Interview: „Berufliche Wiederein­stiegs­pläne frühzeitig in der Partnerschaft besprechen“, rät Hans-Georg Nelles

Ein beruflicher Wiedereinstieg kann ein Gewinn für die Partnerschaft sein. Damit sich diese Erwartung erfüllt, ist es wichtig, den Partner oder die Partnerin rechtzeitig einzubeziehen und den beruflichen Wiedereinstieg zu einem gemeinsamen Projekt zu machen. Der Sozialwissenschaftler und Organisationsberater Hans-Georg Nelles, der die Studie „Väter und der Wiedereinstieg der Partnerin“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verfasste, berichtet im Interview mit perspektive-wiedereinstieg.de von den Herausforderungen in diesem Kommunikationsprozess.

Foto: Hans-Georg Nelles

Perspektive-wiedereinstieg.de: Herr Nelles, was verändert sich in einer Partnerschaft, wenn einer bzw. eine von beiden nach einer Familienphase wieder in den Beruf einsteigt?

Hans-Georg Nelles: Wenn eine Mutter oder ein Vater eine längere Familienphase macht, in der sie oder er nicht berufstätig ist, ergibt sich zumeist eine bestimmte Arbeitsteilung: Die Person, die mit Kindern Zuhause ist, übernimmt die Verantwortung für die Haus- und Familienarbeit. Die andere weitet im Gegenzug oft die Berufstätigkeit aus. Sie ist ja jetzt alleine dafür verantwortlich, das Familieneinkommen zu sichern. In den meisten Fällen entscheiden sich - im Moment noch - die Mütter dafür, eine längere Familienphase zu machen. Ihre Partner sind dann in der Regel Vollzeit erwerbstätig. Mit dieser Aufgabenteilung münden die Paare in die klassische Rollenverteilung ein, die sie oft bereits aus ihren eigenen Elternhäusern kennen. Möchte die Person, die für die Arbeiten in Kindererziehung und Haushalt zuständig ist, wieder in den Beruf einsteigen, gilt es, die Aufgabenverteilung neu zu regeln. Das heißt, es gibt Gesprächs- und Aushandlungsbedarf in der Partnerschaft. Anlass für die Studie „Väter und der Wiedereinstieg der Partnerin“ waren zahlreiche Erfahrungen in Wiedereinstiegsprojekten. Hier zeigte sich, dass Frauen, die gerne wieder berufstätig werden wollten, diese Aushandlungen in der Partnerschaft vielfach vermeiden. Sie betreiben den beruflichen Wiedereinstieg quasi als „Geheimprojekt“ und stellen ihre Partner irgendwann vor vollendete Tatsachen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Worauf führen Sie das zurück?

Hans-Georg Nelles: Ich vermute, dass, wer nach einer langen Familienphase einen beruflichen Wiedereinstieg plant, befürchtet, der Partner oder die Partnerin würde nicht mitziehen und die Pläne nicht unterstützen. Die familiäre Aufgabenteilung, die sich im Laufe der Zeit ‚so eingespielt hat‘ ist vielfach auch mit Unzufriedenheiten und gegenseitigen Vorwürfen verbunden, und diese anzusprechen, fürchten sie, könnte zu einem Konflikt führen, den sie vermeiden wollen. Ihre Strategie sieht dann oft so aus, dass sie versuchen, das Projekt beruflicher Wiedereinstieg alleine zu bewältigen. Der Partner bzw. die Partnerin soll damit nicht behelligt werden. Für ihn oder sie soll sich möglichst wenig ändern. Das führt dann vielfach dazu, dass diese Art des Wiedereinstiegs das Familiensystem überfordert. Sie oder er gibt mit diesem Modell ja keine oder kaum Arbeitsaufgaben ab, gewinnt aber viele dazu. Das geht oft eine Weile gut. Vielfach ziehen sich die Betroffenen - durch die Überlastung frustriert – dann aber erneut aus dem Berufsleben zurück.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Was kann dazu beitragen, eine neue Balance in der partnerschaftlichen Aufgabenverteilung zu finden, die beide Beteiligten als vorteilhaft empfinden und die für beide tragbar ist?

Hans-Georg Nelles: Ich kann immer nur eines raten: miteinander reden, Erwartungen und Pläne besprechen und zusammen Umsetzungsstrategien erarbeiten. Es gibt ja gute Gründe, die dafür sprechen, dass beide Elternteile erwerbstätig sind und sich die Arbeit in Familie und Haushalt ebenfalls aufteilen. Meine Gespräche mit Vätern, deren Partnerinnen beruflich wieder eingestiegen sind, haben gezeigt, dass sie diese Vorteile sehr deutlich wahrnehmen. Viele Väter sehen den beruflichen Wiedereinstieg ihrer Partnerin als Chance an, das ursprünglich verfolgte Lebenskonzept einer egalitäreren Aufgabenverteilung in der Partnerschaft anzuknüpfen. So haben sie es vor der Familienphase häufig gelebt und das Modell als ideal empfunden. Alle Väter, mit denen ich sprach, sagten, es belaste sie, alleine für die finanzielle Absicherung der Familie zuständig zu sein. Geht die Partnerin zurück in den Beruf, verteilt sich diese Aufgabe auf zwei Paar Schultern. Außerdem erleben viele von ihnen, dass ihre Partnerin mit ihrer Rolle als Hausfrau unzufrieden ist. Sie erwarten, dass die Beziehung davon profitieren werde, wenn ihre Partnerin im Beruf anders als Zuhause gefordert ist und im Arbeitsleben Bestätigung findet. Daher geben die Väter an, dass sie ihre Partnerin gerne dabei unterstützen, wieder in den Beruf einzusteigen und dafür auch ihre eigene Arbeitszeit reduzieren würden. Diese Schritte müssen sie jedoch frühzeitig planen und mit ihrem Arbeitgeber oder ihrer Arbeitgeberin absprechen. Aus diesem Grund ist es so wichtig, aus einem beruflichen Wiedereinstieg kein „Geheimprojekt“ zu machen. Nur so kann dieses Lebensereignis zufriedenstellend bewältigt werden. Wenn in Partnerschaften die Einigung schwer fällt, wie der Wiedereinstieg zu bewältigen ist, dann sind Beratungsangebote hilfreich, die den Dialog in der Partnerschaft begleiten und eine einvernehmliche Entscheidungsfindung unterstützen. Das sollte ganz am Beginn des Wiedereinstiegsprozesses und auch vor eventuellen Qualifizierungsmaßnahmen stehen. Ich begrüße es daher sehr, dass die Trägerinnen und Träger der zweiten Phase des Modellprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ einen Schwerpunkt auf dieses Thema legen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Was können Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger sowie ihre Partnerinnen und Partner tun, damit der berufliche Wiedereinstieg dauerhaft gelingt? Welche Rahmenbedingungen sind dafür wichtig?

Hans-Georg Nelles: Das Projekt beruflicher Wiedereinstieg ist vor allem dann nachhaltig erfolgreich, wenn es gemeinsam rechtzeitig und gut geplant wurde. Dazu gehört auch, sich um Entlastung zu kümmern. Wer jüngere Kinder hat, sollte zum Beispiel die Kinderbetreuung in ausreichendem Umfang sicherstellen. Sinnvoll ist es, Vorkehrungen auch für den Fall zu treffen, das die reguläre Betreuung ausfällt. Paare können außerdem Haushaltnahe Dienstleistungen in ihr Unterstützungssystem einbeziehen. Damit die Partnerschaft wie erhofft vom beruflichen Wiedereinstieg profitieren kann, ist es empfehlenswert, Zeiten zu Zweit einzuplanen. Die können ruhig als feste Termine im Kalender stehen. Wichtig ist zu verstehen, dass, wenn neue Aufgaben hinzukommen, die Zeit fordern, es woanders Entlastungen geben muss. Das ist etwas, das Familien immer wieder neu ausloten müssen, damit die Lebensqualität für alle stimmt.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Vielen Dank für das informative Gespräch, Herr Nelles.

Links:

Hans-Georg Nelles, Informationen auf der Internetseite Väter & Karriere

Väter und der Wiedereinstieg der Partnerin - Ergebnisse qualitativer Interviews
Publikation des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Foto: Hans-Georg Nelles

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