Personen- und haushaltsnahe Dienstleistungen: Neue Qualität einer gleichberechtigten Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestalten

Eine alternde Gesellschaft, niedrige Geburtenraten, eine Generation, in der Frauenerwerbstätigkeit eine immer größere Rolle spielt – wie kann eine geschlechtergerechte Balance von Haushaltsführung, Kinderbetreuung bzw. Pflege und Erwerbsarbeit gelingen? Welche Rolle spielt der professionelle Ausbau personen- und haushaltsnaher Dienstleistungen dabei? Diesen Fragen geht die Haushaltswissenschaftlerin Dr. Sandra Ohrem in ihrer Expertise „Gleichstellungspolitische Aspekte haushaltsnaher Dienstleistungen“ nach.

Foto: Frauen bei der Hausarbeit

Wie wäre es, wenn Erwerbsarbeit und Familienarbeit gesellschaftlich gleichermaßen anerkannt wären? Würden sich dann berufliche und familienbezogene Aufgaben anders verteilen? Gönnen wir uns zusätzlich Entlastung durch personen- und haushaltsnahe Dienstleistungen, um mehr Zeit für Familie und ggf. Partnerschaft zu haben? Trauen wir uns, in diese Richtung weiterzudenken und vielleicht sogar danach zu handeln? Was hält Frauen und Männer davon ab, Verantwortung für Erwerb und Sorge gleichermaßen zu übernehmen?

Sandra Ohrem schreibt in ihrer Expertise, erschienen in „Perspektiven für haushaltsnahe Dienstleistungen – Band 1“ des Kompetenzzentrums zur „Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen“ (PQHD) der Justus-Liebig-Universität Gießen: Eine egalitäre Aufteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen ist hierzulande nach wie vor alles andere als gelebte Alltagspraxis. Sie ist jedoch eine Grundvoraussetzung für die Veränderung von Geschlechterverhältnissen auf dem Weg zu einem neuen Leitbild und zu zukunftsfähigen Geschlechterarrangements jenseits des traditionellen Ernährermodells. Die Autorin arbeitet unter Einbeziehung verschiedener Studienergebnisse heraus, dass der professionelle Ausbau und Einsatz personen- und haushaltsnaher Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag leisten kann, den gesellschaftlichen Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen.

Traditionen betrachten, Veränderungen ableiten

Familien- und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland folgen traditionell einem konservativen Familienmodell. Bis zur Industrialisierung war die Hausgemeinschaft zwar patriarchal organisiert, allerdings erfuhr der häusliche Arbeitsbereich der Frauen eine hohe Wertschätzung. Erst die Ökonomen des 19. Jahrhunderts teilten die gesamtgesellschaftliche Arbeit auf in die produktive, wertschöpfende, bezahlte Erwerbsarbeit der Männer und in die reproduktive – unbezahlte – Haushaltsarbeit der Frauen, die zuständig sind für die Kinder, für die Wärme und die Gemütlichkeit der heimischen Räume, in denen der von der Arbeit heimkehrende Mann Erholung findet. Mit dieser Entwicklung wurde die Frau aus dem öffentlichen in den privaten Raum gedrängt. Ihre Haushaltsführung und die Erziehung der Kinder zählten aber weder als vermögenswirksam noch als gesellschaftlich relevant. Das im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) am 01.01.1900 zu einer Verwaltungsgemeinschaft umgestaltete Ehegüterrecht sprach der unbezahlten Arbeit der Hausfrau gar das Prädikat ab, überhaupt Arbeit zu sein, kritisiert Sandra Ohrem. Frauen wurden abhängig vom Einkommen des Mannes und hatten dessen Ausfall zum Beispiel bei Arbeitsplatzverlust durch eine sparsame Haushaltsführung zu kompensieren. Obwohl Frauen nach heutiger Auffassung einen großen Teil der gesellschaftlich relevanten Arbeit leisteten, war ihnen der Zugang zu Sozialleistungen verwehrt, da ihre Arbeit außerhalb des Erwerbssystems stattfand.

Anreizsysteme verstehen, mögliche Folgen bedenken

Bis heute bieten steuerrechtliche Regelungen wie das Ehegattensplitting, die Steuerklassenkombination III/V oder die Möglichkeit für Eheleute, beitragsfrei in der gesetzlichen Krankenkasse der oder des Besserverdienenden, häufig des Ehemannes, mitversichert zu sein, Anreize, sich für eine traditionelle Rollenverteilung zu entscheiden. Gleichzeitig sieht das novellierte Unterhaltsrecht vor, dass die Beteiligten nach einer Scheidung für ihre materielle Existenz selbst verantwortlich sind. Die Wirkungen dieser Inkonsistenzen im Rechtssystem sind problematisch und verlangen Frauen – oft sehr plötzlich – einen Rollenwechsel ab, nachdem sie … während ihrer Ehe über Jahre nicht erwerbstätig waren oder allenfalls einen nicht existenzsichernden Zuverdienst zum Haushaltseinkommen erwirtschaftet haben, schreibt Sandra Ohrem. Nach ihrer Einschätzung stellt der berufliche Wiedereinstieg für diese Frauen oft eine große Herausforderung dar. Wie eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2013 zeigt, ist den meisten Frauen und Männern der Rechtsrahmen einer Ehe und seine unmittelbaren und mittelbaren Folgen nicht bekannt.

Umverteilung der Aufgaben beugt Doppelbelastung vor

Auf der Grundlage der immer noch bestehenden tradierten Rollenbilder übernehmen Frauen auch heute noch häufig die unbezahlten Aufgaben in Haus und Familie, selbst dann, wenn sie berufstätig sind. Für Frauen bedeutet die vorherrschende, an der männlichen Erwerbsarbeit orientierte Vollzeitarbeitsnorm eine Verstärkung der Doppelbelastung. Wer nicht kontinuierlich und mit einem großen Maß an Flexibilität voll verfügbar zu arbeiten in der Lage ist, ist von Erfolg und Anerkennung im Beruf nahezu ausgeschlossen. Der sozioökonomische Zwang der Vollzeitarbeitsnorm entspricht dabei weder den Wünschen noch den Bedarfen der meisten erwerbstätigen Männer und Frauen, die sich mehr Zeit für die Betreuung und Pflege sowie die Versorgung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen wünschen. Eine kürzere Vollzeit und eine gerechtere Verteilung sowohl der Erwerbsarbeit als auch der unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern würden die Lage für beide Geschlechter entspannen.

Servicebasierte Fürsorgesysteme ermöglichen geschlechtergerechte Arbeitsteilung

Dass es einigen Ländern offenbar gelingt, dem Ziel einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung sehr nahe zu kommen, hat die Politologin Cornelia Heintze in einer Studie 2012 herausgefunden. Sie verglich darin die Entwicklung von Geburtenraten und Frauenerwerbstätigkeit sowie das jeweilig praktizierte Fürsorgesystem (Care-System) in Island, den skandinavischen Ländern und in Deutschland. Heintze unterscheidet in ihrer Untersuchung zwischen servicebasierten und familien-basierten Care-Systemen. Das eine setzt auf die Professionalisierung externer Pflege-, Betreuungs-, und Sorgearbeiten Das andere beharrt auf dem seit der Industrialisierung tradierten Subsidiaritätsprinzip, wonach zunächst einmal die Familie zuständig und verantwortlich ist für Pflege und Betreuung und erst in zweiter Instanz gesamtgesellschaftliche Solidarität gefordert ist.

In Ländern, die familienbasierten Care-Systemen den Vorzug geben, wie Deutschland, Österreich, Griechenland, Spanien oder Portugal, ist ein gravierend negativer demo-grafischer Wandel zu beobachten. Die nordischen Länder mit ihren service-basierten Care-Systeme weisen insbesondere im Vergleich zu Deutschland deutlich höhere Geburtenraten bei gleichzeitig höheren Frauenerwerbsquoten auf. Dabei ist die aktuelle Situation in vielen Ländern ganz ähnlich, denn gut ausgebildete Frauen möchten ihren Beruf ausüben und ökonomisch selbstständig sein. Jedoch ist eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und zunehmend auch Männer nur in den Ländern möglich, die die Verantwortung für die Sorge-Arbeiten zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Familien und dem Staat partnerschaftlich ausbalancieren.

Wiederum sind es die skandinavischen Länder, die zeigen, dass mit generell kürzerer Vollzeit (zum Beispiel wie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) empfohlen max. 32 Stunden) die Erwerbsarbeitszeit im Lebensverlauf sowie die bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern gerechter verteilt werden kann. Zusätzlich steht der Bevölkerung ein umfangreiches und qualitativ hochwertiges Angebot haushaltsnaher Dienstleistungen zur Verfügung. Ein solches Konzept erleichtert es, ein Gleichgewicht zwischen Familie, Beruf, sozialem und persönlichem Lebensentwurf herzustellen. Auf seiner Grundlage gelingen Übergänge in der Erwerbsbiografie – zum Beispiel von einer Partnerschaft in die Elternschaft oder von der Familienphase zurück in den Beruf – ohne größere Brüche.

Haushaltsnahe Dienstleistungen zu professionalisieren und in hoher Qualität zu bezahlbaren Preisen in einem servicebasierten Care-System anzubieten, hat zudem weitere Vorteile: Eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor würde geschaffen werden. Grau-schwarze Beschäftigungsverhältnisse – in Deutschland werden 90 bis 95 Prozent der haushaltsnahen Dienstleistungen von nicht angemeldeten Dritten ausgeführt – könnten in kürzester Zeit legalisiert werden. Durch die Ausgabe von Gutscheinen hat Frankreich zwischen 2005 und 2009 einen Rückgang illegaler Beschäftigung um 70 Prozent erreicht. Rund 500.000 neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.

Für Sandra Ohrem haben haushaltsnahe Dienstleistungen eine wichtige Katalysatorfunktion bei der Umverteilung von geschlechtstypischen Arbeitsbereichen. Ein konsistentes Gesamtkonzept sei allerdings unumgänglich, in dem Sozial-, Steuer-, Arbeitsmarkt- und Zeitpolitik ineinandergreifen.

Links:

Gleichstellungspolitische Aspekte haushaltsnaher Dienstleistungen – Potenziale haushaltsnaher Dienstleistungen im Übergang zu neuen Leitbildern und Arrangements geschlechtlicher Arbeitsteilung jenseits des traditionellen Ernährermodells
Dr. Sandra Ohrem, in: Perspektiven für haushaltsnahe Dienstleistungen – Band 1, Expertisen für das Kompetenzzentrum Professionalisierung und Qualitätssicherung haushaltsnaher Dienstleistungen, 2015

Auf der Highroad – der skandinavische Weg zu einem zeitgemäßen Pflegesystem. Ein Vergleich zwischen fünf nordischen Ländern und Deutschland
Expertise im Auftrag des Forums Politik und Gesellschaft und der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2012

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