Den Gender Care Gap überwinden: Wie kann unbezahlte Sorgearbeit fairer verteilt werden

Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Kochen, Putzen: Für die sogenannte unbezahlte Sorgearbeit sind in vielen Familien nach wie vor in erster Linie die Frauen zuständig. Statistisch gesehen wenden Frauen täglich rund 1,5 Stunden mehr für Haushalts- und Familienaufgaben auf als Männer. Warum diese ungleiche Verteilung nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist, zeigt das Dossier „Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich?“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Cover der Broschüre „Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich?“, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die Broschüre fasst den aktuellen Forschungsbericht „Projekt Gender Care Gap“ zusammen und soll die Grundlage für eine gesellschaftliche Diskussion über eine gerechtere Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit bilden. Denn eine partnerschaftliche Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit stellt einen wichtigen Schlüssel für die Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt und damit für das Erreichen der Gleichstellung dar.

Gender Care Gap: Unbezahlte Sorgearbeit kostet finanzielle Eigenständigkeit

Durch zahlreiche politische und gesetzliche Reformen in den vergangenen Jahren sind immer mehr Frauen und Mütter erwerbstätig. Zudem ist die Dauer der familienbedingten Erwerbsunterbrechungen deutlich kürzer geworden und mehr Männer als früher nehmen Elternzeit. Dennoch wenden Frauen im Vergleich zu Männern immer noch weniger Zeit für Erwerbstätigkeit und leisten gleichzeitig mehr unbezahlte Sorgearbeit. Dadurch erwirtschaften sie weniger Ansprüche auf eine eigenständige Existenzsicherung im Alter.

Aus dieser Lücke zwischen den Geschlechtern bei der Sorgearbeit – Gender Care Gap – entstehen in der Folge der Gender Pay Gap und im Alter der Gender Pension Gap:

  • Der Gender Care Gap betrug 2012/2013 52,4 Prozent: Frauen wendeten pro Tag 4 Stunden und 13 Minuten für unbezahlte Sorgearbeit auf, Männer 2 Stunden und 46 Minuten;
  • Im Durchschnitt verdienten Frauen in Deutschland 2019 in Bruttostundenlöhnen 20 Prozent weniger als Männer;
  • Noch größer ist die Rentenlücke: 2019 bezogen Frauen in Deutschland im Schnitt 49 Prozent weniger Rente als Männer.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen ungleiche Aufteilung der Care-Arbeit

Wie innerhalb einer Familie die Sorgearbeit verteilt wird, ist auf den ersten Blick eine private Entscheidung. Beeinflusst wird sie jedoch von den Rahmenbedingungen, die Gesetze, Unternehmen und Infrastruktur vorgeben. Hinzu kommen gesellschaftliche Wertvorstellungen.

Studien zeigen, dass Paare vor der Geburt eines Kindes, die Haus- und Erwerbsarbeit relativ partnerschaftlich umsetzen. Die nach wie vor weit verbreitete traditionelle Verteilung von Erwerbs- und unbezahlter Sorgearbeit – Mütter reduzieren ihre Arbeitszeit, während Väter meist weiter in Vollzeit arbeiten und somit das Familieneinkommen sichern - entsteht meist erst im Laufe der Zeit. Als Knotenpunkte im Lebenslauf macht die Forschung dabei die Gründung einer Familie, den Wiedereinstieg in den Beruf und die Pflege von Angehörigen aus. Einmal gestellte Weichen lassen sich dabei in der Regel nur schwer wieder rückgängig machen.

Langfristige Aufgabe: Gleichstellung bei der Sorgearbeit erreichen

Die Reduzierung des Gender Care Gap ist eine Langzeitaufgabe. Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen eine partnerschaftliche Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit für Frauen und Männer gleichermaßen attraktiv machen. Das setzt weitere deutliche Veränderungen in verschiedenen Gesellschaftsbereichen voraus, da die Ursachen für die ungleiche Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Handlungsbedarf besteht vor allem in den Bereichen Erwerbsarbeit, Infrastruktur, staatliche Leistungen und soziale Normen. Studien zeigen, dass sich die größten Effekte auf den Gender Care Gap ergeben, wenn Männer bzw. Väter ihre Arbeitszeit verringern. Außerdem sollte es Paaren ermöglicht werden, dass beide Partner ohne Überforderung arbeiten gehen können und somit keine Nachteile für die eigene Existenzsicherung entstehen. Die Arbeitszeit muss danach ausgerichtet werden können, dass unbezahlte Sorgearbeit untereinander gerecht aufteilbar wird.

Das hängt unter anderem davon ab, wie die Erwerbsarbeit strukturiert ist – etwa, dass der Vollzeit-Standard für Menschen, die Kinder betreuen bzw. Angehörige pflegen, neu definiert wird: Ein Arbeitsumfang von 30 bis 35 Wochenstunden ermöglicht es, Beruf und Familie ohne Karriereeinbußen unter einen Hut zu bekommen. Zudem benötigen Mitarbeitende mit Sorgeverantwortung von Seiten der Unternehmen mehr Verbindlichkeit und feste Strukturen in Sachen Vereinbarkeit.

Von Ganztagsbetreuung bis zu neuen Rollenbildern – was sich gesellschaftlich verändern muss

Im Hinblick auf die Infrastruktur werden Angebote gebraucht, die flächendeckend verfügbar, qualitativ hochwertig, verlässlich, flexibel, gut erreichbar und kostengünstig sind. Dazu zählt die Ganztagsbetreuung von Kindern ebenso wie ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr, eine Erleichterung bei der Inanspruchnahme von haushaltsnahen Dienstleistungen, bezahlbarer Wohnraum und gute Internetverbindungen.

Bei den staatlichen Leistungen muss darauf geachtet werden, dass sie eine partnerschaftliche Aufteilung stärker unterstützen als bisher. Das Einkommensteuersystem, das Sozialversicherungssystem und die staatlichen Leistungen wirken sich darauf aus, wie Frauen und Männer die Erwerbs- und Sorgearbeit verteilen.

Elementar ist außerdem eine Veränderung im Bereich der sozialen Normen und Wertvorstellungen. Geschlechterstereotypen und –rollenzuschreibungen haben einen wichtigen Einfluss darauf, was gesellschaftlich akzeptiert wird. Sie spiegeln sich auch in Gesetzen und staatlichen Regelungen wider. Entsprechend verändern sich soziale Normen im Lauf der Zeit, wenn die Rahmenbedingungen sich wandeln und eine faire Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit zum Leitbild wird.

Links:

Dossier „Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich?“, BMFSFJ

perspektive-wiedereinstieg.de

Modernes Rollenverständnis macht Eltern zufriedener

„Fair und gerecht“: Kinder erleben partnerschaftlich geteilte Verantwortung für Beruf und Familie positiv

Interview: Väter fördern, Gleichstellung von Frauen und Männern vorantreiben

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Cover: © BMFSFJ

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