Studie: Ausweitung des Erziehungsurlaubs veränderte die Einstellung zum Beruf

Verlieren Frauen durch eine längere Familienphase zunehmend das Interesse an einer beruflichen Karriere? Markus Gangl und Andrea Ziefle von der Goethe-Universität Frankfurt untersuchten, ob und wie sich die Ausweitung des Erziehungsurlaubs in Deutschland im Jahr 1992 auf die Erwerbsorientierung von Frauen auswirkte. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie kürzlich im international renommierten „American Journal of Sociology”.

Foto: Familie in der Küche

Seit 1992 ist es in Deutschland möglich, die Erwerbstätigkeit für die Betreuung und Erziehung eines Kindes bis zu 36 Monate zu unterbrechen. Dass sich dadurch die subjektiven Einstellungen – insbesondere der Frauen – zu Familie und Erwerbsarbeit änderten, zeigen Markus Gangl und Andrea Ziefle, beide tätig am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt. Dazu werteten sie Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Wiederholungsbefragung von Haushalten in West- und Ostdeutschland, im Zeitraum 1990 bis 2004 aus. Das Forschungsteam hat dazu die subjektive Erwerbsbereitschaft anhand von zwei Fragekomplexen des SOEP, in denen Frauen zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Relevanz von Berufstätigkeit für die eigene Lebenszufriedenheit einschätzten, gemessen.

Familienzentrierte Lebensumstände und familienpolitische Rahmenbedingungen verändern individuelle Präferenzen

Bis dato ging die Forschung davon aus, dass Arbeitgeber bzw. Arbeitgeberinnen die beruflichen Karrieren von Frauen, die nach einem längeren Erziehungsurlaub wieder erwerbstätig sein wollen, prägen, indem sie Müttern weniger anspruchsvolle Tätigkeiten anbieten. Markus Gangl und Andrea Ziefle zeigen nun erstmalig, dass dies in Deutschland nicht der einzige Grund für die beruflich nachteiligen Wirkungen längerer Familienphasen ist: "Die subjektive Erwerbsorientierung von Müttern nimmt im Laufe der Zeit deutlich ab, das heißt, diese Frauen verlieren durch die längere Auszeit [Familienphase] zunehmend das Interesse, an der eigenen beruflichen Perspektive zu arbeiten", sagt Andrea Ziefle.

Dieser Trend ist sowohl bei erwerbstätigen Frauen zu verzeichnen, die nach der Geburt des Kindes den gesetzlichen Anspruch nutzten, als auch bei nicht-erwerbstätigen Müttern, die von den neuen rechtlichen Regelungen nicht betroffen sind. Der geminderte Stellenwert der Erwerbsarbeit zeugt von einer starken Veränderung der individuellen Präferenzen nach der Geburt des Kindes. Sie unterscheidet sich zudem deutlich von den Präferenzen kinderloser Frauen.

Markus Gangl und Andrea Ziefle stellen in ihren Untersuchungen fest: Die Erweiterung des Erziehungsurlaubs wirkt sich stärker als bislang angenommen auf die Lebensbiographien von Frauen aus. Familienpolitische Rahmenbedingungen prägen subjektive Wertvorstellungen und haben damit Einfluss auf die individuellen Lebensentwürfe. Nach ihrer Einschätzung gibt es zwei Einflusskanäle, durch die die Politik die Einstellungen der Frauen indirekt verändert hat. Erstens: Mit dem Beginn der Familienphase erleben Mütter durch die Versorgung ihres Kindes intensive Veränderungen in den täglichen Routinen und Aktivitäten, verbunden mit einem anderen Status bezüglich der Erwerbstätigkeit sowie einem neuen Selbstverständnis als Mutter und den damit verbundenen Fremderwartungen. Durch die familienzentrierten Lebensumstände verändern sich im Laufe der Zeit auch die individuellen Präferenzen zu Ungunsten des Berufs. Zweitens wirkt die Familienpolitik auf eine eher direkte Weise, indem sie ein normatives Signal setzt, das die Bedeutung von Familienaufgaben unterstreicht, und das sich auf gesellschaftlicher Ebene multipliziert. Beide Aspekte passen gut zusammen und fördern sich wechselseitig, weil sie in dieselbe Richtung, nämlich Familienorientierung, zielen.

Die verschobenen Präferenzen werden in der Folge auch verhaltenswirksam, indem Frauen sich häufig nach der Geburt des Kindes für längere Familienphasen und damit eine spätere Rückkehr in den Beruf entscheiden. Erwerbstätigkeit wird zweitrangig. Bemerkenswerterweise ergibt sich dieser Einstellungswandel als unbeabsichtigte Folge des gewählten Lebensverlaufs.

"Aus einer anderen Studie, die wir im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, wissen wir, dass Mütter durch das neue Elterngeld schneller wieder in ihren Beruf zurückgekehrt sind", sagt Andrea Ziefle. "Jetzt arbeiten wir daran herauszufinden, ob sich die neue Familienpolitik der letzten Jahre auch in den subjektiven Einstellungen von Vätern und Müttern niedergeschlagen hat."

Familienpolitische Maßnahmen bewusst für die eigenen beruflichen und familiären Ziele einsetzen

Die aktuellen politischen Rahmenbedingungen wie die stärkere Einbeziehung der Väter in die Elternzeit, der Ausbau der Kinderbetreuung oder die verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Pflege durch die Pflegestärkungsgesetze bieten Frauen und Männern Handlungsoptionen, die es ihnen ermöglichen, das für sie passende Modell in Bezug auf anstehende Familienaufgaben und eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit zu wählen.

Links:

Frauen: Längere Job-Pausen führen zu weniger Lust auf Karriere
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin), Pressemitteilung vom 12.10.2015

„The Making of a Good Woman: Extended Parental Leave Entitlements and Mothers’ Work Commitment in Germany”
Aufsatz von Markus Gangl und Andrea Ziefle im „American Journal of Sociology” (Jg. 121, Heft 2)

Do Women Respond to Changes in Family Policy? A Quasi-Experimental Study of the Duration of Mothers’ Employment Interruptions in Germany
Aufsatz von Markus Gangl und Andrea Ziefle im European Sociological Review 30 (5): 562-581.

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