Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Die Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo bietet für die Rückkehr in den Beruf ein individuelles Wiedereinstiegsprogramm. www.perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit Natalia Moriz, Forschungsgruppenleiterin der Arbeitsgruppe „Artificial Intelligence in Automation" und Projektleiterin des „Wiedereinstiegsprogramms für Naturwissenschaftlerinnen“.

Foto: Natalia Moriz

perspektive-wiedereinstieg.de: Die Hochschule Ostwestfalen-Lippe möchte den Frauenanteil in wissenschaftlichen Spitzenpositionen erhöhen. Welche Maßnahmen haben Sie entwickelt, um dieses Ziel zu erreichen?

Natalia Moriz: Unsere Hochschule setzt ein breites Spektrum an Maßnahmen in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern um. Das reicht von der individuellen Beratung, über zielgruppenspezifische Programme bis hin zu einer sehr aktiven Interessenvertretung in unseren Hochschulgremien sowie einer professionellen Außendarstellung in Arbeitskreisen und Netzwerken. Diese Gleichstellungsarbeit machen wir in der Hochschule seit vielen Jahren sehr systematisch.

In Ostwestfalen-Lippe stehen wir vor besonderen Herausforderungen. Unsere Hochschule ist naturwissenschaftlich ausgerichtet, vermittelt Kompetenzen mit starkem Praxisbezug und liegt in einer eher ländlichen Gegend. Diese drei Faktoren erschweren die Akquise von hochqualifizierten Fachkräften für die Wissenschaft und Forschung, insbesondere von Frauen. Deshalb gehen wir die Thematik gezielt an, berufliche Wiedereinsteigerinnen für unsere Hochschule zu gewinnen. Das Wiedereinstiegsprogramm für Naturwissenschaftlerinnen ist Teil unseres Gleichstellungskonzeptes. Auch andere Maßnahmen sollen dazu beitragen, den Anteil von Frauen in den Fachbereichen zu steigern. Zum Beispiel bieten wir mit einem Lehrbeauftragten-Programm für Frauen aus der Industrie die Möglichkeit, den Bereich Forschung und Lehre kennenzulernen. Dazu können sie an unserer Hochschule Lehraufträge übernehmen. Das Lehrbeauftragten-Programm steht auch den Teilnehmerinnen des Wiedereinstiegprogramms zur Verfügung, wenn sie sich für eine Hochschulkarriere entscheiden. Zudem gibt es einen Familienservice mit Angeboten für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

perspektive-wiedereinstieg.de: Mit Ihrem Wiedereinstiegsprogramm sprechen Sie Frauen an, die nach einer Familien- bzw. Pflegephase in die naturwissenschaftlichen Fachbereiche zurückkehren möchten. Welche Schrittfolgen sind aus Ihrer Erfahrung für den erfolgreichen Wiedereinstieg in diesen Berufsfeldern zielführend? Welche besonderen Angebote stehen den Teilnehmerinnen in Ihrem Wiedereinstiegsprogramm zur Verfügung?

Natalia Moriz: Zu allererst heißt es: Sich trauen und den Mut fassen, den ersten Schritt in Richtung beruflichen Wiedereinstieg zu machen. Dazu gehört für mich auch, sich hinzusetzen und zu überlegen: Was möchte ich eigentlich? Was kommt für mich in Frage? Entweder haben sich die Teilnehmerinnen bereits im Vorfeld in Fachvorträgen bzw. durch Internetrecherche diese Fragen beantwortet oder sie entwickeln ihre Visionen direkt mit uns im Beratungsgespräch. Wichtig ist es, sich ein umfassendes Bild von den bisher erworbenen Qualifikationen sowie beruflichen Praxiserfahrungen zu machen und zu klären, in welche Fachrichtung sich die Teilnehmerin beruflich entwickeln möchte.

Ist die Richtung klar, konkretisieren wir mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem entsprechenden Fachbereich die weitere Vorgehensweise. Ihr Fachwissen frischen die Teilnehmerinnen dann in unseren Lehrveranstaltungen auf. Sie profitieren davon, dass unsere Hochschule zu den forschungsstärksten Fachhochschulen in Deutschland gehört. So haben sie die Chance, sich dem aktuellen Stand der Wissenschaft und Forschung wieder zu nähern. Im Rahmen eines Unternehmens- bzw. Hochschul-Praktikums können die Teilnehmerinnen schauen, ob die neu erworbenen Kenntnisse ausreichen oder weitere Fortbildungen notwendig sind.

Ein wichtiger Faktor im Wiedereinstiegsprozess ist es, aktiv zu bleiben, sich nicht hängen zu lassen. Eine der Teilnehmerinnen hat sich nach unserem Erstgespräch so sehr engagiert, dass sie sich kurz vor Beginn der geplanten nächsten Phase im Wiedereinstiegsprogramm bei mir meldete und ihre Teilnahme beendete, da sie zwischenzeitlich eine Anstellung gefunden hat. Das ist eine tolle Erfolgsgeschichte und ich rate allen Wiedereinsteigerinnen, sich von den positiven Erfahrungen anderer Frauen inspirieren zu lassen. Vorbilder sind so wichtig. Erfolgsgeschichten, wie sie auf www.perspektive-wiedereinstieg.de zu finden sind, geben Kraft und Mut.

Für Frauen, die sich für eine Karriere in Wissenschaft und Forschung interessieren, habe ich noch einen besonderen Hinweis: Es ist nie zu spät zu promovieren! Die Teilnahme an unserem Wiedereinstiegsprogramm kann auch als Vorbereitungsphase für eine anschließende Promotion genutzt werden. Wir haben eine Teilnehmerin, deren Kinder mittlerweile erwachsen sind, die nun an unserer Hochschule ihren Doktortitel erwerben wird. Wer also schon immer davon geträumt hat, zu promovieren, sollte schauen, wo das möglich ist und es einfach machen!

perspektive-wiedereinstieg.de: In Ihrem Programm-Flyer weisen Sie auf Ihre zahlreichen regionalen Netzwerk-Partnerinnen und -Partner hin. Wie profitieren die Wiedereinsteigerinnen von diesen Kooperationen?

Natalia Moriz: Zu unseren regionalen Kooperationspartnerinnen und -partnern gehören die Kammern, die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Lippe, Kommunen, der Kreis Lippe und die Bezirksregierung, weitere Hochschulen sowie die Initiative für Beschäftigung OWL, die Regionalagentur OWL, FAIR - Frau und Arbeit in der Region und das Kompetenzzentrum Frau und Beruf OWL etc. Wir können im Bedarfsfall auf die Expertise dieser unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure zugreifen. Möchte sich eine Teilnehmerin beispielsweise im Programm konkret über die Situation auf dem Arbeitsmarkt rund um ihren Wohnort erkundigen, stellt die Arbeitsagentur Informationen aus der entsprechenden Region zur Verfügung.

Zusammen sind wir stärker, denn im Netzwerk können wir den Wiedereinsteigerinnen mehr und vielfältigere Veranstaltungen anbieten. So ist es zum Beispiel nicht notwendig, dass wir an der Hochschule ein Seminar für die Gestaltung von Bewerbungsunterlagen vorhalten. Wir lotsen zu dem entsprechenden Angebot der Arbeitsagentur. Der Vorteil unserer ländlichen Gegend ist, die Wege zu Netzwerkpartnerinnen und -partnern sind kurz. Durch unsere Vernetzung eröffnen sich auch immer wieder neue Zugänge, um Betriebe dafür zu gewinnen, unseren Teilnehmerinnen einen Praktikumsplatz zur Verfügung zu stellen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Rahmenbedingungen sollten nach Ihrer Einschätzung langfristig verbessert werden, damit Karrierebrüche von Frauen in diesen Fachbereichen vermieden werden können?

Natalia Moriz: Ich würde mir wünschen, dass es mehr Förderprogramme für Promotionen gibt, die nicht auf drei Jahre beschränkt sind. Frauen (und auch Männer) mit Familienaufgaben brauchen längere Zeiträume, um ihre Doktorarbeiten abschließen und ihre wissenschaftliche Karriere nahtlos fortsetzen zu können. Auch ist es in Wissenschaft und Forschung nur sehr selten möglich, in Teilzeit oder im Homeoffice zu arbeiten. Wissenschaftliche, projektbezogene Beschäftigungen an den Hochschulen sind derzeit nicht auf die Bedarfe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen zugeschnitten. Um zu vermeiden, dass insbesondere Frauen aufgrund einer Familienphase ihre Karrieren für längere Zeit unterbrechen, ist es in allen Bereichen nach meiner Einschätzung zielführend, die familienbewusste Kultur weiter auszubauen. Hochschulen und Unternehmen sollten zudem berufliche Wiedereinsteigerinnen stärker in den Blick nehmen und ihnen über ein Praktikum den Weg in ihre Organisation eröffnen. Denn Berufsrückkehrerinnen sind hochmotiviert. Und es gibt nichts Besseres als motivierte Beschäftigte. Fachwissen kann man nachholen. Aber der Wille, auf dem Arbeitsmarkt etwas zu erreichen, die Kraft, die Wiedereinsteigerinnen mitbringen, das sind Eigenschaften, die kann man nicht erlernen. Wer dieses Potenzial erkennt und nutzt, kann mit einer Wiedereinsteigerin eine tolle Fachkraft gewinnen.

perspektive-wiedereinstieg.de:Herzlichen Dank für das anregende Gespräch, Frau Moriz!

Links:

Hochschule Ostwestfalen-Lippe
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Wiedereinstiegsprogramm, Hochschule Ostwestfalen-Lippe
Website

www.perspektive-wiedereinstieg.de:

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