Familienreport 2014: Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf als zentrales Anliegen

Wie wird Familie heute gelebt? Welche Werte bestimmen den Alltag von Paaren zwischen Familie und Beruf? Welche Unterstützung bietet die Politik an? Wie reagiert die Wirtschaft auf veränderte Bedürfnisse der Beschäftigten? Der Familienreport 2014 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)gibt umfassend Auskunft zu familienrelevanten Themen. Im Hinblick auf die gewichtige Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigt sich: Die Mehrzahl der Paare wünscht sich eine partnerschaftliche, also gleichberechtigte Aufgabenteilung für beide Lebensbereiche. Die Wirtschaft hat in diesem Zusammenhang die Bedeutung familienfreundlicher Maßnahmen für Frauen und Männer erkannt. Aus Sicht vieler Eltern besteht allerdings noch Handlungsbedarf.

Foto: Deckblatt der Broschüre "Familienreport 2014"

Der Wert von Familie und Kindern ist für die Deutschen ungebrochen hoch. Ob Jung oder Alt, Ost oder West, Kinderlose oder Eltern: Laut Familienreport ist es für mehr als 90 Prozent der Bevölkerung die größte Freude zu beobachten, wie Kinder groß werden. So stehen die Jüngsten auch im Mittelpunkt, wenn es um die Frage geht: Was ist Familie heute? Die klare Antwort: Wo Kinder sind, ist für die Mehrheit auch Familie – unabhängig von der Lebensform der Eltern. Alle 20- bis 39-Jährigen sehen ein verheiratetes heterosexuelles Paar mit Kindern als Familie. Daneben finden vor allem auch andere Eltern-Kind-Konstellationen eine hohe Akzeptanz von über 80 Prozent: Ein homosexuelles Paar mit Kindern gilt demnach genauso als Familie wie Stief- und Patchworkkonstellationen. Auch Alleinerziehende werden zunehmend als Familie gesehen, vor allem bei den jüngeren Befragten zwischen 20 und 40 Jahren.

Trends: Mütter wollen mehr arbeiten, Väter mehr Zeit mit Kindern

Vor allem zwei Trends kennzeichnen laut Studie die aktuelle berufliche Situation von Eltern. Zum einen kehren Mütter häufiger und schneller in den Beruf zurück. So nahm die Müttererwerbstätigkeit seit 2000 von 59 auf 67 Prozent deutlich zu. Dies ist hauptsächlich „auf einen Anstieg von Tätigkeiten im mittleren Teilzeitumfang zwischen 25 und 32 Wochenstunden zurückzuführen.“ Zusätzlich wollen über drei Viertel der nicht berufstätigen Mütter mit Kindern unter 16 Jahren gerne wieder arbeiten, ein großer Teil der bereits beschäftigten Mütter möchte seine Arbeitszeiten erhöhen. Außerdem kehrten Mütter im Durchschnitt 19 Monate nach einer Geburt im Betrachtungszeitraum 2008 bis 2010 in den Beruf zurück. Dieser Trend ist unabhängig von der Familienform und trifft auch auf Alleinerziehende zu. Zum anderen nehmen sich immer mehr Väter eine Auszeit für die Familie, Tendenz steigend. Jeder dritte Vater bezieht mittlerweile Elterngeld. Zugleich haben 54 Prozent der Väter das Gefühl, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben. Drei Viertel von ihnen würde gerne weniger arbeiten. Was bedeutet das für den Familienalltag konkret?

Gemeinsames Ziel: Partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Lebenswünsche von Müttern und Vätern sind klar: Weg von einer strikten Rollen- und Aufgabentrennung, hin zu einer partnerschaftlichen, also gleichberechtigten Verteilung von beruflichen und familiären Aufgaben. Frauen möchten tendenziell mehr, Männer weniger als bislang arbeiten. Für 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren wäre es ideal, wenn sich beide gleichermaßen in Familie und Beruf einbringen könnten. Die Lebenswirklichkeit der Eltern sieht jedoch meist anders aus: Lediglich 14 Prozent können dieses Modell tatsächlich umsetzen. Wie kommt es, dass trotz guter Voraussetzungen – Frauen sind häufiger erwerbstätig, Männer zeigen mehr Interesse für Familie und Kinder, das Kinderbetreuungsangebot wächst stetig – die Lücke zwischen Lebenswünschen und Wirklichkeit so groß ist? Welche Chancen gilt es zu nutzen?

Voraussetzungen und Chancen für Partnerschaftlichkeit als Grundlage neuer Familien- und Arbeitsmodelle

Der Familienreport benennt folgende Punkte als notwendige Voraussetzungen, um eine partnerschaftliche Aufgabenteilung für Familie und Beruf zu erreichen:

  • In der Familie: Bereitschaft der Mütter zum Ausbau ihres Arbeitsvolumens und mehr familiäres Engagement der Väter
  • In Unternehmen: Flexible Arbeitszeitmodelle, familienfreundliche Personalpolitik und gelebte Familienfreundlichkeit auf Führungsebene
  • Seitens der Politik: Erweiterte Familienleistungen und eine ausreichende Anzahl von Kinderbetreuungsangeboten in guter Qualität

Im Hinblick auf die Chancen zur Umsetzung verweist der Familienreport einmal mehr auf den stetig steigenden Fachkräftebedarf in deutschen Unternehmen. In diesem Zusammenhang stehen vor allem Frauen im Fokus; sie seien die am schnellsten zu aktivierende Potenzialgruppe zur Fachkräftesicherung. Die Voraussetzungen für eine Erhöhung des Arbeitsumfangs sind also günstig. Zumal sich 75 Prozent aller Männer und 93 Prozent der Frauen Partnerinnen bzw. Partner wünschen, die sich selbst versorgen können. Gleichzeitig zeigen Studien, dass die Bereitschaft der Väter zu mehr Familienverantwortung hoch ist. Mithilfe des Elterngeldes und durch die Inanspruchnahme von Elternzeit übernehmen sie diese auch in wachsendem Maße. Nach der Elternzeit wünschen sich viele Väter, ihre Arbeitszeit zugunsten ihrer Kinder etwas reduzieren zu können und keine Überstunden machen zu müssen. Für über 90 Prozent der Männer ist es sehr wichtig, Zeit für die Familie auch in der Woche zu haben.

Familienfreundlichkeit: Führungskräfte als Vorbilder

Die Unternehmen haben den steigenden Bedarf nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen erkannt und bieten immer mehr entsprechende Maßnahmen wie individuell vereinbarte Arbeitszeiten oder Vertrauensarbeitszeit an. Wichtig sei laut Familienreport, dass dabei Männer stärker ins Blickfeld rücken. Noch seien die Angebote zu sehr speziell auf Frauen ausgerichtet, so das Empfinden von 86 Prozent der Männer; sie fühlen sich seitens ihrer Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen häufig noch nicht ausreichend unterstützt. Mehr als 80 Prozent der Personalverantwortlichen sehen eine gestiegene Erwartungshaltung der Väter und wollen sich hier mehr engagieren. Allerdings besteht bei Frauen wie Männern nach wie vor die Sorge, dass die Nachfrage von familienfreundlichen Strukturen ihre Karrierechancen im Unternehmen schmälern. So ist nur eine Minderheit von 38 Prozent der Beschäftigten der Ansicht, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihrem Unternehmen eine Selbstverständlichkeit ist. Echte Familienfreundlichkeit, die nicht nur auf dem Papier Bestand hat, muss im betrieblichen Alltag gelebt werden. Hier sind die Führungskräfte als Vorbilder und Multiplikatoren bzw. Multiplikatorinnen gefragt. Nur wenn Führungskräfte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen und vorleben und dazu auch von der Geschäftsführung angehalten werden, kann es gelingen, Familienfreundlichkeit in der Unternehmenskultur zu verankern und nachhaltig umzusetzen. Das von der Bundesregierung in enger Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften initiierte Unternehmensprogramm Erfolgsfaktor Familie unterstützt die Wirtschaft hierbei mit dem Ziel, eine familienbewusste Arbeitskultur zu fördern, die Frauen und Männern in verschiedenen Lebensphasen mehr Spielraum für die Arbeits- und Lebensgestaltung gibt.

Digitalisierung kann Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern

‘Digitalisierung‘ beschreibt das Leben von Familien im Hier und Heute, es ist kein Begriff aus der Zukunft. Längst spielt das Internet im Alltag fast aller Familien eine wichtige Rolle – zur Pflege von Freundschaften, bei der Urlaubsplanung, um Einkäufe zu machen oder Informationen für die Schulaufgaben zu beschaffen. Digitale Geräte und Dienste erleichtern das Familienleben bereits in vielen Bereichen. Doch im Berufsleben fühlen sich die 30- bis 59-Jährigen nicht gleichermaßen betroffen. Diese Lücke gilt es im Sinne der Chancengerechtigkeit zu schließen. Denn der digitale Wandel eröffnet auch in der Arbeitswelt neue Optionen: Wer örtlich und zeitlich ungebunden arbeiten kann, hat bessere Chancen für eine erfolgreiche partnerschaftliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Digital unterstützte flexible Arbeitsformen sollen deshalb Müttern und Vätern gleichermaßen zur Verfügung stehen und deren Wiedereinstieg nach der Elternzeit erleichtern; sie müssen in den Unternehmen weiter ausgebaut werden. Die damit einhergehenden ambivalenten Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit bedürfen aber einer offenen Diskussion über die Erwartungshaltung seitens der Arbeitgeber bzw. der Arbeitgeberinnen einerseits sowie die zumutbare Durchdringung des Privat- und Familienlebens der Beschäftigten andererseits.

Die positive Gestaltung des digitalen Wandels hin zu mehr Flexibilität und besseren Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss also stets die Grenzen dieser Flexibilisierung beinhalten, heißt es dazu im Familienreport. Welche veränderten Anforderungen an Selbstorganisation und Eigenverantwortung an die Beschäftigten gestellt werden müssen und können, ist dabei ein wichtiger Aspekt.

Link:

Familienreport 2014
Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Oktober 2015

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Foto: BMFSFJ

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