Wir müssen alle dazu beitragen, die vorherrschende Mentalität zu verändern, die Familien- und Pflegezeiten als ‚Auszeiten‘ definiert, sagt Professor Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Noch immer müssen Frauen, die nach einer familienbedingten Erwerbspause wieder in das Berufsleben einsteigen wollen, Hindernisse überwinden, um in der Arbeitswelt wieder Fuß zu fassen, Beruf und Familie in Einklang zu bringen und eine geschlechtergerechte Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zu erwirken. Professor Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, äußert sich dazu in unserem Interview.

Foto: Frau Professorin Jutta Allmendinger

perspektive-wiedereinstieg.de: Welches sind die größten Hindernisse für nicht-erwerbstätige Frauen, wieder in die Arbeitswelt zurückzukehren?

Professor Jutta Allmendinger: Das ist unterschiedlich, je nach bisherigem Beruf, der eingenommenen Position und der Erwerbsbiografie insgesamt. Manchmal ist es das Alter, viel häufiger aber die Dauer der Erwerbsunterbrechung. Es wird angenommen, dass alle Kompetenzen während der Erziehungszeit von Kindern oder der Pflege von Eltern verloren gehen. Kaum jemand nimmt an, dass in solchen Phasen ein Mehr an Erfahrungen und Fähigkeiten wächst. Und wer einmal arbeitslos ist, wird oft auch stigmatisiert. „Ach, die wollen doch gar nicht arbeiten“, sagt man dann leichthin. Oder: „Wenn andere diese Arbeitnehmerin nicht wollen, kann sie ja nichts taugen.“

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie können Frauen diese Hindernisse überwinden?

Professor Jutta Allmendinger: Gut wäre es, den Kontakt zur Arbeit aufrecht zu erhalten, wenn die Art des Jobs das zulässt. Selbst in begrenztem Umfang aktiver Teil des Unternehmens oder der Organisation zu bleiben, ist sehr hilfreich. Man bleibt informiert, weiß, wie sich die Arbeit weiterentwickelt und wird nicht vergessen. Es kann ja zunächst ein sehr begrenztes Stundenkontingent sein, das im Laufe der Zeit aufgestockt wird, je nach individueller Situation. Da die Betreuungsinfrastruktur für Kleinkinder in Deutschland, vor allem in den westlichen Bundesländern, immer noch völlig unzureichend ist, bleiben die Möglichkeiten begrenzt. Auch deshalb wäre eine aktive Unterstützung durch den Partner erforderlich. Diese muss auch eingefordert werden. Auch professionelle Weiterentwicklung ist natürlich wichtig, da sich die beruflichen Anforderungen heute schnell ändern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wer hat es besonders schwer?

Professor Jutta Allmendinger: Menschen mit niedriger Bildung und Qualifikation haben generell sehr schlechte Chancen. Viele Untersuchungen zeigen sogar, dass ihre Chancen immer schlechter werden. Ihnen hilft der demografische Wandel mit dem jetzt schon deutlich spürbaren Mangel an Arbeitskräften überhaupt nicht. Gesucht werden nämlich gut ausgebildete Fachkräfte. Die Unternehmen haben in der Vergangenheit außerdem zu viele Arbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer in den Vorruhestand entlassen und durch jüngere ersetzt, auch um über frisch ausgebildete Fachkräfte zu verfügen. Systematische Weiterbildungen wären das probatere Mittel gewesen. 

perspektive-wiedereinstieg.de: Was sollten die ersten Schritte sein, um den Wiedereinstieg in Angriff zu nehmen?

Professor Jutta Allmendinger: Kontakt aufnehmen zum ehemaligen Arbeitsumfeld, sich informieren über Weiterbildungen auf dem betreffenden Gebiet oder in einem anderen Bereich, den man sich vielleicht neu erschließen will. Alles, was einem dabei hilft, Ideen zu entwickeln und initiativ zu werden, kann helfen; das ist natürlich je nach individueller Situation sehr unterschiedlich. Ein allgemeines Rezept gibt es für das Gelingen eines Neustarts nicht.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie können andere die Frauen beim Wiedereinstieg unterstützen?

Professor Jutta Allmendinger: Zunächst muss es endlich institutionelle Unterstützung geben. Für nicht Erwerbstätige, die arbeiten möchten, aber nicht arbeitslos gemeldet sind, gibt es noch keine richtige Anlaufstelle, die Rat gibt, auf mögliche Optionen hinweist und Mut macht. Unser jetziges System ist zu sehr auf arbeitslos Gemeldete und Leistungsempfängerinnen und -empfänger ausgerichtet. Und wir alle müssen dazu beitragen, die vorherrschende Mentalität zu verändern, die Familien- und Pflegezeiten als „Auszeiten“ definiert, nach Alter diskriminiert und zeitweilig Erwerbslose stigmatisiert. Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft – wir alle müssen lernen, dass im 21. Jahrhundert die Lebensverläufe anders aussehen werden als im 20. Jahrhundert: mit Bildung, Ausbildung und Fortbildung in mehreren Lebensphasen, zwischenzeitlicher Konzentration auf Familie oder Pflege, einem Neustart vielleicht auf einem ganz anderen Gebiet, und zwar durchaus auch mit 45, 55 oder 70.

Foto: WZB, David Ausserhofer

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