Universitäts­klinikum Schleswig-Holstein

Das Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V., ein Modellstandort in Schleswig-Holstein im Rahmen des vom Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Modellprogramms “Perspektive Wiedereinstieg”, unterstützt Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger nach längerer Familienarbeit auf ihrem Weg zurück in den Beruf. Als ein besonderes Markenzeichen erweist sich die Kooperation mit dem UKSH (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein), dem größtem Arbeitgeber in Schleswig-Holstein mit Standorten in Kiel und Lübeck. Ariane Weigelt, UKSH-Gleichstellungsbeauftragte, Claudia Haase, Bereichsleiterin Personalentwicklung am Klinikum, sowie Hilke Oltmanns vom Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V. berichten im Interview mit perspektive-wiedereinstieg.de vom Aufbau des Wiedereinstiegmanagements.

Foto: Claudia Haase, Hilke Oltmanns, Ariane Weigelt

Perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Oltmanns, welche Aufgaben hat das Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V. als Modellstandort im Rahmen des Modellprogramms “Perspektive Wiedereinstieg”?

Hilke Oltmanns: Wir bieten für Frauen und Männer, die nach einer längeren Erwerbsunterbrechung wieder berufstätig werden wollen, Beratung und Coaching an. Dazu haben wir ein Vorgehen erarbeit, das sich bewährt hat. Jede bzw. jeder, die bzw. der zu uns kommt und überlegt, ob und wie ein beruflicher Wiedereinstieg sinnvoll ist und wie er gelingen kann, erhält zunächst einmal eine eingehende Einzelberatung. Anschließend stehen unterschiedliche Seminare zur Verfügung, die gute Voraussetzungen für den beruflichen Wiedereinstieg schaffen. Dabei haben neben der inhaltlichen Arbeit der Austausch in der Gruppe, gegenseitige Motivation und Vernetzung eine besondere Bedeutung. Der Aufbau der Projekteinheiten ist modular, so dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genau die Bausteine zusammenstellen können, die für sie passen. Neu sind die Angebote, in die wir die Familien der potenziellen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger einbeziehen. Wir machten die Erfahrung, dass der Spaßfaktor als Einstiegsmotivation und Anreiz zum Mitmachen wichtig ist. Im Projekt gibt es daher Familiencoaching im Klettergarten. Die Familien erfahren auf erlebnisorientierte und somit spannende Weise, dass sie im Team viel erreichen können. Ein beruflicher Wiedereinstieg ist schließlich genauso ein Familienprojekt, bei dem es darauf ankommt, dass alle an einem Strang ziehen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: In welchem Zusammenhang steht das Kooperationsprojekt mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) mit dieser Arbeit?

Hilke Oltmanns: Die Kooperation mit dem UKSH ist Teil unserer Aktivitäten im Rahmen des Aktionsprogramms “Perspektive Wiedereinstieg”. Unser Beratungs- und Seminarangebot steht im Rahmen der Kooperation auch Beschäftigten des Klinikums zur Verfügung. Die Erfahrungen aus der engen Zusammenarbeit mit Frau Weigelt und Frau Haase vom UKSH, die viel Arbeit in die gemeinsame Entwicklung eines UKSH-Wiedereinstiegsmanagements stecken, kommen auch anderen Modellstandorten zu Gute, denen wir die sowohl an den betrieblichen wie auch an den Bedarfen der Wiedereinsteigenden abgestimmten Konzepten weitergeben können.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Warum ist Ihnen, Frau Haase und Frau Weigelt, die Einführung eines Wiedereinstiegsmanagements am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein wichtig?

Claudia Haase: Das UKSH ist ein sehr großer Betrieb mit über 10.000 Beschäftigten an den Standorten Kiel und Lübeck. Wir haben den sich abzeichnenden Fachkräftemangel im Blick, besonders gesucht sind qualifizierte Krankenschwestern und -pfleger für den Operationsbereich und die Intensivmedizin. Aber auch in der grundständigen Pflege werden  Engpässe spürbar. Da es hier im UKSH die Möglichkeit gibt, Sonderurlaub zu beantragen und viele Beschäftigte das im Anschluss an ihre Elternzeit nutzen, haben wir gleichzeitig eine nicht unerheblich Zahl nicht aktiver Beschäftigter. Diese Sonderurlauberinnen und -urlauber zurückzugewinnen ist uns ein besonderes Anliegen. Sie sind dem Klinikum verbunden und mit den Abläufen in einem so großen Haus vertraut. Das ist ein wesentlicher Vorteil. Wenn wir externe Kräfte anwerben, benötigen die mindestens ein halbes Jahr, um sich im UKSH zurechtzufinden.

Ariane Weigelt: Mit unserem Wiedereinstiegsmanagement möchten wir die Zahl der Sonderurlauberinnen und -urlauber senken aber auch die beruflichen Auszeiten während der Elternzeit verringern. Ideal wäre es, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits nach dem Elterngeldbezug wieder am Arbeitsplatz wären. Außerdem werben wir für Teilzeitarbeit in der Elternzeit.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Was tun sie konkret, um Beschäftigte in einer langen Familienphase anzusprechen und wieder zurückzugewinnen?

Ariane Weigelt:2009 führten wir einen ersten Infotag für Wiedereinsteigerinnen durch. Wir hatten das Konzept des Bundesfamilienministeriums dafür so angepasst, dass aus der öffentlichen eine unternehmensinterne Veranstaltung wurde. Dazu hatten wir als Referentin Hilke Oltmanns vom Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V. eingeladen. Das war der Beginn unserer Zusammenarbeit.

Claudia Haase: Es zeigte sich, dass weitere Maßnahmen sinnvoll waren, um die Frauen und Männer erfolgreich für einen beruflichen Wiedereinstieg zu mobilisieren. Der Kontakt zum Unternehmen ist bei vielen von ihnen nach fünf, sechs oder mehr Jahren in der Familie völlig  abgebrochen und es fehlen ihnen die Ideen, wie sie wieder an ihre berufliche Biografie anknüpfen können.

Ariane Weigelt: Die Angebote, die wir zusammen mit dem Frauennetzwerk entwickeln und umsetzen, richten sich zum einen an Mütter und Väter in der Familienphase und pflegende Angehörige und zum anderen an die Personalverantwortlichen im UKSH. Für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger gibt es, wie von Frau Oltmanns beschrieben, Einzelberatung sowie Workshops und spezifische Weiterbildungen in der Gruppe. Außerdem sprechen wir die Führungskräfte im UKSH an. Für sie bieten wir laufend ein Fortbildungsmodul zur professionellen Begleitung von Ausstieg, Familienphase und Wiedereinstieg an. Es gehört inzwischen auch zum Standard-Lehrplan bei der Ausbildung von Leiterinnen und Leitern von Pflegeeinheiten. Eine Handreichung für Führungskräfte, die den Wiedereinstiegsprozess idealtypisch beschreibt, ist in Arbeit und wird im kommenden Jahr erscheinen. Ein Familienservicebüro, dessen Einrichtung wir im Rahmen des auditberufundfamilie festgelegt haben, soll künftig Aus- und Wiedereinstiege ebenfalls begleiten. Außerdem gab es einen öffentlichen Fachtag für Personalverantwortliche zu diesem Thema. Eine solche Veranstaltung möchten wir auf jeden Fall im kommenden Jahr wiederholen.

Hilke Oltmanns: Für die Zielgruppe der beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger vom UKSH entwickeln die Kolleginnen mit mir als Projektverantwortliche im Frauennetzwerk zur Arbeitssituation jeweils einen Vierteljahresplan mit den Maßnahmen und Workshops, die wir anbieten wollen. Das UKSH schreibt dann die dafür in Frage kommende Beschäftigte direkt an und lädt sie zur Teilnahme ein. Interessierte können jederzeit einsteigen. Die Beratung erfolgt anonym und ergebnisoffen. Wir machen jedoch die Erfahrung, dass diejenigen, die zu uns kommen, sich eigentlich immer für den beruflichen Wiedereinstieg entscheiden. Dass das dann nicht immer so schnell klappt, hängt zumeist mit den Rahmenbedingungen zusammen und damit, dass die Menschen ihr Leben neu organisieren müssen. Unsere Workshops helfen dabei, Klarheit zu gewinnen, was der berufliche Wiedereinstieg bedeutet und wie die Veränderungen zu managen sind. Außerdem geht es darum, sich eigene Kompetenzen – auch die, die sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Familienphase angeeignet haben – bewusst zu machen und selbstbewusst und gut informiert in ein Wiedereinstiegsgespräch zu gehen. In der Regel bedeutet das, dass sich die beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger auch inhaltlich weiterbilden. Eine EDV-Schulung gehört fast immer dazu.

Ariane Weigelt: Dass unsere Maßnahmen erfolgreich sind, kann man bereits ablesen. So haben diese beispielsweise zwischen 25 und 30 Prozent der Sonderurlauberinnenn aktiv genutzt und wir konnten die Zahl der Beurlaubten spürbar senken.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Sie sprachen die Rahmenbedingungen an, die eine Rückkehr an den Arbeitsplatz oft erschweren. Was tut das UKSH, um solche Rahmenbedingungen zu verbessern?

Claudia Haase: Wir machen die Erfahrung, dass es vor allem die in einer Klinik typischen Arbeitszeiten sind, die den Wiedereinstieg erschweren. Die Krankenschwestern und -pfleger arbeiten im Dreischichtbetrieb mit wechselnden Arbeitszeiten. Abweichende Arbeitszeiten sind auf den Stationen nur sehr begrenzt möglich. Unsere Lösung: Wir haben ein zentrales Pflegecenter eingerichtet. Das ist eine Organisationseinheit, die zwar über Personal, nicht aber über Betten verfügt. Für Krankenhäuser ist so etwas noch völlig untypisch. Die Fachkräfte, die dort beschäftigt sind, haben keine „Heimatstation“ und sind überall im Haus für Einsätze geplant. Sie haben als Gegenwert für diese Flexibilität verlässliche, feststehende Arbeitszeiten, die ihren eigenen Vorstellungen entsprechen. Das kommt nicht nur bei unseren eigenen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern gut an, damit gewinnen wir auch entsprechende externe Kräfte.

Ariane Weigelt: Wir bauen natürlich darauf, dass die im Pflegecenter beschäftigten Kräfte ihre Arbeitszeiten im Laufe der Zeit erweitern. Sie gewinnen ja Erfahrungen mit der Organisation von Familie und Beruf, die Kinder werden größer und die Freiräume für berufliches Engagement wachsen. Dann werden die Fachkräfte auf eine Station wechseln.  

Perspektive-wiedereinstieg.de: Haben Sie Hinweise für andere Unternehmen und Organisationen, die an einem Wiedereinstiegsmanagement arbeiten?

Ariane Weigelt: Aus meiner Sicht sollten drei Begriffe im Mittelpunkt stehen: Kontakt, Kompetenz bzw. Qualifizierung und Flexibilität. Das sind Anforderungen, die sowohl der Arbeitgeber oder die Arbeitsgeberin als auch die Beschäftigten konkretisieren und umsetzen sollten. Beispielweise benötigen die Führungskräfte Wissen darüber, wie sie einen Wiedereinstiegsprozess gut führen können und was – auch im rechtlichen Sinne – erlaubt ist und was nicht. Bei der Flexibilität geht es zumeist um die Arbeitszeiten, daran können in der Regel beide Seiten noch arbeiten und ihre oft vorschnelle Aussage „das geht nicht“ noch einmal überdenken.

Claudia Haase: Mir ist es wichtig zu betonen, dass es nicht immer großer Aktionen bedarf, um den beruflichen Wiedereinstieg wirkungsvoll zu unterstützen. Oft gibt es Angebote bzw. Kommunikationsmedien in Unternehmen und Institutionen, die auch für Personen in der Familienarbeitsphase interessant sind. Wichtig ist, die Zielgruppe der beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger immer mit zu bedenken und im Kontakt zu bleiben, egal in welcher Lebensphase die Beschäftigten sich gerade befinden.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank für das informative Gespräch, Frau Oltmanns, Frau Weigelt und Frau Haase.

Links:

Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V.
Kiel, Website

“Leinen los - Perspektive Wiedereinstieg”
Informationen auf der Website des Frauennetzwerks zur Arbeitssituation e.V.

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Website

“Chance Wiedereinstieg”
Bericht im UKSH-Magazin “Forum”, Ausgabe April 2012, Seite 43

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Foto: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)

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