Publikation: "Die NEUE Vereinbarkeit"

Gute Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Mütter schaffen: So lautete lange Zeit die Maxime in familienfreundlichen Unternehmen. Jetzt müsse es darum gehen, dieses Konzept auf eine höhere Stufe zu heben und es in Form einer lebensphasenorientierten Personalpolitik allen Beschäftigten zugänglich zu machen. Die Trends zu mehr Digitalisierung und "Individu­alisierung" unterstützten den dazu nötigen Kulturwandel in der Arbeitswelt. So die Thesen im Magazin "Die NEUE Vereinbarkeit" der Unternehmensberatung Roland Berger.

Cover des Magazins "Think Act" 11-2014 von Roland Berger: "Die NEUE Vereinbarkeit"

In einem im November 2014 erschienenen Magazin aus der Reihe Think Act fordert die Unternehmensberatung Roland Berger Strategie Consultants Unternehmerinnen und Unternehmer auf, Vereinbarkeit von Familie und Beruf neu zu denken. Das Thema bedürfe eines „Qualitätssprungs“ meinen die Autorinnen Ina Wietheger und Ute Lysk. Politik, Wirtschaft und Verbände hätten bereits viel erreicht, um berufliche und familiäre Anforderungen besser vereinbar zu machen. Im Fokus der Maßnahmen standen bislang vor allem Frauen mit minderjährigen Kindern. Ihnen sollte eine frühe Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglicht werden. Die familienfreundlichen Angebote in vielen Unternehmen, der Ausbau der Kinderbetreuung sowie zahlreiche Kampagnen, die das Thema adressierten, zeigten Wirkung: Die Müttererwerbstätigkeit stieg von 59,2 Prozent im Jahr 2004 auf 66,8 Prozent in 2013.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf nicht nur ein Frauenthema sein

In Deutschland arbeitet jedoch fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit. Mit durchschnittlich 16,9 Stunden ist die Wochenarbeitszeit dieser Teilzeit­beschäftigten eine der niedrigsten in der EU. Damit die Mütter, die das möchten, ihren Erwerbsumfang ausdehnen können, wäre es wichtig, dass Unternehmen mit ihren Angeboten zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch Väter erreichen.

Väter wollen Verantwortung in Kindererziehung und Haushalt übernehmen

Die nach Einführung des Elterngeldes sprunghaft gestiegenen Elternzeiten von Vätern machen deutlich, dass Männer durchaus mehr Verantwortung in Erziehung und Haushalt übernehmen möchten. Umfragen bestätigen, dass sich viele Paare eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung wünschen. Die Väter wollen in der Mehrheit (60 Prozent) kürzer arbeiten – die meisten tun es aber nicht, weil passende vollzeitnahe Teilzeitangebote fehlen oder sie befürchten, als ‚Hausmann’ in der Karriere-Rushhour zwischen 25 und 40 Jahren ein Stück nach hinten durchgereicht zu werden, schreiben Ina Wietheger und Ute Lysk. Unternehmen seien daher gefordert, ihre oft vorherrschende Anwesenheits­kultur zu überdenken und die Flexibilität zu erhöhen, um Vätern passende Angebote machen zu können. Der Soziologe Prof. Carsten Wippermann betont im Interview mit den Autorinnen: Vereinbarkeit sollte nie ein berufliches Risiko sein – weder für Frauen noch für Männer.

Zwei gesellschaftliche Megatrends treiben den Wandel hin zu einer neuen Vereinbarkeit durch eine größere Flexibilität bei Arbeitsort und -zeit voran: Digitalisierung und Individualisierung.

Ein Treiber für den Wandel: „Digitalisierung“

Die Durchdringung und Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien dürfte auf das Zusammenleben in Deutschland so radikal einwirken wie einst die erste industrielle Revolution, heißt es in der Veröffentlichung. Die dadurch mögliche räumliche Flexibilität (Home-Office oder mobiles Arbeiten) nutzen jedoch momentan selbst in Bereichen wie der IT-, Kreativ- und Medienwirtschaft erst maximal 15 Prozent der Beschäftigten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden ein solches dezentrales Arbeiten in Zukunft jedoch verstärkt einfordern, sagen die Autorinnen voraus. Auch in der Industrie könne eine Digitalisierung zur Flexibilisierung beitragen: Mit einer speziellen Software erstellte Schichtpläne, die eine Berücksichtigung von Wunscharbeitszeiten möglich machten, seien ein Beispiel dafür.

„Individualisierung“ unterstützt Veränderungsprozess

Der seit längerem zu beobachtende Trend der Individualisierung bezeichnet die Möglichkeit der Menschen in Deutschland und der westlichen Welt, ihre Lebensführung weitgehend autonom zu gestalten und sich von einengenden Verhaltensvorgaben frei zu machen. Im beruflichen Bereich hat das zur Folge, dass Beschäftigte häufiger ihren Arbeitgeber bzw. ihre Arbeitgeberin wechseln. Der jahrzehntelang als Vorbild dienende linear aufsteigende Karrierepfad ist nun immer häufiger von Erwerbsunterbrechungen gekennzeichnet: Weil die Bedeutung selbstbestimmter und unverplanter Zeit zunimmt – gerade Eltern empfinden die Zeitnot als das größte Problem im Alltag. Die Menschen wollen mehr Zeit für sich, um sich weiter zu qualifizieren, um die Betreuung und Pflege von Eltern und Angehörigen zu übernehmen oder um den eigenen Interessen und Leidenschaften nachzugehen. Besonders die Frauen und Männer der Generation Y (Geburts­jahr­gänge zwischen 1977 und 1998) streben gleichberech­tigte Familien­mo­delle an und haben entsprechende Anforderungen an die Arbeitswelt. Eine Umfrage von Roland Berger und der Zeitung Die Welt im Herbst 2014 ergab, dass über 30 Prozent der Topmanagerinnen und Topmanager damit rechnen, dass das Modell der Partnerschaftlichkeit in fünf bis zehn Jahren zum neuen Standard geworden sein wird.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Ina Wietheger und Ute Lysk leiten aus dieser Analyse die folgenden Aufgaben für Unternehmen ab:

Unterschiedliche Lebensstile verstehen

Gute Unternehmenspolitik nimmt künftig nicht nur die Väter stärker in den Blick, die in den vergangenen Jahren eher wenig Aufmerksamkeit der Personalverantwortlichen erfahren haben. Sie muss beispielsweise auch an junge 'Relaxte', ehrenamtlich Engagierte, extrem Leistungsorientierte, mittlere Jahrgänge mit pflegebedürftigen Eltern denken – und natürlich weiterhin an jüngere und ältere Mütter, schreiben die Autorinnen.

Möglichkeiten der Digitalisierung für neue Arbeitszeit- und -platzmodelle nutzen

Während die Digitalisierung sich in Geschäftsmodellen zumeist niedergeschlagen habe, folgten die Organisationstrukturen vieler Unternehmen noch immer einem analogen Prinzip, heißt es in der Publikation. Jetzt gelte es, die Möglichkeiten der Digitalisierung in Bezug auf flexible Arbeitsstrukturen auszuloten und entsprechen­de Modelle zu erproben und zu etablieren. Diese sind allerdings nur dann erfolg­reich, wenn sie im Unternehmen auf breite Akzeptanz stoßen und Führungs­kräfte in die Lage versetzt werden, dezentral zu führen.

Die neue Vereinbarkeit bedeutet auch einen veränderten Umgang mit Brüchen in Erwerbsbiografien. So fordern es zumindest die Buchautorinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach, diein der Broschüre zitiert werden: Machen wir die Gesellschaft fit für die On-off-Biografie! Einen Lebenslauf also, in dem Phasen der Erwerbsarbeit immer wieder mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können, von der Gesellschaft getragen und den Unternehmen gefördert.

Jedes Unternehmen braucht seine eigene Strategie

Einen Königsweg zu einer lebensphasenorientierten Arbeitsorganisation gebe es für die Betriebe indes nicht: Jedes Unternehmen muss eine individuelle Strategie entwickeln, die den Besonderheiten seiner Mitarbeiterschaft, seiner Branche, seines Marktumfelds und seiner Wettbewerbsposition gerecht wird.

Link:

"Die NEUE Vereinbarkeit. Warum Deutschland einen Qualitätssprung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht!"
Magazin der Unternehmensberatung Roland Berger Strategie Consultants in der Reihe Think Act (November 2014), Autorinnen: Ina Wietheger und Ute Lysk

Bild: Roland Berger

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