Wiedereinstiegsprogramm für Ärztinnen und Ärzte:  "WelcomeBack – Zurück in den Kittel!"

Das Klinikum Salzgitter betritt Neuland: Mit "WelcomeBack – Zurück in den Kittel" wirbt das Krankenhaus um Ärztinnen und Ärzte, die bereits länger nicht mehr in ihrem Beruf tätig waren. Das Programm bietet Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern eine ausführliche Lern- und Einarbeitungsphase, in der sie durch einen Mentor begleitet werden. Perspektive-wiedereinstieg.de sprach mit Klinik-Geschäftsführerin Dr. Anke Lasserre.

Foto: Dr. Anke Lasserre

Perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Lasserre, wie kamen Sie auf die Idee, am Klinikum Salzgitter ein Wiedereinstiegsprogramm für Ärztinnen und Ärzte zu starten?

Dr. Anke Lasserre: Im Jahr 2020 werden einer Studie zufolge bundesweit 56.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen. Bereits heute müssen wir schauen, wie wir unseren Fachkräftebedarf decken können. Nach Angaben der Bundesärztekammer gibt es hierzulande über 100.000 Ärztinnen und Ärzte, die nicht berufstätig sind. Da ist es naheliegend, nach Wegen zu suchen, wie sich diese Menschen für eine Tätigkeit im Krankenhaus gewinnen lassen. Diese Gruppe erfolgreich anzusprechen, funktioniert jedoch nur, wenn wir ihnen ein besonderes Programm anbieten und sie in der Phase des beruflichen Wiedereinstiegs eng begleiten. Denn nach einer langen Auszeit kann die Hürde für den beruflichen Neustart im Krankenhaus sehr hoch sein.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Wo liegt denn die besondere Herausforderung beim beruflichen Wiedereinstieg als Ärztin oder Arzt?

Dr. Anke Lasserre: Die Wissenschaft macht im Bereich der Medizin schnelle Fortschritte. Da muss man am Ball bleiben. Das geht jedoch nur bedingt vom Schreibtisch aus. Der Arzt- bzw. Ärztinnenberuf ist ein praktischer. Wer über Jahre nicht direkt mit Patientinnen und Patienten zu tun hatte, der bzw. dem fehlt die notwendige Praxis und Routine im Alltag. Im Krankenhaus haben wir es vielfach mit schwer kranken Personen zu tun. Da sind fachliche Sicherheit und schnelle Entscheidungen gefragt. Nach einer längeren Erwerbsunterbrechung bzw. der Arbeit in einem anderen Bereich sind Ärztinnen und Ärzte damit verständlicherweise zunächst überfordert. Genau hier setzt unser Programm an. Es bietet ihnen einen schrittweisen Einstieg und gute Lernmöglichkeiten, um sich in den Krankhausalltag einzufinden, Wissen aufzufrischen und sich weiter zu qualifizieren.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Schritte bzw. Phasen durchlaufen die Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger im Programm?

Dr. Anke Lasserre: Das Programm startet mit einer vier- bis sechswöchigen Hospitationsphase in der Notaufnahme und auf der Überwachungsstation. Diese Phase dient der Orientierung. Sie soll den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit geben zu schauen, ob der berufliche Wiedereinstieg im Krankenhaus die richtige Entscheidung für sie ist. Wir haben jedoch gemerkt, dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer gar nicht so lange dafür brauchen. Die Hospitation kann daher auch sehr viel kürzer ausfallen. Anschließend startet eine sechsmonatige, regulär vergütete Trainingsphase, in der unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer in unterschiedlichen Bereichen mitarbeiten und ihre Kenntnisse auffrischen. Sie sind in dieser Zeit nie allein zuständig bzw. verantwortlich. Das heißt, sie übernehmen auch keine Nacht- oder Feiertagsdienste. Nach diesen sechs Monaten können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die noch keine fachärztliche Spezialisierung mitbringen, eine Weiterbildung zum Facharzt oder zur Fachärztin in einem von neun Fachgebieten beginnen. Die Trainingsphase kann auf diese Ausbildung bereits angerechnet werden. Während der gesamten Zeit begleitet unser ärztlicher Direktor die Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger als Mentor.  Das Programm lässt sich übrigens auch in Teilzeit absolvieren. Für Menschen mit Familienpflichten ist das ein wichtiger Pluspunkt.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Seit wann gibt es Ihr WelcomeBack-Programm und wie ist die Resonanz?

Dr. Anke Lasserre: Wir starteten Ende August 2013 mit einer Auftakt-Veranstaltung und erhielten sehr viele positive Rückmeldungen. Auch die Presse berichtete ausführlich. Parallel machten wir mit Anzeigen auf „WelcomeBack - Zurück in den Kittel“ aufmerksam. Auf die drei ausgeschriebenen Wiedereinstiegsstellen erhielten wir 15 Bewerbungen, zwei Drittel davon von Frauen. Die Bewerberinnen und Bewerber waren zwischen fünf und 15 Jahren aus der praktischen Arbeit als Arzt bzw. Ärztin raus - überwiegend aufgrund einer Familienphase. Die Stellen für berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger besetzen wir turnusmäßig nach. Jetzt im Januar 2014 schalten wir dafür erneut Anzeigen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Ist das Welcomeback-Programm Ihrer Einschätzung nach auf andere Kliniken übertragbar?

Dr. Anke Lasserre: Ja, wir hoffen, dass andere die Idee aufgreifen und ebenfalls aktiv werden, um Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger einzubinden. Wir merken übrigens, dass das Programm Strahlkraft entwickelt und sich viele Bewerberinnen und Bewerber melden. Sie passen zwar nicht in die Zielgruppe des Programms, können aber daraus ablesen, dass unsere Klinik familienfreundlich ist, auf die Bedarfe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeht und nicht nur Menschen mit „schnurgeraden Lebensläufen“ einstellt. Wir sind durch das Programm als Arbeitgeber insgesamt flexibler geworden und sprechen die sogenannte „Generation Y“ besser an, der es wichtig ist, das Berufsleben gut mit anderen Interessen zusammen zu bringen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Erfahrungen mit beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern würden Sie hervorheben?

Dr. Anke Lasserre: Wir merken - nicht nur bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Programm „Zurück in den Kittel“, sondern bei den meisten Beschäftigten mit Familienaufgaben – dass sie viele für die Arbeit als Arzt oder Ärztin wichtige Fähigkeiten mitbringen. Kompetenzen wie Geduld und Einfühlungsvermögen, die sie durch die Betreuung von Kindern geschult haben, die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und ihre Lebenserfahrungen lassen sich auf den Beruf übertragen. Sowohl die Klinik als Arbeitgeber als auch die Patientinnen und Patienten profitieren von der Vielfalt der Erfahrungen, die unsere Fachkräfte einbringen.

Die Branche hat jedoch noch einiges zu tun, wenn es darum geht, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Familien- und Teilzeitphasen ganz selbstverständlich dazu gehören, ohne dass sie ins berufliche „Abseits“ führen. Wer zum Beispiel im Alter von 50 Jahren wieder beruflich durchstarten kann, hat in der Regel noch 17 Berufsjahre vor sich. Da lohnt es sich, in eine „zweite“ Karriere zu investieren. In dieser Beziehung benötigen wir – meine ich – einen Bewusstseinswandel. Als Mutter von fünf Kindern liegt mir dieses Thema auch persönlich sehr am Herzen.

Perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Frau Dr. Lasserre.

Links:

„Zurück in den Kittel“
Informationen auf der Website des Klinikums Salzgitter 

Foto: Dr. Anke Lasserre

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