Best Practice: Wege aus der Sackgasse „Minijob“ – „REWE Haase“ in Hamm/Westfalen unterstützt seine Mitarbeiterinnen dabei, sich beruflich weiterzuentwickeln.

Das Familienunternehmen Haase in Hamm, das zwei REWE Supermärkte und einen Getränkemarkt betreibt, bietet seinen Aushilfskräften mit dem Umstieg vom Minijob in eine sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung eine Zukunftsperspektive. Die Frauen können sich so eigenständig ihre Existenz sichern und qualifizieren, das Unternehmen profitiert von mehr Kontinuität und höherer Motivation bei den Mitarbeiterinnen. Durch das Erfolgsmodell in Westfalen konnte sich bereits ein Dutzend Frauen beruflich weiterentwickeln.

Foto: B. Haase

Vor rund vier Jahren hat Benjamin Haase, der in Hamm zwei REWE-Supermärkte und einen Getränkemarkt betreibt, begonnen zu überlegen, wie er sein Familienunternehmen besser für die Zukunft aufstellen kann. "Wir hatten eine immer größere Fluktuation bei unseren Minijobs", sagt der Unternehmer, dessen Familie seit 1949 im Einzelhandel tätig ist. "Früher konnten wir aus der Nachbarschaft unserer Filialen eine Menge Frauen als Aushilfen gewinnen, die ihre Arbeit langfristig mit Engagement und Verantwortungsbewusstsein ausgeübt haben. Meist arbeiteten ihre Männer in der ansässigen Zeche, und die Frauen wollten bei uns ein Taschengeld dazuverdienen. Heute müssen in einer Partnerschaft meist beide arbeiten, damit die Familie gut über die Runden kommt. Da ist es schwer, qualifizierte Kräfte für den Einzelhandel zu gewinnen."

Der Minijob führt langfristig in die Armut

 Unter den knapp 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Unternehmens übten damals rund 30 eine geringfügige Beschäftigung „auf 450-Euro-Basis“ aus, die restlichen Arbeitsplätze bestanden aus Vollzeit- und Teilzeitstellen. Unter den Minijobberinnen und -jobbern waren zu einem Drittel Schüler bzw. Schülerinnen und Studierende, die überwiegende Mehrheit bestand aus Frauen, die während der Familienphase nur begrenzt berufstätig sein konnten oder wollten.

Die Vereine „Frau & Beruf“ im Kreis Warendorf und in Münster, die am 24. Juni 2016 die Kampagne „Maxi statt Mini“ initiierten, belegen auf der Homepage mit Zahlen, dass sich eine längere Beschäftigung als Aushilfe in der Erwerbsbiographie oft als Sackgasse erweist. Unter den mehr als 7,3 Millionen geringfügig Beschäftigten in Deutschland sind 64 Prozent Frauen. Auch wenn viele den Minijob nur als Übergang ansehen, bleiben sie durchschnittlich sieben Jahre im Aushilfs-Status stecken. Nur 14 Prozent schaffen den Sprung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, die Hälfte geht anschließend in die Arbeitslosigkeit. Das Fatale am Minijob ist, dass er langfristig in die Armut führt: Für ein Jahr geringfügiger Beschäftigung erwirbt eine Aushilfskraft knapp vier Euro Rentenanspruch.

Anreize für den Umstieg in Teilzeitjobs schaffen

 "Bei dem Renten-Argument habe ich angesetzt, als ich rund zwanzig Minijobberinnen vor zwei Jahren den Umstieg auf Teilzeitarbeit schmackhaft machen wollte", sagt Benjamin Haase. Der Unternehmer wollte mit der hausinternen Kampagne die guten Arbeitskräfte langfristig für sein Geschäft gewinnen, sie qualifizieren und ihnen die Möglichkeit geben, später die Stundenzahl weiter aufzustocken. Neben der Kontinuität und mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit sah er für sich als Unternehmer einen weiteren Vorteil: Minijobs sind für Betriebe durch die 30-prozentige Pauschalbesteuerung teurer als sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Den unternehmerischen Vorteil gab Benjamin Haase an seine Arbeitskräfte weiter, indem er ihnen zusätzlich eine betriebliche Rentenversicherung von 50 Cent pro Arbeitsstunde in Aussicht stellte.

Wer 30 Stunden im Monat zusätzlich zu den im Minijob geleisteten Stunden draufsattelte, sollte laut Haases Berechnung am Monatsende rund 200 Euro mehr im Portemonnaie haben. Und noch ein weiteres Argument überzeugte die Frauen: Nur wer als Arbeitnehmerin eigenständig krankenversichert ist, hat vollen Anspruch auf alle Reha-Maßnahmen, die im Krankheitsfall zur Wiederherstellung der Arbeitskraft nötig sind. Dank der guten Argumente wollten alle Frauen die Chance zur beruflichen Weiterentwicklung nutzen. "Zudem haben sich die Frauen über die Anerkennung gefreut, die ich ihnen durch das Angebot gezeigt habe", sagt Benjamin Haase. "Bei einigen Minijobberinnen war das Selbstbewusstsein durch den längeren Status als Aushilfskraft angeschlagen. Sie blühten durch die Umstellung im ersten Jahr richtiggehend auf, engagierten sich und konnten dadurch sogar zum Teil Leitungspositionen in ihren Abteilungen übernehmen."

 „Jetzt muss die Steuergesetzgebung nachziehen.“

 Verheiratete Frauen, die mit 84 Prozent derzeit das Gros der Minijobberinnen im Unternehmen ausmachen, müssen allerdings hinnehmen, dass ihnen der Umstieg auf die Teilzeitstelle durch das Ehegattensplitting Steuernachteile bringt: Würden sie mit einem Verdienst von zum Beispiel 800 Euro individuell besteuert werden, müssten sie durch Freibeträge keine Steuern zahlen. Durch die gemeinsame Veranlagung mit dem Ehemann und die ungünstige Steuerklasse V haben sie jedoch hohe Abzüge. Benjamin  Haases neue Teilzeitkräfte erlebten beim ersten Steuerbescheid einen schweren Rückschlag: Auf sie warteten Nachzahlungen bis zu 1.200 Euro.

"Die älteren Mitarbeiterinnen zwischen Mitte 40 und Mitte 50 haben das zähneknirschend akzeptiert, weil für sie das Hauptaugenmerk darauf liegt, dass sie als Teilzeitkraft etwas für ihre Rente tun können", sagt der Unternehmer. "Sieben jüngere Mitarbeiterinnen sind daraufhin in den steuerfreien Minijob zurückgekehrt: Sie wollten mit dem zusätzlichen Verdienst als Teilzeitkraft ihr Familieneinkommen aufbessern. Wenn davon jedoch kaum etwas im Portemonnaie übrig bleibt, ist es ihnen wichtiger, die Zeit mit ihren Kindern zu verbringen."

Als Mitglied im Einzelhandelsverband Westfalen unterstützt Benjamin Haase die Kampagne „Maxi statt Mini“, welche die gesellschaftliche und politische Debatte um Minijobs neu entfachen und für zukunftsträchtige Alternativen für Arbeit von Frauen werben will. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder über das Thema Steuergerechtigkeit und das Ehegattensplitting, das sich am überholten Ernährer-Modell orientiert, diskutiert. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen qualifizierte Arbeit anstreben und sich engagieren wollen", sagt Benjamin Haase. "Aber Arbeit muss sich auch lohnen, sonst kommen Frauen nicht aus der Sackgasse Minijob heraus. Als Arbeitgeber kann ich ein Modell auf den Weg bringen, das uns die Fachkräfte von morgen sichert. Jetzt muss die Steuergesetzgebung nachziehen, damit der Übergang in sozialversicherungspflichtige Jobs für Frauen auch attraktiv ist."

 

Links:

REWE Haase, Hamm

Kampagne „MAX! statt mini“

Links: perspektive-wiedereinstieg.de

„Minijob? – Machen Sie mehr draus“: Projekt „Joboption“ wirbt bei geringfügig Beschäftigten und Unternehmen für sozialversicherungs­pflichtige Arbeitsverhältnisse

Geringfügige Beschäftigung: 450-Euro-Minijob und kurzfristiger Minijob

Bericht: Gleichstellen: Auch eine Option für Minijobberinnen

Bundesland Spezial: Wiedereinstiegsangebote in Nordrhein-Westfalen (NRW)

Weitere Beispiele aus der Unternehmens-Praxis

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Foto: Benjamin Haase

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