altersgruppen hohe Anteile Teilzeitbeschäftigter zu finden.

26 Prozent der weiblichen Teilzeitbeschäftigten geben an, dass Kinderbetreuungs- oder Pflegeaufgaben Grund für ihr reduziertes Erwerbsarbeitsvolumen seien. Ein ebenso großer Anteil geht aufgrund persönlicher oder anderer familiärer Verpflichtungen einer Teilzeittätigkeit nach. Bei den Frauen mit familiären Verpflichtungen liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei etwa 18,7 Stunden. „Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeitmuster von Frauen und Männern unterscheiden sich nach wie vor erheblich. Bei Frauen entscheidet insbesondere die familiäre Situation, ob und in welchem Umfang sie beschäftigt sind“, schreibt IAB-Studienautorin Susanne Wanger.

In Umfragen gäben zwei Drittel der Eltern zwar an, dass eine gleichmäßige Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit in der Partnerschaft erstrebenswert sei. Sie setzten das Modell in der Praxis jedoch nicht um. 45 Prozent der Paare mit Kindern entschieden sich für das Zuverdienermodell. In Bezug auf die Gründe dafür stellt die IAB-Autorin folgende Vermutungen an: „Bei Frauen können institutionelle Regelungen wie das Ehegattensplittung und die Minijob-Regelungen eine Ausweitung der Arbeitszeit unattraktiv erscheinen lassen (...). Auch die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern haben Einfluss auf die Arbeitsangebotsentscheidung von Paaren. Ebenso können unzureichende Rahmenbedingungen den Wunsch nach Arbeitszeitverlängerung hemmen, etwa wenn Möglichkeiten zur Kinderbetreuung fehlen oder Öffnungszeiten von Betreuungsangeboten nicht ausreichen.“

Rollenbilder beeinflussen Frauenbeschäftigung

Die Bertelsmann Stiftung macht darauf aufmerksam, dass es große Unterschiede zwischen der Frauenbeschäftigung in Ost- und Westdeutschland gibt. Die sogenannte Beschäftigungsquote gibt an, wie viele Personen zwischen 18 und 64 Jahren sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Für Frauen im Osten beträgt dieser Wert 57,9 Prozent. Im Westen liegt er dagegen bei 50,9 Prozent. Seit 2006 sind beide Quoten deutlich gestiegen, die im Osten jedoch stärker als die im Westen, so dass sich die Differenz vergrößerte. Auch unter den Kommunen sind die Abweichungen groß: Teilweise liegen sie bei 50 Prozentpunkten. Die Bertelsmann Stiftung vermutet, dass unterschiedliche Rollenbilder die jeweiligen Frauenbeschäftigungsquoten stark beeinflussen.

Zahl der "Nichterwerbspersonen" sinkt

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) legte im Januar 2015 eine vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erarbeitete Studie zu Personen vor, die nicht am Erwerbsleben teilnehmen. Zwischen 1999 und 2012 sei die Zahl der nicht erwerbstätigen Frauen um 33 Prozent gesunken, heißt es in dem Bericht. 2012 lag sie jedoch mit 4,7 Millionen noch immer deutlich höher als die der Männer mit 2,9 Millionen. Eine Abnahme bei den Frühverrentungen hätte dazu beigetragen, dass Ältere inzwischen in größerer Zahl erwerbstätig seien, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Für den stärkeren Rückgang der Nichterwerbspersonen bei den Frauen benennen sie weitere mögliche Faktoren: "In Frage kommen hierfür unter anderem ein genereller Mentalitätswandel in Bezug auf Frauenerwerbstätigkeit und strukturelle Änderungen im Bereich der Kinderbetreuung."

Hohe Qualifikation erleichtert Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt

Außerdem verdeutlichen die Zahlen, dass ein hohes Qualifikationsniveau eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt erleichtert. "Dementsprechend sind Frauen, die nach langer Phase der Nichterwerbstätigkeit wieder erwerbstätig wurden ('Wiedereinsteigerinnen'), im Durchschnitt höher gebildet als die Gesamtheit der weiblichen Nichterwerbspersonen", schreiben die Autorinnen und Autoren der RWI-Studie.

Typische Lebensverläufe

Ein Vergleich von typischen Lebensverläufen verdeutliche, schreiben die RWI-Expertinnen und Experten, dass Frauen mit kurzer Familienphase deutlich seltener zu den Nichterwerbspersonen gehören als Frauen, die eine lange Auszeit nach der Geburt eines Kindes nehmen. 38 Prozent aller weiblichen Nichterwerbspersonen sind "Traditionelle Hausfrauen", die nach der Geburt eines oder mehrerer Kinder nie mehr in die Erwerbstätigkeit zurückkehren.

Interessant ist auch, dass Frauen, die mit einem Ehepartner zusammenleben, im Schnitt längere Phasen der Nicht-Erwerbstätigkeit haben, als solche, die unverheiratet in einer Partnerschaft leben. Frauen aus dem Osten nehmen schneller wieder eine bezahlte Tätigkeit auf, als solche mit vergleichbaren Rahmenbedingungen im Westen.

Über eine Million Frauen planen Eintritt in die Arbeitswelt

Aus Selbstauskünften von Personen, die für das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) 2012 befragt wurden, lässt sich ableiten, dass insgesamt rund 1,1 Millionen nicht erwerbstätige Frauen "ganz sicher" eine zukünftige Erwerbsaufnahme planen. Hier schlummert ein beachtliches Potenzial für interessierte Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber.

Links:

"Wachsende Bedeutung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt"
Beitrag in: DIW Wochenbericht 5/2015 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW Berlin

"Frauen und Männer am Arbeitsmarkt. Traditionelle Erwerbs- und Arbeitszeitmuster sind nach wie vor verbreitet"
IAB-Kurzbericht 4/2015 des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung

"Frauenbeschäftigungsquote im Osten wächst schneller als im Westen"
Information vom 14.01.2015 auf der Website der Bertelsmann Stiftung

"Personen, die nicht am Erwerbsleben teilnehmen – Analyse sozio-ökonomischer Merkmale unter besonderer Berücksichtigung des Haushaltskontextes und Bestimmung des Arbeitskräftepotenzials"
Bericht (Januar 2015) sowie Kurzfassung auf der Website des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Download 

Foto: fotolia.com - Ingo Bartussek

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