Nachbericht: Fachtagung "Faire Chancen für Familien­ernäh­rerinnen"

Die Gleichung Frau = Zuverdienerin gilt längst nicht mehr. In fast 40 Prozent der Familien erwirtschaftet die Frau rund die Hälfte oder sogar den größeren Anteil des gemeinsamen Einkommens. Während einer Fachtagung des DGB-Projekts Familienernährerinnen im Januar 2013 forderten Fachleute faire Chancen für Familienernährerinnen, die oft eine Doppelbelastung durch Beruf und Familienaufgaben bewältigen müssen und vielfach weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Foto: Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer

In nahezu jeder fünften Familie ist die Frau Haupt- oder sogar Alleinverdienerin. Doch die Rahmenbedingungen, unter denen Frauen die Rolle der Familienernährerin übernehmen, sind zumeist andere als für Männer in dieser Situation. Familienernährerinnen sind, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung belegt, vielfach ebenfalls (überwiegend) für die Kinderbetreuung und Haushaltsführung zuständig. Familienernährerinnen kämpfen besonders oft mit ungünstigen oder unflexiblen Arbeitszeiten. Hinzu kommt, dass es viele Familienernährerinnen nicht schaffen, einen „Familienlohn“ zu erwirtschaften. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanzierte Projekt „Familienernährerinnen“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) macht auf diese Situation aufmerksam. Wissenschaftliche Studien zur Situation von Familienernährerinnen von Dr. Ute Klammer, Professorin an der Universität Duisburg-Essen, und Dr. Christina Klenner, Abteilungsleisterin Frauen- und Geschlechterforschung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut der Hans-Böckler-Stiftung,  bilden die wissenschaftliche Grundlage zum Projekt „Familienernährerinnen“. Fakt ist: Jede Frau kann in ihrem Leben Familienernährerin werden. Gründe können z.B. sein eine Scheidung, wenn der Partner seinen Job verliert oder weil sie beruflich erfolgreicher ist.

In der ersten Projektphase von 2010 bis 2012 wurde eine sogenannte Roadmap entwickelt, die Handlungsempfehlungen für gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure aufzeigt und Arbeitsgrundlage für die weitere Projektzeit bis 2014 ist. Bei der Fachtagung im Januar 2013 in Berlin stellten wir die gewonnenen Erkenntnisse vor und diskutierten die bereits erarbeiteten möglichen Handlungsansätze im politischen Umfeld, sagt Carolin Häberlein vom DGB-Projektteam. Es geht uns um folgende Fragestellungen: Wie lassen sich traditionelle Rollenvorstellungen für Frauen und Männer auflösen? Was trägt dazu bei, Frauen eine eigenständige Existenzsicherung zu ermöglichen? Und was kann es Menschen erleichtern, Berufs- und Fürsorgeaufgaben gut auszubalancieren?

Mögliche Antworten auf diese Fragen boten auf der Fachtagung, zu der rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Gewerkschaften und Institutionen gekommen waren, Stoff für Diskussionen. Ein Grußwort  von Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder, vorgetragen von der Abteilungsleiterin für Gleichstellung und Chancengleichheit Renate Augstein und ein Grußwort der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Ingrid Sehrbrock, leiteten die Tagung ein. Ute Klammer machte in ihrem wissenschaftlichen Vortrag deutlich, dass viele Familienernährerinnen eigentlich ein anderes Lebenskonzept mit ihren Ehemännern gewählt hatten und nun oft unfreiwillig die Rolle der Hauptverdienerin übernehmen. Es folgte eine politische Talkrunde, an der Ingrid Fischbach (CDU/CSU), Dagmar Ziegler (SPD), Miriam Gruß (FDP), Kerstin Andreae (Die Grünen) und  Cornelia Möhring (Die Linke) sowie Ingrid Sehrbrock teilnahmen. Als abschließenden Höhepunkt gab es drei World-Cafés, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Fachleuten folgende Themen diskutierten: Stereotype waren gestern - Männer als Zuverdiener?, Auf eigenen Beinen stehen – Wie fassen Frauen beruflich (wieder) Fuß? und Was nicht passt, wird passend gemacht – Arbeitszeiten im Lebensverlauf?

Existenz der Familie sichern

Um in ausreichendem Umfang arbeiten und ihre Familien so wirtschaftlich absichern zu können, sei es nötig, dass Frauen auf eine ausreichende Kinderbetreuungsinfrastruktur zurückgreifen könnten, waren sich die Rednerinnen und Redner einig. Ein gesetzlicher Mindestlohn könnte es vielen Frauen zudem erleichtern, ein existenzsicherndes Einkommen zu erwirtschaften, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Neben dem Recht, aus familiären Gründen die Arbeitszeit zu reduzieren, müsse daran anschließend ein rechtlicher Anspruch bestehen, nach einer familienbedingten Teilzeitbeschäftigung auf eine Vollzeitstelle zurückzukehren. Auch eine verstärkte Qualifizierung oder Umschulung von Frauen könne dazu beitragen, die Einkommenssituation derjenigen zu verbessern, die derzeit zu wenig verdienen, um ihre Familie davon ernähren zu können. Einig waren sich die Diskutierenden, dass Anstrengungen nötig seien, um sicherzustellen, dass Frauen und Männer für vergleichbare Arbeit auch gleich bezahlt würden. Einer der Gründe für die derzeitige Entgeltungleichheit sei in veralteten Rollenbildern zu suchen. Dabei seien Frauen längst keine Zuverdienerinnen mehr.

Fehlanreize abbauen - beruflichen Wiedereinstieg erleichtern

Fehlanreize, wie sie die beitragsfreie Mitversicherung von Ehefrauen in der Krankenkasse oder die Minijobs setzten, müssten beseitigt werden, betonte Ute Klammer. Sie führten dazu, dass viele Frauen die eigene berufliche Entwicklung nicht konsequent verfolgten bzw. lange Erwerbspausen machten. Das stelle sie später beim beruflichen Wiedereinstieg vor Probleme und erschwere es nötigenfalls ausreichend zu verdienen, um die Familie zu ernähren. Mentoringprogramme und individuelle Beratung könnten beruflichen Wiedereinsteigerinnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern, lautete ein Vorschlag.

Beruf und Familie vereinbaren

Sehr viele Familienernährerinnen stehen vor der Herausforderung, eine umfangreiche Erwerbstätigkeit mit Fürsorgeaufgaben unter einen Hut bringen zu müssen. Neben passgenauer Kinderbetreuung ist ein zeitlich und räumlich flexibles Arbeiten ein wesentlicher Faktor, der ihnen das erleichtern kann. Professorin Ute Klammer sprach sich für eine Abkehr von der Präsenzkultur und für rund 30 Wochenstunden als Regelarbeitszeit aus. Andere Vortragende betonten, dass Teilzeitarbeit nicht länger eine Karrierefalle sein dürfe und Führungsaufgaben auch an Teilzeitarbeitskräfte vergeben werden sollten.

Uns ist es wichtig, diese Themen immer wieder in die Diskussion zu bringen und Akteurinnen und Akteure in Politik und Wirtschaft dafür zu sensibilisieren, sagt Carolin Häberlein. Wir führen dazu im Rahmen unseres Projekts 'Familienernährerinnen' politische Gesprächsrunden und Qualifizierungsseminare mit betrieblichen Akteurinnen und Akteuren in unterschiedlichen Regionen Deutschlands durch. Es sollen Netzwerke entstehen, die über das Projektende im Februar 2014 hinaus weiterbestehen und die helfen, Rahmenbedingungen für Familienernährerinnen vor Ort konkret zu verbessern.

Links:

Fachtagung - Faire Chancen für Familienernährerinnen
Dokumentation der Fachtagung auf der Projektwebsite www.familienernaehrerin.de

Worten müssen Taten folgen!
Beitrag zur Fachtagung  in der DGB-Zeitschrift Frau geht vor zum Download auf der Projektwebsite www.familienernaehrerin.de

Foto: DGB / Frank Meissner

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