Interview mit Trainerin Julia Glöer: Neue Wege zum passenden Arbeitsplatz

Trainerin Julia Glöer aus Hamburg vermittelt beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern Methoden und Strategien, um den persönlichen Berufsweg zu planen, zielgerichtet Kontakte in die Zielbranche aufzubauen und für den beruflichen Einstieg zu nutzen. Für die vierwöchigen Vollzeitseminare in Hamburg können Berechtigte Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur oder der Jobcenter nutzen.

Foto: Julia Glöer

perspektive-wiedereinstieg.de: Mit welcher Zielsetzung kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Ihre Seminare?

Julia Glöer: Menschen, die meine Seminare besuchen, möchten sich beruflich neu orientieren. Sie wissen aber noch nicht, welcher Tätigkeit sie sich zuwenden und welchen Weg sie einschlagen wollen. Oft haben Menschen, die nach einer längeren Familienphase wieder erwerbstätig werden wollen, nämlich keinen Beruf, an den sie anknüpfen können. Diesen Wunsch nach beruflicher Neuorientierung in der Mitte des Lebens, wenn klar ist, dass noch rund 25 Berufsjahre vor einem liegen, erlebe ich jedoch genauso bei vielen Menschen, die durchgängig erwerbstätig waren. Aus meiner Sicht liegt das daran, dass wir hier in Deutschland unsere beruflichen Karrieren nicht planen. Sie kommen vielfach eher zufällig zu Stande und es ist meist glücklichen Umständen zu verdanken, wenn Menschen eine Arbeit haben, die ihnen entspricht und mit der sie zufrieden sind. Einer Arbeit nachgehen zu wollen, die einen ausfüllt, nehmen viele in unserer Gesellschaft als einen zu hohen Anspruch wahr. Sei froh, dass du Arbeit hast“, lautet die Devise. Daher verbieten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Seminaren den Wunsch nach einem „Traumjob“ auch oft. Er scheint ihnen unrealistisch und anmaßend, denn sie rechnen sich wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus.

perspektive-wiedereinstieg.de: Ist das nicht eine realistische Sicht der Dinge?

Julia Glöer: In der Regel können Menschen mehr erreichen als sie zunächst annehmen. Ich arbeite in meinen Seminaren mit Methoden, mit denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer Gruppe von Gleichgesinnten ihre persönlichen beruflichen Ziele ausloten und eine völlig neue Art der Stellensuche lernen, mit der diese Ziele oftmals erreichbar sind. Sie erleben durch das Seminar, wie viel sie können und dass sie gute Chancen haben, diese Fähigkeiten im Erwerbsleben einzubringen. Die Methoden, die ich dabei nutze, heißen Life Work Planning (LWP), zu deutsch: Arbeits- und Lebensplanung und TIV. TIV steht für themen- und interessebasierte Vermarktung und ist meine Weiterentwicklung der sogenannten P.I.E.-Methode.

perspektive-wiedereinstieg.de: Das hört sich spannend an. Wie entdecken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer denn ihre Talente?

Julia Glöer: Entdecken ist das richtige Wort, denn wenn es um die eigenen Fähigkeiten geht, haben Menschen einen blinden Fleck. Um den zu beleuchten, schreiben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Erlebnisberichte. Sie erzählen darin von Dingen, die ihnen Spaß gemacht haben und bei denen sie Erfolg hatten. Fragt man die Autorinnen und Autoren, welche Fähigkeiten sie genutzt haben, um die Aufgabe erfolgreich zu meistern, fällt ihnen wenig ein. Sie betonen zumeist das Offensichtliche oder die Aspekte, die ihnen schwer fielen. Die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Seminar steuern die Außensicht bei. Sie können zur Überraschung des Erzählers oder der Erzählerin oft ohne Probleme 20 bis 30 Fähigkeiten aufzählen, die nötig sind, um die geschilderte Situation gut zu bewältigen. Dadurch und aus den ganz unterschiedlichen Erlebnisberichten der anderen wird jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin klar: „Ich habe besondere Fähigkeiten und eine besondere Weise an Aufgaben heranzugehen. Gerade bei Tätigkeiten, die mir leicht von der Hand gehen, nehme ich oft nicht wahr, das in dieser Leichtigkeit mein Talent zum Ausdruck kommt.“

perspektive-wiedereinstieg.de: Reichen denn Fähigkeiten alleine aus, um eine neue berufliche Karriere zu starten? Ist nicht vor allem Fachwissen gefragt?

Julia Glöer: Die meisten Menschen überschätzen die Bedeutung des Fachwissens. Die Life-Work-Planning-Methode unterscheidet drei Kategorien, die im Berufsleben gefragt sind: Eigenschaften, Wissen und Tätigkeiten. Wenn wir uns die Tagesabläufe an vielen Arbeitsplätzen anschauen, sehen wir, dass der Bereich der Tätigkeiten den allergrößten Teil abdeckt. Etwaige Wissenslücken füllen die Beschäftigten dann auf, wenn dieses Wissen tatsächlich gefragt ist. Viele, die eine Anstellung suchen oder sich selbstständig machen wollen, meinen, erst Fachwissen für alle Eventualitäten erworben haben zu müssen, um überhaupt starten zu können. Ihr Wissen reicht in ihren Augen nie aus. Sie reihen eine Weiterbildung an die andere und häufen fachliches Know-how an, dass sie wahrscheinlich großteils nie anwenden werden. Ich ermutige die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stattdessen, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und den Schritt in die Arbeitswelt zu gehen. Weiterbildungen sind dann sinnvoll, wenn klar ist, dass und wie sie sich auszahlen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie finden die Frauen und Männer, die nun ihre Fähigkeiten besser kennen, einen Beruf, der dazu passt?

Julia Glöer: Wir nutzen bei der LWP-Methode ein Diagramm, mit dem sich jede Beschäftigung, jede Nische und Stelle genau beschreiben lässt. In diese Beschreibung geht das, was jemand tut ebenso ein, wie die Art der Firma bzw. Organisation, in der er oder sie arbeiten möchte. Berufsbezeichnungen wie zum Beispiel kaufmännische Angestellte oder kaufmännischer Angestellter sind oft viel zu allgemein. Sie decken bei den inhaltlichen Tätigkeiten eine viel zu große Bandbreite ab und berücksichtigen nicht, wo und für wen eine Arbeit ausgeübt wird. Daher schauen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, welche Tätigkeiten sie genau ausüben wollen. Wenn sie das herausgearbeitet haben, überlegen sie, in welchen Branchenfeldern sie ihre Fähigkeiten einbringen können und für welche Produkte, Themen oder Anliegen sie sich engagieren möchten. Die Frauen und Männer erarbeiten sich jeweils mehrere Alternativen bevor wir in die Praxisphase starten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Gehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jetzt auf Stellensuche?

Julia Glöer: Nicht direkt, sie trainieren zunächst die neue TIV-Strategie dafür. In der Startphase suchen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils zu zweit eine Branche, in der sie probeweise Kontakte aufbauen, indem sie in entsprechende Unternehmen gehen und Beschäftigte zu ihrer Arbeit befragen. Wir haben das vorher ausführlich geübt. Dabei merken sie, wie hilfsbereit und unterstützend die meisten sind und dass es leicht ist, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Im nächsten Schritt, der Informationsphase, nehmen sie Kontakt zu Menschen auf, die erfolgreich in dem Arbeitsfeld arbeiten, das sie für sich in Betracht ziehen. Dabei können sie ihr Bild von der Arbeit dort mit der Praxis abgleichen, in Erfahrung bringen, wie der Einstieg in die Branche am besten gelingt und wen sie außerdem kontaktieren könnten. Entweder bestärkt sie das in ihrem Wunsch, eine solche Arbeit anzustreben, oder sie ändern ihre Pläne. Dazu hatte sie ja vorher bereits Alternativen erarbeitet. Vielfach geben die Menschen, mit denen sie sprechen, ihnen ebenfalls wichtige Hinweise. Hat sich der Berufswunsch gefestigt, gehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Zielphase über. Sie bauen Kontakte zu Personen in ihrem künftigen Arbeitsfeld auf, mit dem Ziel, Vorstellungsgespräche führen zu können und eine Anstellung zu bekommen. Die TIV-Strategie ist übrigens genauso gut für diejenigen geeignet, die sich selbstständig machen wollen. Sie können auf diese Weise hervorragend Kunden akquirieren.

perspektive-wiedereinstieg.de: Die Methode hört sich prima an. Setzen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sie auch weiter um, wenn der Kurs vorbei ist?

Julia Glöer: Vor einigen Jahren entdeckte ich das Zürcher Ressourcenmodell (ZRM), das ich inzwischen nutze, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei zu unterstützen, das Gelernte auch anzuwenden. In der Vergangenheit habe ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass das eine große Schwierigkeit ist. Unbewusst gibt es oft „gute Gründe“, warum wir Dinge, die wir uns willentlich vorgenommen haben, nicht umsetzen. Eine sehr harmoniebedürftige Person könnte zum Beispiel die Befürchtung, dass der berufliche Wiedereinstieg in der Partnerschaft Konflikte auslöst, von der Umsetzung abhalten. Andere haben vielleicht in der Vergangenheit „gelernt“, dass sie nicht stark und selbstbewusst sein sollen. Solche Hindernisse machen wir sichtbar. Um sie zu überwinden, setzen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer „Identitätsziele“, die sie mit einem Bild und einer Maxime verbinden. Die Ziele drücken aus, wie sie als Person sein wollen. Erinnerungszettel mit dem Merksatz installieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihrem täglichen Umfeld. Das erinnert sie daran, ihr Ziel im Auge zu behalten. ZRM ist eine sehr effektive Methode des Selbstmanagements, die Erfolge sind empirisch belegt. Im Anschluss an den Kurs unterstützen sich die Teilnehmerinnen und Teilenehmer auch weiter gegenseitig. Sie treffen sich regelmäßig in Kleingruppen oder Coachingteams. Das motiviert sehr und hilft ihnen dabei, weiterhin eigene blinde Flecken sichtbar zu machen und Ziele umzusetzen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Vielen Dank für das spannende Gespräch, Frau Glöer.

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Julia Glöer, PLB-Institut, Hamburg
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