Bericht: Gleichstellen: Auch eine Option für Minijobberinnen

Berufliche Perspektiven erschließen, wirtschaftlich eigenständig sein und gut für das Alter vorsorgen können: Um das zu erreichen, sollten Minijobberinnen und Minijobber in eine andere Beschäftigungsform wechseln. Das dreijährige Projekt Joboption unterstützte Frauen dabei und beriet Unternehmen bei der Umwandlung von 450-Euro-Jobs in reguläre Stellen. Ein Abschlussbericht fasst Erkenntnisse zur geringfügigen Beschäftigung in Deutschland sowie Befunde des Projektes zusammen.

Foto: Deckblatt der Broschüre

Das Projekt Joboption - Gleichstellen: Auch eine Option für Minijobberinnen, finanziert aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) sowie der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen des Landes Berlin, endete Ende 2014 nach dreijähriger Laufzeit. Im Rahmen des Projekts beriet die Projektträgerin zukunft im zentrum GmbH in Kooperation mit der Wert.Arbeit GmbH, Berlin – Gesellschaft für Chancengleichheit und Innovation Minijobberinnen sowie Unternehmen. Das Ziel: Aus Minijobs sollten existenzsichernde sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse werden.

450-Euro-Jobs: oft hohe Anforderungen bei mangelnder Wertschätzung

Ein umfangreicher Abschlussbericht zum Projekt, der jetzt vorliegt, beschreibt unter anderem Ansehen und Stellenwert, den Wirtschaft und Gesellschaft Minijobs beimessen. Demnach wird eine geringfügige Beschäftigung in einem sogenannten 450-Euro-Job meist mit wenig anspruchsvoller Arbeit auf niedrigem Qualifikationsniveau gleichgesetzt. Eine Analyse von entsprechenden Stellenausschreibungen ergab jedoch, dass in der betrieblichen Praxis vielfach recht hohe Anforderungen an Minijobberinnen und Minijobber gestellt werden. Oft sei die Arbeit technikgestützt und vernetzt und verlange entsprechendes Wissen. Tätigkeiten in den Bereichen Pflege oder Erziehung, im Einzelhandel oder in Callcentern setzten in der Regel umfassende soziale Kompetenzen voraus. Auch eigenständiges und eigenverantwortliches Handeln gehöre vielfach zum Arbeitsalltag. Dennoch würden geringfügig Beschäftigte in vielen Unternehmen als Aushilfskräfte gesehen, schlecht bezahlt und bei der Personalentwicklung nicht berücksichtigt. Als quasi „unsichtbare“ Beschäftigtengruppe fühlten sie sich oft wenig wertgeschätzt. Eine Studie von Professor Carsten Wippermann im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt zudem, dass der Wunsch der Minijobberinnen, über diese Beschäftigungsform den Weg in eine existenzsichernde, reguläre Beschäftigung zu finden, sich oft nicht erfüllt.

Unternehmenssicht: Minijobs in Wahrheit häufig wenig vorteilhaft

Minijobs bieten eine höhere Flexibilität: So begründen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vielfach den Einsatz geringfügig Beschäftigter in ihren Betrieben. Außerdem scheinen Minijobs ihnen die wirtschaftlich günstigere Lösung zu sein. Eine Umfrage im Rahmen des Projekts ergab, dass vielen Unternehmensleitungen sowie Beschäftigten unbekannt ist, dass für Minijobs das Arbeitsrecht in vollem Umfang Anwendung findet. Das heißt konkret: Wer einen Minijob ausübt, hat zum Beispiel Anspruch auf Urlaub, auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auf die gesetzliche Kündigungsfrist. Minijobs sind sogar teurer: Unternehmen zahlen mit rund 30 Prozent für Minijobs höhere Abgaben (Steuern, Pauschalbeträge für Kranken- und Rentenversicherung sowie Umlagen) als für eine reguläre Teilzeitbeschäftigung (rund 20 Prozent). Mit Infomaterialien und einer Kampagne trug Joboption - auch in der breiten Öffentlichkeit - zur Aufklärungen über diese und weitere Minijob-Fakten bei.

Momentane Ersparnis oder langfristige Perspektiven?

Geringfügig Beschäftigte bleiben zumeist viele Jahre im 450-Euro-Job. Mit durchschnittlich gut sieben Jahren weisen verheiratete Frauen eine besonders lange Verweildauer auf. Das verwundert: Viele Frauen und Männer suchten ursprünglich eine umfangreichere Teilzeit- oder eine Vollzeitstelle oder sind im Minijob unter ihrem Qualifikationsniveau tätig. Aber was hält sie dort?

Wer einen Minijob ausübt, ist in dieser Beschäftigung in der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung nicht versicherungspflichtig und kann sich auf Wunsch auch von der Rentenversicherungspflicht befreien lassen. Das macht sich beim Nettoverdienst deutlich positiv bemerkbar. Um nach einer Umwandlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung am Monatsende einen ähnlichen Betrag in der Tasche zu haben, wären bei gleichem Stundenlohn deutlich mehr Arbeitsstunden zu leisten. Der Anreiz, dennoch in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu wechseln, liegt darin, sich berufliche Perspektiven zu erschließen, wirtschaftliche Eigenständigkeit zu erreichen und besser für das Alter vorzusorgen.

Es lohnt sich, den Veränderungsprozess anzugehen

Die Risiken, die das Festhalten an einem Minijob für die Zukunft bedeuteten, blendeten viele Frauen aus, berichten die Projekt-Beteiligten. Auch fiele es ihnen teilweise schwer, Hürden zu nehmen und einen Veränderungsprozess anzugehen – zum Beispiel indem sie mit ihren Vorgesetzten über eine umfangreichere Anstellung verhandelten, neue berufliche Perspektiven für sich entwickelten und z.B. Aus- oder Weiterbildungen absolvierten. Viele der ratsuchenden Frauen im Projekt hatten wenig Selbstbewusstsein und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ihre Chancen, eine reguläre Beschäftigung zu finden, hielten sie für gering. Für diese Gruppe erwiesen sich die Beratung und das Coaching im Rahmen von „Joboption“ als sehr hilfreich. Der Bericht schildert interessante Beispiele für einen gelungenen Umstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Veränderung lohnte sich: Sie erhöhte, so berichten die Autorinnen, die Lebenszufriedenheit und das Selbstbewusstsein der Frauen.

Link:

Website der zukunft im zentrum GmbH, Berlin

perspektive.wiedereinstieg.de:

„’Minijob? – Machen Sie mehr draus’: Projekt ‚Joboption’ wirbt bei geringfügig Beschäftigten und Unternehmen für sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse“

„Info-Blatt: ‚Arbeitsrecht im Minijob’“

„Kampagne: ‚Warum Minijob? Mach mehr draus!’“

Foto: zukunft im zentrum GmbH

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