Interview: "Vision plus Pragmatismus – ein gutes Erfolgs­gespann für die Unternehmens­gründung", sagt bga-Leiterin Iris Kronenbitter

Iris Kronenbitter ist Leiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga). Seit zehn Jahren unterstützt die bga bundesweit gründungsinteressierte Frauen mit Informationen und Beratung dabei, ihre zum Lebenskontext passende Unternehmensidee zu verwirklichen. Das sei ein spannender Prozess, da sich durch bestimmte Branchen wie zum Beispiel Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt, Silver Economy und Pflege neue Chancen eröffnen, berichtet die Gründungsexpertin im Interview mit perspektive-wiedereinstieg.de.

Foto: Iris Kronenbitter

perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Kronenbitter, Sie beraten seit zehn Jahren Frauen, die eine berufliche Selbstständigkeit anstreben. Regen längere Familienphasen Frauen dazu an, sich selbstständig zu machen?

Iris Kronenbitter: Zu vielen Gründerinnen-Biografien gehört auch eine Familienphase. Die berufliche Selbstständigkeit ist oft eine gute Lösung, um dem individuellen Lebenskontext gerecht zu werden und unterschiedliche Lebensbereiche miteinander verbinden zu können. Kompetenzen, die in der Familienphase auf- oder ausgebaut wurden, sind oft hilfreich für eine berufliche Selbstständigkeit. Viele Wiedereinsteigerinnen haben Führungserfahrungen gesammelt und innerhalb ihrer Familien eine erfolgreiche Teamkultur etabliert. Sie haben gelernt, gleichzeitig auf unterschiedliche Anforderungen zu reagieren und sie im besten Fall auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Häufig sind sie darin geübt, mit Stress- und Belastungssituationen umzugehen und Gelassenheit zu bewahren, wenn Dinge nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten umzusetzen sind. All diese Faktoren kommen ihnen bei der Unternehmensgründung und -führung zugute. Immer mehr berufliche Wiedereinsteigerinnen ziehen die unternehmerische Selbstständigkeit als Alternative zur Festanstellung für sich in Betracht.

perspektive-wiedereinstieg.de: In welchen Branchen und Geschäftsfeldern sehen Sie aktuell die größten Chancen für Gründerinnen?

Iris Kronenbitter: Generell lässt sich nicht sagen, wo die größten Chancen liegen. Es kommt auf die Gründungsidee an und auf die Frage, ob für das Produkt bzw. die Dienstleistung ein Markt vorhanden ist. In der Regel gründen Frauen in Bereichen, die mit ihrer Ausbildung korrespondieren, d. h. sie wählen häufig frauentypische Berufsfelder. Was wir von der bga aber vermehrt feststellen, ist, dass Gründerinnen an Schnittstellen zwischen zwei unterschiedlichen Fachbereichen eine Geschäftsidee entwickeln. Ich nenne das Scharnierbereiche, z. B. die Bio-Informatik als Schnittstelle von Biologie und Informationstechnologien, einer Kombination aus Theorie und praktischer Anwendung. Auch der Bereich Umwelt sowie die sogenannte Silver Economy (Dienstleistungen bzw. Produkte für Seniorinnen und Senioren) sind beliebte Branchen für Gründerinnen. Früher galt die Gesundheitsbranche aufgrund ihrer Strukturen als ungeeignet für die Selbstständigkeit, heute ist gerade in der ambulanten Pflege ein großer Markt für Unternehmensgründungen entstanden. Nicht zuletzt wird die Digitalisierung der Lebens- und Arbeitswelt mit ihrem bahnbrechenden Tempo in Zukunft sicherlich viele neue Geschäftsfelder eröffnen, in denen Frauen sich verwirklichen können.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Beratungsleistungen empfehlen Sie Frauen im Vorfeld einer Gründung in Anspruch zu nehmen?

Iris Kronenbitter: Jede Gründung ist anders und jede Gründerin steht an einem anderen Punkt in diesem individuellen Prozess. Unsere Beratungslandschaft in Deutschland ist wie ein modularer Baukasten. Im bga-Verbund gibt es in den 16 Bundesländern insgesamt über 500 Einrichtungen für eine Erst- und Orientierungsberatung speziell für Existenzgründerinnen. Mehr als 1.300 Expertinnen und Experten unterstützen Frauen im Gründungsprozess mit vertiefenden Fach- und Branchenkenntnissen. Dazu kommen über 340 Netzwerke für Gründerinnen und Unternehmerinnen, die über die bga zugänglich sind.

Und der Erfolg gibt den auf die Bedarfe von Frauen spezialisierten Beratungseinrichtungen Recht: Die Quoten der gegründeten Unternehmen, die auch nach drei bis fünf Jahren noch erfolgreich am Markt aktiv sind, liegen hier viel höher als bei den Einrichtungen ohne zielgruppenspezifischem Ansatz. Auch die Stiftung Warentest kam vor einigen Jahren in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Frauen am besten von Angeboten speziell für Gründerinnen profitieren. Wir von der bga können das bestätigen: Eine Gründung muss zum Leben und zur Gründerin selbst passen. Das ist ein Gesamtpaket, das in der Beratung berücksichtigt werden muss.

Wer noch ganz am Anfang des Gründungsprozesses steht, kann unser „eTraining für Gründerinnen“ nutzen. Das interaktive Lernprogramm mit seinen vielseitigen Übungen, Schaubildern, Texten und Hintergrundmaterialien zu Themen wie Zeitmanagement, Teamgründung, Businessplan, Finanzierung oder auch persönliche Absicherung ist sehr beliebt und wird von der bga immer aktuell gehalten.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Frauen in Deutschland auf ein gutes Gründungsklima und ein vielfältiges professionelles Unterstützungsangebot treffen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Kompetenzen sind aktuell gefragt? Was braucht die Unternehmerin heute?

Iris Kronenbitter: Das Spektrum an nützlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten ist breit und abhängig von der Branche, in der die Frauen gründen. Wichtig ist eine innere Triebfeder. Das Herz sollte für die Geschäftsidee schlagen. Die Frauen sollten überzeugt und begeistert sein von den Produkten und Dienstleistungen, die sie zu bieten haben. Fachkenntnisse kann man sich aneignen. Sicherlich sind auch Kontakte in der Branche von Vorteil. Junge Gründerinnen bringen meist mindestens Grundkenntnisse mit, die durch die Digitalisierung erforderlich sind. Für Unternehmerinnen der älteren Generation kann es sinnvoll sein, digitale Kompetenzen zu erwerben, um Betriebsprozesse effektiver steuern zu können.

Was heute anders ist als noch vor ein paar Jahren – Die Gründerinnen sagen: Ich mache das, was ich am besten kann. Die Aufgaben, die gemacht werden müssen, aber nicht zu meinen Kernkompetenzen gehören, gebe ich an andere ab, die sich darauf spezialisiert haben. Die Gründerinnen wollen heute nicht mehr alles alleine machen, sondern schaffen sich auf diese Weise Freiräume. Das ist angesichts der Digitalisierung mit ihrer Verdichtung der Arbeitsprozesse und der ständigen Erreichbarkeit auch wichtig. Es sollte Zeit bleiben, ab und zu zur Seite zu treten, für eine kurze Zeit bewusst aus dem Tagesgeschäft rauszugehen. Das setzt kreative Potenziale frei, die es braucht, um sich immer wieder mit neuen Ideen am Markt präsentieren zu können.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie können berufliche Wiedereinsteigerinnen den Schritt in die Existenzgründung angehen? Brauchen sie eine besondere Qualifizierung?

Iris Kronenbitter: Aus unserer Erfahrung bringen Frauen, die sich für die selbstständige Erwerbstätigkeit entscheiden, meistens die notwendigen Fähigkeiten mit, denn sie sind gut  qualifiziert, sehr engagiert und wollen erstklassige Ergebnisse erzielen. Nach einer beruflichen Auszeit fällt es ihnen aber vielfach schwer, diese Fähigkeiten an sich zu erkennen und sie erneut in professionellen Zusammenhängen einzusetzen. Und dass Frauen eher zur Untertreibung als Übertreibung ihrer Kompetenzen neigen, ist ein bekanntes Phänomen. Die bga bietet daher über ihr umfangreiches Netzwerk von Expertinnen und Experten die Möglichkeit, bereits früh externe Beratung einzuholen. Durch die Sicht von außen erhalten die Frauen eine realistische Einschätzung des Gründungsvorhabens, bekommen Unterstützung für die konkrete Businessplanung und dabei, die eigenen Stärken und Schwächen auszuloten. Auf diese Weise können die Frauen gut vorbereitet in die berufliche Selbstständigkeit starten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Rolle spielt nach Ihrem Empfinden die persönliche Entwicklung, damit man die Vision, die man von sich als Unternehmerin und der Unternehmung selbst hat, nachhaltig erfolgreich umsetzen kann?

Iris Kronenbitter: Das Gros der Frauen gründet im Alter von Mitte 40. Es ist toll zu sehen, mit welcher Souveränität und Lebenserfahrung die Frauen agieren. Sie sagen klarer, was ihnen in ihrer jeweiligen Lebenssituation sowie beruflich gut tut und was sie eben nicht wollen. Eine Vision zu haben, klingt mir etwas zu groß. Sicherlich sind die Gründungsidee und eine Vorstellung davon zu haben, was es heißt, Unternehmerin zu sein, wichtig. Was mir allerdings eher auffällt, ist, dass die Frauen mit einem großen Kompetenzprofil in die Gründung einsteigen, den Markt analysieren und ihr Portfolio aus Produkten und Dienstleistungen an die Bedarfe der Kundinnen und Kunden anpassen. So kommt es vor, dass Gründerinnen bereits nach einem Jahr ein neues Produktspektrum anbieten. Ich würde also sagen, dass Vision plus Pragmatismus ein gutes Erfolgsgespann für die Unternehmensgründung ist.

Über die bundesweite gründerinnenagentur (bga)

Die bga bündelt Informationen zu Beratungsangeboten von Expertinnen und Experten, Beratungseinrichtungen und Netzwerken in ganz Deutschland. Sie ist Ansprechpartnerin für Gründerinnen und Unternehmerinnen sowie für Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik sowie Medien und wurde von der Europäischen Kommission als europäisches Erfolgsmodell ausgezeichnet. Die bga wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), dem Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Ministerium für Finanzen und Wirtschaft des Landes Baden-Württemberg.

Links:

gründerinnenagentur (bga)
Webseite

Gründerinnen und Unternehmerinnen in Deutschland – Daten und Fakten IV
bga-Publikation Nr. 39, 2015

www.perspektive-wiedereinstieg.de:

Gründungsgeschichten

Berufliche Selbstständigkeit

Selbstständigkeit: Lohnt sich das?

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