Digitalisierung der Arbeitswelt: Mobile Arbeitsformen eröffnen Chancen für eine partner­schaft­liche Aufgabenteilung

Das Leitbild einer partnerschaftlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt im Trend: immer mehr Mütter und Väter in Deutschland haben den Wunsch nach einer gleichberechtigten Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit. Inwieweit kann eine Digitalisierung der Arbeitswelt Eltern dabei unterstützen? Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat im Dezember 2015 die Expertise Digitalisierung – Chancen und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf veröffentlicht. Das zentrale Ergebnis lautet: Digital unterstützte flexible Arbeitsformen besitzen ein großes, derzeit noch zu wenig genutztes Potenzial für die NEUE Vereinbarkeit, insbesondere wenn zeitliche und örtliche Flexibilität zusammenkommen.

Foto: Hände auf einer Computer-Tastatur

Intelligente Kühlschränke, die Rezeptvorschläge machen und den entsprechenden Einkauf gleich miterledigen, Intelligente Verkehrssysteme, die den Verkehr sicherer, schneller und vor allem staufreier werden lässt, eine Telemedizin, die gerade im ländlichen Raum die lange Anfahrt zum Arzt oder zur Ärztin überflüssig macht – das sind Beispiele dafür, wie die Digitalisierung in Zukunft den Alltag von Familien erleichtern könnte. Vieles ist jetzt schon möglich, beispielsweise Behördenangelegenheiten, Bankgeschäfte oder auch Einkäufe online abzuwickeln. All das spart Zeit - eine wichtige Ressource, die Eltern häufig fehlt.

Auch die Arbeitswelt steht vor großen Veränderungen. Die Digitalisierung bietet derzeit besonders in Berufsfeldern des Wissens- und Dienstleistungssektors vielfältige Möglichkeiten, Arbeitsprozesse zeitlich, räumlich und inhaltlich zu entzerren und damit auch die Chance, sie den Bedarfen an eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie anzupassen, heißt es in der Studie Digitalisierung - Chancen und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Expertise der Roland Berger GmbH im Rahmen des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ fasst die repräsentativen Ergebnisse aus einer Unternehmensbefragung der Gesellschaft für Konsumforschung und einer Befragung berufstätiger Eltern vom Institut für Demoskopie Allensbach zusammen, beschreibt die Vorteile digital unterstützter flexibler Arbeitsformen für Unternehmen sowie Beschäftigte und entwickelt Handlungsempfehlungen für weitere Schritte in Richtung NEUE Vereinbarkeit in einer digitalen Arbeitswelt. Das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ wird im Rahmen des Programms „Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfonds gefördert. 

Digital unterstützte flexible Arbeitsformen als zentraler Bestandteil der NEUEN Vereinbarkeit

Klassische Arbeitsmodelle sind so gestaltet, dass die Beschäftigten zu festgelegten Zeiten, oft zwischen 9 und 17 Uhr, im Unternehmen präsent sein müssen. Dagegen ermöglicht eine digitale Vernetzung den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine in weiten Teilen flexible und selbstbestimmte Wahl ihres Arbeitsorts sowie die Einteilung ihrer Arbeitszeiten. Unter digital unterstützten flexiblen Arbeitsformen werden Home Office, Teleheimarbeit sowie mobiles Arbeiten verstanden. Natürlich gelten in diesem Zusammenhang die gleichen beruflichen und arbeitsrechtlichen Standards wie bei der Arbeit im Unternehmen, etwa in Hinblick auf die Erreichbarkeit oder die ungeteilte Konzentration.

Digital unterstützte, zeitlich und räumlich flexible Arbeitsformen ermöglichen somit Zeitsouveränität, die es Beschäftigten mit Kindern oder Pflegeaufgaben erlaubt, Beruf und Familie so zu koordinieren, dass sie den damit verbundenen Aufgaben besser gerecht werden können. Weitere Vorteile des Home Office sind:

  • Beschäftige mit Familienaufgaben können früher und/ oder mit einem größeren Stundenvolumen beruflich wieder einsteigen.
  • Eltern und pflegende Angehörige können Zeit für die Familie gewinnen, zum Beispiel durch den Wegfall von Fahrten zu und von der Arbeitsstätte.
  • Home Office-Lösungen erleichtern es Müttern und Vätern gleichermaßen, ihre berufliche Karriere fortzusetzen.

Vereinbarkeit als wichtiger Grund für Home Office-Angebote

Die Expertise zeigt: Der Anteil der Unternehmen in Deutschland, die Home Office-Lösungen anbieten, ist deutlich gestiegen. Im Jahr 2003 waren es noch acht Prozent, 2015 sind es im Durchschnitt fast 40 Prozent. Während mittelständische und große Betriebe über dem Durchschnitt liegen, bieten kleine Betriebe mit 15 bis 49 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seltener digital unterstützte flexible Arbeitsmodelle an (18 Prozent). Die Gründe können vielschichtig sein, heiß es in der Expertise: Zum einen finden sich unter kleinen Unternehmen viele mit einem stark manuell geprägten Tätigkeitsprofil, beispielsweise Handwerksbetriebe. Zum anderen fallen die Investitionskosten, derer es bedarf, um im Unternehmen überhaupt die nötige Infrastruktur für die Arbeit aus dem Home Office zu schaffen, für kleinere Unternehmen stärker ins Gewicht als für größere, weil letztere in der Regel bereits über umfassende IT-Infrastrukturen verfügen.

Obwohl mittlerweile deutlich mehr Betriebe ihren Beschäftigten die Möglichkeit des mobilen Arbeitens anbieten, ist der Bedarf immer noch größer als das Angebot. Aktuell nutzen lediglich sechs Prozent aller berufstätigen Eltern mit minderjährigen Kindern in Deutschland mobile Arbeitsformen. Weitere 25 Prozent der Eltern haben jedoch aufgrund ihrer Tätigkeit Interesse an einer Arbeit im Home Office. Sind beide Eltern in Vollzeit berufstätig, liegt der Anteil sogar bei 38 Prozent.

Eltern, die bereits jetzt mit Hilfe von Computer und Internet von zu Hause arbeiten, bestätigen, dass sie mit dieser familienfreundlichen Maßnahme Beruf und Familie besser in Einklang bringen können. Digital unterstützte, zeitlich und räumlich flexible Arbeitsformen bieten auch aus Sicht von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern Vorteile. 94 Prozent der Unternehmen, die diese Arbeitsformen bereits anbieten, möchten ihren Beschäftigten damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern.

Arbeiten im Home Office bringt Zeit für Familie und fördert partnerschaftliche Aufgabenteilung

Die Elternbefragung des Institut für Demoskopie Allensbach ergab: Die Nutzung eines Home Office spart den Beschäftigten durchschnittlich 4,4 Stunden pro Woche, in erster Linie durch den Wegfall des Arbeitsweges. Für 17 Prozent sind es zehn und mehr Stunden. Die Zeitersparnis nutzen die Befragten für Familie und Kinder (80 Prozent), für die „Haushaltsführung“ (71 Prozent) oder für „private Interessen“ (52 Prozent). Lediglich 17 Prozent der Befragten verwenden die durch die Arbeit im Home Office eingesparte Zeit für betriebliche Mehrarbeit (Mehrfachangaben waren möglich).

Fast die Hälfte der befragten Väter gab an, mit der gewonnenen Zeit ihre berufstätige Partnerin zu entlasten (44 Prozent). Zudem ist es ihnen aufgrund der flexiblen Arbeitszeitgestaltung eher möglich, anfallende Familienaufgaben zu übernehmen als Vätern, die im Unternehmen präsent sein müssen. Und auch die Mehrheit der berufstätigen Eltern, die noch nicht im Home Office arbeiten, aber daran interessiert wären, würde die eingesparte Zeit für eine partnerschaftliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie nutzen. Im Ergebnis fördert diese Arbeitsform somit eine partnerschaftliche Aufgabenteilung.

Sechs Ansatzpunkte für eine bessere Nutzung der Potenziale mobiler Arbeitsformen für die NEUE Vereinbarkeit

Auch wenn der Ausbau von Home Office-Angeboten wegen der weiterhin stark ausgeprägten betrieblichen Präsenzkultur bzw. fehlender technischer Voraussetzungen – zum Beispiel im ländlichen Raum – noch zögerlich voranschreitet, liegen die Vorteile für Unternehmen und Beschäftigte klar auf der Hand. Um das Potenzial digital unterstützter flexibler Arbeitsmodelle weiter zu erschließen, wurden sechs Hauptansatzpunkte identifiziert:

  • Vorbehalte gegen die technische und organisatorische Machbarkeit abbauen und Beispiele guter Praxis bekannt machen
  • Den notwendigen Kulturwandel in den Unternehmen fördern und den Nutzen für Beschäftigte und Betriebe kommunizieren
  • Die Nachfrage durch Väter und Mütter steigern und Home Office als karrierefreundliches Vereinbarkeitsinstrument und als Alternative zur Arbeit in geringfügiger Teilzeit positionieren
  • Den Ausbau der Breitbandinfrastruktur fortsetzen sowie sinnvolle und kostengünstige Übergangslösungen schaffen
  • Technische und organisatorische Machbarkeit sicherstellen sowie die konkreten Herausforderungen mobiler Arbeit identifizieren und gemeinsam entsprechende Vorkehrungen zu treffen zum Beispiel mit Hilfe von Checklisten und Prüfraster
  • Betriebliche Regelungen für digital unterstützte, zeitlich und räumlich flexible Arbeitsformen vereinbaren und Lösungen für die praktische Umsetzung im Alltag aufzeigen

Die Studie zeigt, dass schon heute viele Beschäftigte digital unterstützte, örtlich und zeitlich flexible Arbeitsformen als substanzielle Verbesserung wahrnehmen, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, die anstehenden Aufgaben in der Familie partnerschaftlich aufzuteilen, sich gegenseitig zu entlasten und Zeit für die Familie zu gewinnen. Die Chancen für eine positive Gestaltung und Anreicherung des Erwerbs- und Familienlebens durch die Digitalisierung müssen im Rahmen der neu zu definierenden Arbeitszeitpolitik und Arbeitszeitkultur so gestaltet werden, dass sie Müttern und Vätern eine NEUE Vereinbarkeit ermöglichen. Die Handlungsempfehlungen in der Studie bieten eine gute Grundlage, damit Akteurinnen und Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Ausbau dieser modernen Arbeitsformen vorantreiben können.

Links:

Expertise "Digitalisierung – Chancen und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf" (Langfassung)
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2015

Expertise "Digitalisierung – Chancen und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf" (Kurzfassung)
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2015

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