Zeitarbeit: Chance für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger?

Rund 11.000 Zeitarbeitsunternehmen gibt es in Deutschland. Sie sind in der Regel regional gut vernetzt und besitzen einen großen Stamm an Unternehmens­kundinnen und -kunden, denen sie die eigenen fest angestellten Beschäftigten für befristete Arbeitseinsätze ausleihen. "Zeitarbeit bietet beruflichen Wiederein­steiger­innen und Wiedereinsteigern eine Chance für die Rückkehr ins Erwerbsleben und kann mitunter ein Sprungbrett für die berufliche Karriere sein", sagen Fachleute aus der Branche.

Nicole Munk, GMW Personaldienstleistungen GmbH

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zeitarbeitsunternehmen verrichten ihre Tätigkeit nicht bei ihrem Arbeitgeber oder ihrer Arbeitsgeberin, sondern bei einem Kundenunternehmen, das ihre Arbeitsleistung einkauft. Da ein Zeitarbeits-unternehmen seine Beschäftigten anderen für einen befristeten Zeitraum überlässt bzw. ausleiht, sind auch die Begriffe Arbeitnehmerinnen- bzw. Arbeitnehmer-überlassung oder Leiharbeit gebräuchlich, erklärt Wolfram Linke, Pressesprecher des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. (iGZ).

Zusammenarbeit mit fast allen Branchen

Rund 11.000 Zeitarbeitsunternehmen gibt es in Deutschland. Etwa 90 Prozent von ihnen sind kleinere Betriebe mit nur einem Standort. Es gibt jedoch auch Groß­unternehmen mit Zweigstellen im gesamten Bundesgebiet. Zeitarbeitsunter-nehmen arbeiten – außer mit dem Bauhauptgewerbe – mit allen Branchen zusammen, sagt Wolfram Linke. 

Gemäß der Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit sind etwa die Hälfte der Beschäftigten in der Zeitarbeit Fachkräfte bzw. Expertinnen und Experten. Die andere Hälfte der Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter übt eine Hilfstätigkeit aus.

Arbeitseinsätze von mindestens sechs Monaten sind die Regel

Der Einsatz von Leiharbeitskräften sollte es Unternehmen ursprünglich vor allem ermöglichen, kurzfristige Auftragsspitzen abzufangen und dafür tage- oder wochenweise Aushilfskräfte zu beschäftigen. Inzwischen kommen Zeit-arbeit-nehmerinnen und -arbeitnehmer auch als Spezialistinnen und Spezialisten in Projekten, als Krankheits- oder Elternzeitvertretungen und sogar als Interims-Managerinnen bzw. -Manager zum Einsatz, berichtet der Experte. In der Regel suchen Unternehmen in diesen Fällen Arbeitskräfte, die für mindestens ein halbes Jahr einspringen. Projektbezogene Einsätze dauern teilweise auch zwei bis drei Jahre. Je höher qualifiziert eine Beschäftigte bzw. ein Beschäftigter ist, desto länger dauern normalerweise die einzelnen Arbeitseinsätze.

Kein Risiko für die Beschäftigten

Die Befristungen bedeuten für die Beschäftigten kein Risiko. Sie sind beim Zeit-arbeitsunternehmen fest sozialversicherungspflichtig angestellt und beziehen – auch in eventuellen einsatzfreien Zeiten – ein fortlaufendes Gehalt, das einem eigenen Tarifvertrag unterliegt, erläutert Wolfram Linke. Für elf Branchen – zum Beispiel die Metall-, Elektro- und die chemische Industrie – seien darüber hinaus Branchenzuschläge ausgehandelt worden. Für Hilfskräfte gelte bereits seit Anfang 2014 ein Mindestlohn von 8,50 Euro. Dennoch, so weist die Statistik der Bundesagentur für Arbeit aus, erzielen die Beschäftigte in der Zeitarbeitsbranche im Vergleich mit anderen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weiterhin unterdurchschnittliche Bruttoverdienste.

"Wir kennen den regionalen Arbeitsmarkt"

Ein Beispiel für ein solches Zeitarbeitsunternehmen ist die GMW Personal­dienstleistungen GmbH aus Karlsruhe. Das Unternehmen mit 19 Standorten in Baden-Württemberg und der Pfalz beschäftigt rund 1.300 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die es an seine jährlich etwas 600 Kundinnen und Kunden "entleiht". Die Zahl unserer Beschäftigten schwankt sehr stark, denn unsere Geschäfts-partnerinnen und -partner übernehmen viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihre eigene Stammbelegschaft, berichtet Nicole Munk, die die 1977 gegründete GMW in zweiter Generation führt. "Manche Betriebe nutzen Zeitarbeitsunternehmen inzwischen sozusagen als ausgelagerte Personalabteilung. Da wir mit vielen Unternehmen bereits lange zusammen­arbeiten, kennen wir die dortigen Arbeitsplätze und auch die Unternehmenskulturen sehr gut und wissen, wer wo am besten hinpasst. Wenn wir richtig lagen, zeigt sich das oft dadurch, dass die Unternehmen die Person anschließend weiter beschäftigen möchten und ihr einen entsprechenden Vertrag anbieten."

Viele Betriebe vertrauen auf Personalauswahl der Zeitarbeitsunternehmen

Oftmals lassen sich die Arbeitsgeberinnen und Arbeitgeber auf Rat ihres Zeitarbeitsunternehmens auch auf Menschen ein, für die sie sich im Bewerbungs-gespräch vielleicht nicht entschieden hätten, da sie zum Beispiel einen weniger gradlinigen Lebenslauf mitbringen, nach einer Familienphase beruflich wieder einstiegen wollen, ein bestimmtes Alter erreicht haben oder weil sie noch keine Berufserfahrung in einem Feld besitzen, in das sie gerne einsteigen möchten, erklärt Nicole Munk. Unsere Kundinnen und Kunden verlassen sich auf unsere gute Personalauswahl. Das ist häufig eine große Chance für eine berufliche Entwicklung und kann auch ein Sprungbrett in eine Festanstellung bei einem bestimmten Unternehmen sein.

Neue Ideen für passende Berufsfelder

Durch Gespräche mit den Fachleuten aus einem Zeitarbeitsunternehmen eröffneten sich für am beruflichen Wiedereinstieg Interessierte eventuell ganz neue Perspektiven: Wir kennen den regionalen Arbeitsmarkt sehr gut, wissen vielfach von Stellen, die gar nicht offiziell ausgeschrieben werden, und erkennen die Passungen zwischen dem Bedarf und den Qualifikationen und Fähigkeiten, die die Menschen mitbringen. Manchmal können wir sie dadurch auf Berufsfelder hinweisen, an die sie selbst noch gar nicht gedacht haben.

Teilzeitarbeit ist möglich

Auch auf Teilzeitwünsche gehen Zeitarbeitsunternehmen – zumindest bei Bewerberinnen und Bewerbern mit Büroberufen – vielfach ein. Es ist zwar nach wie vor deutlich einfacher, Vollzeitbeschäftigte in Arbeitseinsätze zu vermitteln. Doch viele Unternehmen stellen sich um, denn die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist in zahlreichen Branchen sehr angespannt, sagt die Geschäftsführerin. Den Trend zu mehr Teilzeitarbeit bestätigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die berichtet, dass der Vollzeitanteil in der Zeitarbeit von 2004 bis 2011 von 96 auf 91 Prozent gefallen ist.

Übernahme in ein Einsatzunternehmen

Nicht wenige Beschäftigte in der Zeitarbeit möchten gerne in ein Kunden­unternehmen wechseln. Im Rahmen des Projekts "Zeitarbeit als Brücke in den Arbeitsmarkt?!" der Initiative "Faire Arbeit - Fairer Wettbewerb" des Landes Nordrhein-Westfalen wurde eine Befragung von Einsatz- und Zeitarbeits­unternehmen sowie ehemaligen Zeitarbeitskräften durchgeführt. Ziel war es herauszufinden, was Zeitarbeitnehmerinnen bzw. -arbeitnehmer tun können, um die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme durch das Einsatzunternehmen zu erhöhen. Zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren gehören demnach, sich einsatz- und lernbereit zu zeigen, die genauen Erwartungen an die gewünschten Leistungen zu erfragen, Feedback einzuholen, sich über eventuelle Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren und das Interesse an einer Übernahmen auch zu kommunizieren.

Doch nicht alle Zeitarbeitnehmerinnen und -nehmer strebten eine Übernahme in den Einsatzbetrieb an. Einige Beschäftigten schätzten die Abwechslung, die Zeitarbeit biete, sagt Nicole Munk. Unser Beschäftigter mit der längsten Betriebszugehörigkeit ist seit 36 Jahren bei uns und hat bereits mehrere andere Anstellungsangebote ausgeschlagen. Wie die  Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit zeigt, sind solch lange Betriebszugehörigkeiten allerdings nicht repräsentativ.

Was zeichnet ein gutes Zeitarbeitsunternehmen aus?

Wer sich in seiner Region nach einem guten Zeitarbeitsunternehmen umsehen möchte, könnte darauf achten, ob der Betrieb in einem der beiden Arbeit­geber­verbände iGZ bzw. BAP (Bundesarbeitgeberverband der Personal­dienstleister e.V.) organisiert sei. Wer bei uns Mitglied ist, hat sich auf einen Ethikkodex verpflichtet, der den fairen Umgang mit Kundinnen und Kunden sowie mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelt. Beschäftigte aus iGZ-Mitgliedsunternehmen können zum Beispiel bei einem Fehlverhalten ihres Arbeitgebers bzw. ihrer Arbeitsgeberin eine Kontakt- und Schlichtungsstelle anrufen, die ihr Anliegen prüft, berichtet Wolfram Linke. Werden die Vorwürfe zu Recht erhoben und das Unternehmen nimmt keine Veränderungen vor, wird es aus dem Verband ausgeschlossen. Das ist in der Vergangenheit auch bereits mehrfach geschehen. Außerdem rät er Bewerberinnen und Bewerbern, darauf zu achten, dass das Zeitarbeitsunternehmen sie umfassend über ihre Rechte und Pflichten aus dem Arbeitsvertrag aufklärt.

Nicole Munk findet es zudem wichtig, dass „die Chemie stimmt“, Ansprechpersonen freundlich und verlässlich sind, die Büro-Öffnungszeiten passen und sich die Bewerberinnen und Bewerber gut betreut fühlen. Außerdem empfiehlt sie einen Blick auf die Unternehmenswebsite: Dort gibt es in der Regel zum Beispiel Informationen dazu, wie lange ein Unternehmen bereits am Markt ist und ob es sich in der Region engagiert. Das ist oft sehr aussagekräftig.

Einige Zeitarbeitsunternehmen bieten ihren Beschäftigten auch Qualifizierungen in den verleihfreien Zeiten an, andere werben mit einem Qualitätsmanagementsystem oder verfügen über Auszeichnungen als beschäftigten- bzw. familienfreundlicher Betrieb. Dies können ebenfalls wichtige Hinweise darauf sein, dass es sich um ein Unternehmen handelt, zu dem es sich lohnt, Kontakt aufzunehmen.

Links:

Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. (iGZ)

GMW Personaldienstleistungen GmbH

Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister e.V. (BAP)

Arbeitsmarkt in Deutschland – Zeitarbeit – Aktuelle Entwicklungen
Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit, Februar 2018

"Zeitarbeit als Brücke in den Arbeitsmarkt?! Tipps für Zeitarbeitskräfte"
Faltblatt der Initiative "Faire Arbeit - Fairer Wettbewerb" des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen

Foto: GMW, Nicole Munk

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