„Arbeitswelt 4.0“: Chancen und Risiken der Digitalisierung im öffentlichen Dienst für Frauen

Wie können Frauen im öffentlichen Dienst vom digitalen Wandel profitieren? Ergeben sich durch die Digitalisierung neue Möglichkeiten für eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Wie lässt sich die Qualität der Arbeit dauerhaft sichern? Die Publikation „Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen!“ der dbb bundesfrauenvertretung präsentiert mögliche Antworten auf die im Rahmen ihrer 12. Frauenpolitischen Fachtagung diskutierten Fragen. www.perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit Helene Wildfeuer, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung und Gastgeberin der Fachveranstaltung.

Foto: Deckblatt der Broschüre

Die öffentliche Verwaltung steht angesichts der Digitalisierung vor Herausforderungen. Um weiterhin als attraktiver Arbeitgeber im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte mithalten zu können, muss sich der öffentliche Dienst für neue Kommunikationstechniken, flexible Arbeitszeitmodelle und mobile Arbeitsplätze öffnen.

Die dbb bundesfrauenvertretung hat es sich zur Aufgabe gemacht, den digitalen Wandel im öffentlichen Dienst für Frauen aktiv mitzugestalten. Im April 2016 fand der 12. dbb bundesfrauenkongress unter der Überschrift „Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen!“ statt. Um die Themen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erschien im Juli 2016 die gleichnamige Broschüre. Im Gespräch mit www.perspektive-wiedereinstieg.de erläutert Helene Wildfeuer, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, wie sich in der digitalisierten Verwaltung bessere Karrierechancen für Frauen eröffnen lassen.

Helene Wildfeuer, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, zum digitalen Wandel im öffentlichen Dienst

www.perspektive-wiedereinstieg.de: Arbeiten 4.0 steht in vielen Bereichen noch am Anfang. Was raten Sie Frauen, damit sie am Ende des Prozesses zu den Gewinnerinnen gehören?

Helene Wildfeuer: Wie Sie ganz richtig sagen, der digitale Wandel ist ein Prozess, dessen Ende bisher noch keiner vorhersagen kann. Deshalb raten wir allen weiblichen Beschäftigten im öffentlichen Dienst, sich aufmerksam mit den angesteuerten Veränderungen auseinanderzusetzen. Mein Credo ist: Nutzen Sie jede Gelegenheit, sich in den neuen digitalen Anwendungen fortzubilden. Aber auch in der Freizeit sollten Frauen sich aufgeschlossen gegenüber neuen digitalen Kommunikationsmitteln zeigen und deren Anwendung trainieren. Nur wer mit den neuen technischen Herausforderungen Schritt halten kann, wird später auch zu den Gewinnerinnen der Digitalisierung gehören.

Warnen muss ich die Frauen aber davor, sich dem Druck der ständigen Erreichbarkeit zu unterwerfen. Das führt langfristig zu hohen psychischen und gesundheitlichen Belastungen, die bis zum Burnout gehen können. Davon hat keiner was. Hier sind die Dienstherren und Arbeitgeber gefragt, sich mit den Beschäftigtenvertretungen an einen Tisch zu setzen, um die gesundheitsschutzrechtlichen Rahmenbedingungen festzulegen. Je nach Dienststelle müssen individuelle Antworten gefunden werden: Wie weit darf Entgrenzung von Arbeit gehen? Wie sieht eine gesunde und geschlechtergerechte Arbeitswelt von morgen aus? Und welche Maßnahmen sind nötig, damit der öffentliche Dienst gerade für Frauen mit Familienpflichten ein attraktiver Arbeitsgeber bleibt?

www.perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Maßnahmen plant die dbb bundesfrauenvertretung, damit es gelingt, die Digitalisierung zum Vorteil für die Karrieren von Frauen im öffentlichen Dienst zu nutzen?

Helene Wildfeuer: Gemeinsam mit dem dbb [beamtenbund und tarifunion] hat die dbb bundesfrauenvertretung die Initiative „diskriminierungsfreies Fortkommen“ im öffentlichen Dienst ins Leben gerufen. Es geht uns darum, die Beurteilungsmaßstäbe und Beförderungspraktiken im öffentlichen Dienst gendergerecht zu modernisieren und ins digitale Zeitalter zu überführen. Wir haben bereits intensive Gespräche zu diesem Thema unter anderem mit Vertreterinnen und Vertretern des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geführt. Auch auf Länderebene sind wir sehr aktiv dabei, das Bewusstsein der Dienstherren zu schärfen. Arbeit wird flexibler und mobiler. Dies ist eines der Argumente, welches Frauen eine bessere Vereinbarkeit von Karriere und Familie verspricht. Hier müssen wir aber höllisch aufpassen, dass gerade ein Mehr an Flexibilität und Mobilität Frauen in ihrer Karriereentwicklung nicht noch weiter zurückwirft. Denn gerade im öffentlichen Dienst, in dem der Aufstieg von der dienstlichen Beurteilung abhängt, können genau diese beiden Anforderungen zu Fallstricken für Frauen werden. Mobilität wird positiv bewertet, im Sinne von der Bereitschaft, Dienstreisen anzutreten. Unter Flexibilität verstehen die Beurteilenden vorrangig, inwieweit Arbeitszeiten flexibel über den Tag, die Woche, den Monat verteilt werden können, ob Bereitschaft zu Überstunden, Wochenend- und Feiertagsdiensten besteht. In der Regel können hier vor allem Vollzeitbeschäftigte punkten und eben nicht jene, die Teilzeit mit Telearbeit verbinden. Nur wenn wir wegkommen von der Präsenzkultur hin zu einer leistungsorientierten Behördenkultur, können wir im digitalen Zeitalter auch Frauen mit Familienpflichten bessere Karrierechancen eröffnen.

Publikation "Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen!"

Die dbb bundesfrauenvertretung stellt mit der Broschüre „Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen!“ einen Überblick zu den zentralen Erkenntnissen der gleichnamigen Fachtagung zur Verfügung. Die Publikation soll als Argumentationshilfe und kleines Nachschlagewerk den weiterführenden Diskurs anregen. www.perspektive-wiedereinstieg.de fasst einige Thesen von Referentinnen und Referenten der Fachtagung zur Situation von Frauen in der Arbeitswelt 4.0 zusammen.

Christine Morgenstern, Abteilungsleiterin Gleichstellung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

  • Die Digitalisierung führt zu Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Diese sollten zu Gunsten der Frauen gestaltet werden.
  • Der digitale Wandel kann dazu beitragen, dass Frauen und Männer mehr Zeitsouveränität und eine bessere Work-Life-Balance leben können.

Klaus Dauderstädt, Bundesvorsitzender des dbb beamtenbund und tarifunion:

  • Gewerkschaften wie Personal- und Betriebsvertretungen müssen sich angesichts der Digitalisierung mit den Auswirkungen des technischen Fortschritts auseinandersetzen. Aktionsfelder, die auf die „Arbeitswelt 4.0“ ausgerichtet werden müssen, sind beispielsweise „Wert der Arbeit“, „Präsenzpflicht“ und „Arbeitszeit“.

Dr. Kira Marrs, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF)
München e. V.:

  • In der digitalen Arbeitswelt ist angesichts der komplexen Zukunftsthemen ein kollaboratives und vernetztes Arbeiten zielführend.
  • Für Frauen ergeben sich große Chancen, da in den vernetzten Arbeitsstrukturen kommunikative und soziale Kompetenzen eine enorme Aufwertung erfahren werden, Fähigkeiten, die bislang vor allem Frauen zugeschrieben wurden.

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Hertie School of Governance:

  • Den jungen Frauen der Generation Y, die Gruppe der von 1985 bis 2000 Geborenen, ist bewusst, dass sie im Vergleich zu vorherigen Generationen eine viel fraktioniertere Lebenskonstellation in Bezug auf Ausbildung, Beruf und Ruhestand haben bzw. haben werden.
  • Angesichts ihres Bildungsvorsprungs und einem Wandel der Rollenmuster sind insbesondere die jungen Frauen die Treiberinnen der Modernisierung.
  • Es ist wichtig, die Frauen darin zu trainieren, wie sie ihre Vorstellungen einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf umsetzen können. Der öffentliche Dienst bietet in diesem Zusammenhang bereits jetzt viele Pluspunkte.

Weitere Informationen zur 12. Frauenpolitischen Fachtagung „Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen!“ sowie zur Bestell- bzw. Downloadmöglichkeit der Fachpublikation sind unter folgenden Links zu finden.

Links:

„Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 - rund um die Uhr vernetzt?“
Publikation der dbb bundesfrauenvertretung, 2016

12. dbb bundesfrauenkongress 2016
Website

www.perspektive-wiedereinstieg.de:

Nachbericht zur 12. Frauenpolitischen Fachtagung der dbb bundesfrauenvertretung 2016 „Digitalisierte Welt: Frauen 4.0 – rund um die Uhr vernetzt? Chancen erkennen, Risiken benennen“

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Foto: dbb bundesfrauenvertretung, Titelbild: © Sergey Nivens / Fotolia.com

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