Schichtarbeit familienbewusst gestalten

Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales waren im Jahr 2011 in Deutschland rund 15 Prozent der Beschäftigten im Schichtdienst tätig. Sie arbeiten dort zeitlich versetzt zum Beispiel in Früh-, Mittel-, Spät- und ggf. Nachtschicht. Familienfreundliche Schichtmodelle und eine entsprechende Dienstplangestaltung können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und so auch den beruflichen Wiedereinstieg erleichtern.

Foto: Arbeitsplätze mit mehreren Monitoren

Schichtarbeit ist eine Arbeitsgestaltung, die Unternehmen einsetzen, in denen länger als die gewöhnliche Tagesarbeitszeit gearbeitet wird bzw. Bereitschaftsdienste anfallen. Das bedeutet, dass verschiedene Beschäftigte zeitlich versetzt in einem Zwei-, Drei-, Vier- oder Fünfschichtsystem an einer Arbeitsstelle tätig sind.

Schichtmodelle

Das Schichtmodell, das ein Unternehmen wählt, legt fest, wann die einzelnen Schichten beginnen und enden. Außerdem ist in der Regel die Schichtfolge (Schichtrhythmus) definiert, zum Beispiel fünfmal Frühschicht, zwei Tage frei, fünfmal Spätschicht, zwei Tage frei etc.

Aus Gründen des Gesundheitsschutzes raten Fachleute dazu, bei der Konzeption eines Schichtmodells Folgendes zu beachten:

  • Nicht mehr als drei Nacht- bzw. Spätschichten am Stück vorsehen.
  • Zwei oder mehr freie Tage nach einer Nachtschichtphase einplanen.
  • Arbeits- und Freizeitphasen am Stück belassen (jeweils mindestens zwei Tage).
  • Regelmäßig komplette freie Wochenenden erhalten.
  • Kurze Schichtrhythmen (z.B. zwei Tage früh, zwei Tage spät, zwei Tage nachts) vorsehen.
  • Schichten "vorwärts" wechseln lassen.

Mehrere Schichtmodelle nutzen

Für Beschäftigte mit Familienaufgaben und für solche, die nach einer Familienphase beruflich wieder einsteigen möchten, könnte es hilfreich sein, wenn es im Unternehmen unterschiedliche Schichtmodelle gibt, die zur Wahl stehen. Denn je nach den familiären Rahmenbedingungen der Beschäftigten unterscheidet sich ihre bevorzugte Arbeitszeitgestaltung. Eine weitere Möglichkeit für mehr Familienfreundlichkeit wäre es, auch Schichten anzubieten, die sich an den Dienstleistungszeiten von örtlichen Kinderbetreuungs­angeboten bzw. Pflegediensten ausrichten.

Flexibel im Schichtsystem

Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Systems wirken sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus. Durch geteilte Schichten (Job-Sharing), zusätzliche Freischichten oder Sonderschichten ist es zum Beispiel vielfach möglich, Teilzeitarbeit im Schichtsystem anzubieten. Auch der Verzicht auf starre Anfangszeiten der Schichten ist - wo dies möglich ist - ein Ansatz, um für Beschäftigte mit Fürsorgeaufgaben Zeitstress abzubauen. Manche Unternehmen ermutigen ihre Teams auch, abweichende Schichtmodelle zu erproben, wenn sichergestellt ist, dass die betrieblichen Erfordernisse abgedeckt sind.

Herausforderung: vielfältige Anforderungen zusammenbringen

Ein Schichtmodell zu finden, in dem die Anforderungen des Betriebes und die Interessen der Beschäftigten gleichermaßen berücksichtigt sind, ist eine Herausforderung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB bezeichnet in seiner Broschüre „Familienbewusste Schichtarbeit“ von 2011 Schichtmodelle dann als familienbewusst, wenn sie Kriterien der Gesundheit, des Sozialen, des Arbeitsschutzes, der ergonomischen und alter(n)sgerechten Arbeitsgestaltung ausreichend berücksichtigen und gleichzeitig Kriterien der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in die Schichtgestaltung integrieren.

Familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung im Schichtbetrieb

Auch bei der Ausarbeitung von Dienstplänen im Rahmen des gewählten Schichtmodells gibt es Aspekte, die die Familienfreundlichkeit erhöhen können:

  • Langfristige Planbarkeit schaffen, indem Dienstpläne frühzeitig bekannt sind und Abweichungen nach Möglichkeit vermieden werden.
  • Beschäftigten Mitsprache bei der Dienstplangestaltung bieten.
  • Für „Notfälle“: Flexibilität durch Absprachen in den Teams ermöglichen.
  • Regelmäßige Überstunden vermeiden (evtl. maximale Über- und Unterstunden sowie Ausgleich dafür festlegen).

Beispiel: Klinikum Delmenhorst

Das Beispiel des Klinikums Delmenhorst zeigt, wie sich Arbeitszeitmodelle weiterentwickeln lassen. Das Krankenhaus muss die Betreuung und Pflege der Patientinnen und Patienten rund um die Uhr sicherstellen. Der Einrichtung ist es gelungen, ihr Schichtsystem Schritt für Schritt flexibler zu gestalten und mehr unterschiedliche Arbeitszeitvarianten anzubieten. Dazu trug wesentlich die Erhöhung des Anteils der Teilzeitbeschäftigten bei, der heute bei 43 Prozent liegt. Wichtiger Motor des Prozesses waren zudem die Pflegeteams, die ihre Freiheiten bei der Ausarbeitung der Dienstpläne nutzten, um neue Gestaltungsmöglichkeiten zu erproben. So entstand in einem Team ein Zwischendienst. Er startet nicht wie der übliche Frühdienst bereits um 5:48 Uhr, sondern erst um 7:00 Uhr. Das Ende der Schicht kann individuell festgelegt werden. So lassen sich Dienst und Kinder- bzw. Angehörigenbetreuung für Beschäftigte mit Familienaufgaben gut aufeinander abstimmen. Nach positiven Erfahrungen damit, wurde dieser Zwischendienst von anderen Abteilungen der Klinik übernommen. Im nächsten Schritt möchte das Klinikum die guten Arbeitszeitpraktiken systematisieren und zum Standard für alle Beschäftigten machen. Die Möglichkeit der Teams, innovative Modelle zu erproben, soll dabei aufrechterhalten bleiben.

Beispiel: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)

Das UKSH mit Standorten in Kiel und Lübeck machte die Erfahrung, dass es vor allem der Dreischichtbetrieb mit wechselnden Arbeitszeiten ist, der Krankenschwestern und -pflegern nach einer Familienphase den Wiedereinstieg in den Beruf erschwert. Da in den Teams auf den Stationen abweichende Arbeitszeiten schwer möglich sind, entwickelte die Klinik eine innovative Lösung. Sie richtete ein zentrales Pflegecenter ein. Das ist eine Organisationseinheit, die zwar über Personal, nicht aber über Betten verfügt. Die Fachkräfte, die dort beschäftigt sind, kommen flexibel überall im Haus zum Einsatz. Im Gegenzug haben sie verlässliche, feststehende Arbeitszeiten, die ihren eigenen Vorstellungen und ihren familiären Rahmenbedingungen entsprechen.

Beispiel: Rasselstein GmbH

Die Rasselstein GmbH, ein Hersteller von Weißblechen mit 2.400 Beschäftigten am Standort Andernach, stellte sein Schichtmodell um und führte kurze Schichtrhythmen ein: zwei Tage früh, zwei Tage spät, zwei Tage nachts, vier Tage frei. Ihr familiäres und soziales Leben habe sich durch die neue Arbeitszeitgestaltung verbessert. Es finde nicht mehr "wochenweise" statt und sei besser planbar, berichten die Beschäftigten. Dabei hatten sie das neue Modell zunächst sehr skeptisch gesehen. Erst als eine Testgruppe von positiven Erfahrungen berichtete, fand die neue Lösung Akzeptanz und wurde im gesamten Betrieb eingeführt.

Links:

Schichtplangestaltung
Empfehlungen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) auf der INQA-Website.

Schichtarbeit. Überblick und Umsetzung
Informationen auf der Website Treffpunkt Führungskräfte

Foto: pixelio.de / erysipel

Services

Themenlotse

Themen-Schnellzugang