Die Familie muss sich gut fühlen, sagt Birgit Bey über Kinder­betreuung

Interview mit Birgit Bey (52), Inhaberin des privaten Kindergartens „Kids Company“ über die Gefühle der Eltern, wenn sie ihr kleines Kind in die Fremdbetreuung geben.

Foto: Kind an der Hand einer Frau

perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Bey, warum fühlen sich viele Eltern unbehaglich, wenn sie ein kleines Kind, sagen wir mal, ein acht Monate altes Baby, von anderen Menschen in einer Einrichtung betreuen lassen?

Birgit Bey: Da gibt es verschiedene Überlegungen. Ich würde sagen, eine der Hauptbefürchtungen ist, dass die Babys oder Kleinkinder nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie zu Hause bei den Eltern. Krass formuliert: Das Kind kommt in der Krippe zu kurz, es liegt schreiend in einer Ecke, keiner kümmert sich um das Kind. Das ist ein Beispiel. Es gibt aber auch Eltern, die sich schwer vom Baby lösen können. Für die ist es ein Problem, wenn das Kind plötzlich die Erzieherin anstrahlt bei der Abgabesituation – und nicht mehr Papa oder Mama.

perspektive-wiedereinstieg.de: Also nicht das Baby muss eingewöhnt werden, sondern die Eltern abgenabelt?

Birgit Bey: Grundsätzlich möchte ich sagen, dass jedes Kind, jede Familie in einer individuellen Lebenssituation ist und entsprechend können immer nur individuelle Lösungen gefunden werden. Sicher gibt es die Mama oder den Papa, die oder der nicht loslassen kann. Sicher gibt es das eineinhalbjährige Kind, das sich an den gemütlichen Rhythmus zu Hause gewöhnt hat und sich schwer tut, den neuen Alltag im Kindergarten zu bewältigen. Wichtig ist bei allen Fällen, dass man über die Ängste und Sorgen spricht.

perspektive-wiedereinstieg.de: Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben…. Hilft das wirklich einer Mutter, die den Tränen nahe ist, wenn sie ihr Kind im Kindergarten abgibt?

Birgit Bey: Ja, man löst Probleme, indem man darüber spricht. Mir ist sehr daran gelegen, dass ich das Vertrauen der Eltern gewinne. Wenn ich beispielsweise spüre, dass die Abgabe des Kindes den Eltern sehr schwer fällt, spreche ich das an. Es ist wichtig, dass man sich mit der Entscheidung, das Kind fremdbetreuen zu lassen, gut fühlt. Ob Tagesmutter, Kinderkrippe oder altersgemischte Gruppe – die Familie sollte sich mit der Entscheidung wohl fühlen. Denn die Kinder spüren, wie die Eltern sich fühlen. Sie haben feine Sensoren dafür, ob eine Situation stimmig ist, sie empfangen und geben auch non-verbale Signale.

perspektive-wiedereinstieg.de: Und wenn die Eltern völlig unglücklich sind mit der Situation, was raten Sie dann?

Birgit Bey: Im Zweifel würde ich raten, die Berufstätigkeit noch einmal zurückzusetzen, wenn eine Mutter oder ein Vater völlig unglücklich ist. Zwei, drei Monate später kann die Situation schon eine völlig andere sein.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie helfen Sie Eltern dabei, sich abzunabeln vom Kind?

Birgit Bey: Indem ich sie einbeziehe, indem ich schildere, wie der Tag bei uns im Kindergarten abläuft, so dass sie sich immer ein Bild machen können. Bei der Eingewöhnung sehen sie zum Beispiel, dass sich auch größere Kinder aus unserer altersgemischten Gruppe liebevoll um die Kleineren kümmern. Es hilft auch, wenn man darauf hinweist, was die Kleinen schon alles schaffen.

perspektive-wiedereinstieg.de: In Berlin mag es ja ein großes Angebot an Kleinkindbetreuung geben, aber in anderen Teilen Deutschlands bekommen die Eltern nicht selten Druck aus dem familiären Umfeld, beispielsweise signalisieren die Großeltern Unverständnis, wenn Kinder unter einem Jahr in eine Krippe kommen.

Birgit Bey: Das gibt es auch in Berlin, dass diese Entscheidung unterschwellig oder offen ausgesprochen von der Familie missbilligt wird. Mein Rezept: Auch in diesem Fall die Kritikerinnen oder Kritiker miteinbeziehen. Bleiben wir beim Beispiel der Großeltern: Leben sie in der Stadt, können sie gerne mitkommen und sich den Kindergarten anschauen. Ich habe aber auch schon kleinere Videoaufnahmen gemacht, die man den Großeltern schicken kann. Auch hier gilt: Wenn sie ein Bild zu den Erzählungen haben, kann das sehr hilfreich sein, Worte allein helfen manchmal nicht. In einem anderen Fall haben wir mal das Eis gebrochen, als wir mit der ganzen Kindergartengruppe zum Hochzeitsfest von den Eltern gekommen sind und die Vogelhochzeit aufgeführt haben.

Foto: pixelio.de / Rainer Sturm

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