Broschüre: Wenn aus Kompetenzen berufliche Chancen werden

Wer sich um einen Arbeitsplatz bewirbt, macht häufig die Erfahrung, dass neben formalen Bildungsabschlüssen auch Kompetenzen wie Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikations- und Teamfähigkeit sowie Belastbarkeit erwartet werden. Doch wie lassen sich diese Fähigkeiten erwerben? Menschen lernen ein Leben lang - im Beruf, in einer Weiterbildung, in der ehrenamtlichen Tätigkeit oder in der Familie. Bildungsexpertinnen und -experten in Europa sind sich einig, dass es für die Einzelnen sowie Wirtschaft und Gesellschaft von großer Bedeutung ist, dieses non-formale und informelle Wissen nicht nur zu erwerben, sondern es sichtbar und bewertbar zu machen. Im Rahmen einer Studie aus dem Jahr 2015 analysiert die Bertelsmann-Stiftung diesbezügliche Zertifizierungsverfahren in anderen europäischen Ländern und entwickelt daraus Handlungsempfehlungen für eine Anerkennungskultur in Deutschland.

Foto: Titelblatt der Broschüre

Bereits seit vielen Jahren wird diskutiert: Wie kann das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt auch für Menschen mit atypischen und vielfältigen Bildungs- oder Berufsverläufen, mit im Ausland erworbenen Abschlüssen oder für Menschen mit informell erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten, die während einer Familien- und Pflegephase oder im Ehrenamt erworben wurden, besser zugänglich gemacht werden?

Angesichts des Fachkräftemangels ist es heute wichtig, alle Begabungen zu mobilisieren und die damit verbundenen Qualifizierungspotenziale zu erschließen. Ziel ist es, die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Frauen und Männern, die beruflich kompetent, aber formal als geringqualifiziert gelten, besser sichtbar und bewertbar zu machen. Dadurch ließen sich für verschiedene Zielgruppen neue Arbeitsmarkt- und soziale Aufstiegschancen eröffnen. Die Bundesagentur für Arbeit prüft vor diesem Hintergrund derzeit einen Ausbau ihres Beratungsangebotes.

Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen in Europa und Deutschland

2008 entstand als Initiative der Europäischen Union (EU) der „Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen“ (EQR), der berufliche Qualifikationen und Kompetenzen in Europa vergleichbarer und verständlicher machen soll. Dabei sollen folgende Lernformen berücksichtigt werden:

  • Formales Lernen, das in einem organisierten und strukturierten Kontext wie Schule oder Hochschule stattfindet und in der Regel mit einer Qualifikation in Form eines Zeugnisses oder Befähigungsnachweises abschließt. Zu diesem Teil des Bildungssystems gehören die allgemeine Schulbildung, die berufliche Erstausbildung und die Hochschulbildung.
  • Non-Formales Lernen, das planvolle Tätigkeiten in Bezug auf Lernziele und Lernzeit außerhalb des formalen Bildungssystems umfasst. Beispiele sind die innerbetriebliche Weiterbildung, strukturiertes Online-Lernen und Fortbildungen in Weiterbildungseinrichtungen.
  • Informelles Lernen, das am Arbeitsplatz, im Familienkreis oder in der Freizeit stattfindet und in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oder Lernförderung nicht organisiert oder strukturiert ist. Es handelt sich dabei um Fähigkeiten, die durch Herausforderungen im Alltag erlangt werden.

Der „Deutsche Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen“ (DQR) setzt seit Mai 2013 die Empfehlung des EQR in Bezug auf formale Bildungsabschlüsse um. Für informelle und non-formale Bildung fehlen in Deutschland bisher einheitliche Standards zur Erfassung und Zertifizierung. Die EU empfiehlt laut Beschluss vom 20. Dezember 2012, bis 2018 Regelungen einzuführen, die es der oder dem Einzelnen möglich machen, seine informell oder non-formal erzielten Lernergebnisse überprüfen zu lassen und auf dieser Basis eine volle oder teilweise Berufsqualifikation zu erhalten.

Anerkennungsverfahren in europäischen Nachbarländern als Vorbilder für Deutschland

In der Broschüre „Wenn aus Kompetenzen berufliche Chancen werden. Wie europäische Nachbarn informelles und non-formales Lernen anerkennen und nutzen“ fassen Claudia Gaylor, Nicolas Schöpf und Eckart Severing wichtige Ergebnisse der Studie „Anerkennung non-formalen und informellen Lernens in Deutschland“ im Rahmen des Projekts „Weiterbildung für alle“ der Bertelsmann Stiftung zusammen. Anhand von fünf Kernelementen, die für ein Anerkennungssystem von zentraler Bedeutung sind, wurden bestehende Systeme aus sieben europäischen Nachbarländern beschrieben, systematisiert und daraus Handlungsempfehlungen für eine Anerkennungskultur in Deutschland abgeleitet. Am Beispiel des Pflegeberufs wird jeweils deutlich, was das empfohlene System leisten kann:

1.Rechtliche Grundlagen:

In Frankreich gilt ein umfassender Rechtsanspruch auf Prüfung von im Rahmen einer mindestens dreijährigen Tätigkeit erlangten Kompetenzen, die zu einer offiziellen, der Erstausbildung rechtlich gleichgestellten Zertifizierung führt.

In Deutschland könnte sich eine rechtliche Verankerung an dem seit April 2012 geltenden „Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen“ orientieren, durch das ein System mit einem Rechtsanspruch auf Überprüfung der Gleichwertigkeit des ausländischen Berufsabschlusses und verbesserten Verfahren sowie Kriterien dafür etabliert wurde.

Beispiel Pflegeberuf: Eine jahrelang in der Pflege beschäftigte Aushilfe ohne Ausbildungsabschluss, die viele Grundlagen und Arbeitsabläufe der Altenpflege erlernt hat, hätte dann ein Recht auf Prüfung und Anerkennung dieser Kompetenzen.

2. Verfahren und Instrumente:

Ein rechtlich geregeltes und verbindliches Anerkennungsverfahren mit Standards trägt zu einer höheren Akzeptanz und Nachfrage bei. In fünf der sieben untersuchten Länder, namentlich Dänemark, Finnland, Frankreich, Niederlande und Norwegen, wird dies bereits umgesetzt.

Das Forschungsteam der Studie schlägt vor, sich an dem zweistufigen Zertifizierungsverfahren aus Dänemark zu orientieren, das es ermöglicht, individuell nachgewiesene Kompetenzen zu zertifizieren und mit den Inhalten entsprechender Berufsausbildungen abzugleichen. Das Zertifikat kann dann der Planung weiterer Qualifizierungen oder dem Eintritt in den Arbeitsmarkt dienen.

Es könnte auf bereits in Deutschland bestehende Kompetenzpässe und ergänzende beschäftigungsbezogene Teilqualifikationen zurückgegriffen werden.

Beispiel Pflegeberuf: Die Kompetenzen der Pflegeaushilfskraft werden dokumentiert. Im Anschluss könnte über eine Nachqualifizierung das Kompetenzprofil in der Altenpflege mit verschiedenen Modulen vervollständigt werden und am Ende des Qualifizierungsprozesses der Berufsabschluss stehen.

3. Finanzierung:

In den sieben untersuchten Ländern gibt es staatliche, betriebliche und private Finanzierungsformen sowie verschiedene Mischformen. Anspruch auf eine überwiegend öffentliche Finanzierung besteht in der Schweiz sowie in Dänemark, Finnland, Frankreich und Norwegen.

In Deutschland könnte eine einkommensabhängige Unterstützung per BAföG oder Bildungsfonds einbezogen werden. Auch eine finanzielle Beteiligung der Unternehmen kann zielführend sein.

Beispiel Pflegeberuf: Das Verfahren zur Kompetenzfeststellung könnte für die Aushilfskraft in der Altenpflege kostenlos sein. Die Finanzierung der Nachqualifizierung würde über eine Kombination aus Bildungsgutschein und geringem Eigenanteil bzw. Arbeitgeberanteil erfolgen.

4. Institutionalisierung:

Eine geregelte Zuständigkeit, zum Beispiel durch einen rechtlichen Auftrag, und ein hoher Bekanntheits- und Anerkennungsgrad wie in der Schweiz, in Finnland, Frankreich und in den Niederlanden befördern eine allgemeine Akzeptanz von non-formal oder informell erworbenem Wissen.

Für Deutschland wird empfohlen, dass die Beteiligten aus dem Bereich der formalen Berufsbildung (Kammern) oder die Bundesagentur für Arbeit Aufgaben in den neu zu etablierenden Anerkennungsverfahren übernehmen.

5. Supportstrukturen:

Finnland bietet Interessierten flächendeckend und niedrigschwellig Zugang zu Informationen und Beratung bezüglich Anerkennungsverfahren in Form von Websites oder Online-Chats mit Fachleuten sowie Unterstützungsangeboten vor Ort.

Das Autoren-Team der Studie schlägt vor, dass analog dazu in Deutschland die Agenturen für Arbeit oder die Kammern mit der Beratungsaufgabe befasst sein könnten, da sie über vielfältige Beratungskompetenzen verfügen und flächendeckend als Beratungsstellen mit einer guten Verbindung zum Arbeitsmarkt etabliert sind.

Beispiel Pflegeberuf: Gut strukturierte Informationen auf einer Website und begleitende Informationsveranstaltungen können auf das Anerkennungsverfahren und diesbezügliche Beratungs- und Unterstützungsangebote aufmerksam machen.

Perspektiven für eine Anerkennungskultur non-formaler und informeller Kompetenzen in Deutschland

Mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten anerkannt zu werden, bedeutet für einen Menschen Wertschätzung, heißt es in der Broschüre. Deutschland braucht dringend ein bundesweit verbindliches Anerkennungssystem für Kompetenzen, die non-formal oder informell erworben wurden. Dafür sprechen soziale, ökonomische und rechtliche Gründe. Für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger könnten nach entsprechender Zertifizierung die vielfältige Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sie im Bereich von Familien- bzw. Pflegeaufgaben entwickelt haben, zum Bestandteil der Berufsbiografie werden. Eine neue Kultur der Anerkennung würde dazu beitragen, dass aus individuellen Kompetenzen berufliche Chancen werden.

Link:

Broschüre: „Wenn aus Kompetenzen berufliche Chancen werden“
Kurzfassung der Studie „Anerkennung non-formalen und informellen Lernens in Deutschland“ der Bertelsmann Stiftung, 2015

perspektive-wiedereinstieg.de:

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Foto: Bertelsmann-Stiftung, Arne Weychardt, Hamburg

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