Jubiläumsbeitrag: Beruflicher Wiedereinstieg als systemischer Prozess

Hans-Georg Nelles ist Sozialwissenschaftler, Erwachsenenbildner und Organisationsberater mit dem Schwerpunkt „Väter & Karriere“ und seit mehr als 20 Jahren für die Durchführung von zahlreichen innovativen Projekten im Themenfeld ‚Vereinbarkeit von Arbeit und Leben’ verantwortlich. Schon früh hat er den Trend einer familienorientierten Personalpolitik erkannt, bei der Väter wie Mütter gleichermaßen in den Blick genommen werden. Er gratuliert „Perspektive Wiedereinstieg“ („PWE“) herzlich zum 10-jährigen Jubiläum und wünscht sich, dass in Sachen Vereinbarkeit noch mehr gehandelt und eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbstätigkeit und Beruf zur Selbstverständlichkeit wird.

Foto: Hans-Georg Nelles

Mein Weg zur „PWE“-Familie

Ich bin Ende 1997 für ein Projekt tätig geworden, in dem es um die passgenaue Qualifizierung von Müttern und Vätern während des Erziehungsurlaubs ging. Meine Aufgabe war es, im Kontakt mit den Betrieben der Teilnehmenden, die Bedingungen für den Wiedereinstieg auszuloten und auszuhandeln. In diesem Sinne gehöre ich schon zu den „Vorfahren“ der „PWE“-Familie.

Beruflichen Wiedereinstieg möglich machen

Meine Aufgabe war es, nach einem intensiven Gespräch mit den Teilnehmenden Kontakt zum Betrieb aufzunehmen, um Möglichkeiten und Bedingungen für eine Rückkehr an den Arbeitsplatz, in den meisten Fällen mit einer reduzierten Stundenzahl, zu erkunden bzw. gemeinsam mit den Beteiligten auszuhandeln. Ende der 1990er Jahre gab es das Teilzeit- und Befristungsgesetz noch nicht und das „Ganz oder Garnichts“ war ein beliebtes Spiel um Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter nicht weiter zu beschäftigen. Ich habe die Teilnehmenden vielfach ermutigt, sich nicht bluffen zu lassen. Oft wussten sie aus Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen, dass die Arbeit für eine ganze Stelle gar nicht mehr vorhanden war und dass es von Unternehmensseite durchaus möglich gewesen wäre, eine Teilzeitstelle anzubieten, was aber nicht gemacht wurde. Eine Zusage für die volle Stelle hätte den Betrieb also zum „Karten zeigen“ gezwungen.

Im Verlauf der weiteren Projekte habe ich mich zunehmend mit der Rolle der Partner bzw. der Väter beschäftigt und im Jahr 2011 dazu auch die Studie „Väter und Wiedereinstieg der Partnerin, Ergebnisse qualitativer Interviews“ für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend angefertigt.

Erfahrungen abgeleitet

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass der Wiedereinstieg als systemischer Prozess betrachtet und Familie als Ganzes, also nicht nur Frauen, sondern auch die Männer, Väter und Kinder mit einbezogen werden müssen, damit es keinen Ausstieg vom Wiedereinstieg gibt.

Väterbewusste Personalpolitik im Trend

Seit 2008 beschäftige ich mich schwerpunktmäßig mit dem Thema väterbewusste Personalpolitik. In dem Feld hat sich seit der Einführung der „Partnermonate“ im Jahr 2007 sehr viel getan und den Unternehmen wird zunehmend klar, dass Wiedereinstieg kein Frauenthema (mehr) ist. Es geht um Lebenskonzepte von Männern und Frauen und den Wunsch nach Partnerschaftlichkeit und Partnerschaftszufriedenheit. Unternehmen, die auch in Zukunft attraktiv für gut qualifizierte Beschäftigte sein wollen, richten ihre Werte und ihre Personalpolitik entsprechend aus.

Interviews bieten Einblick

Ein Erlebnis, an das ich mich im Rahmen der „PWE“-Zugehörigkeit gerne erinnere, ist die Auftaktveranstaltung zur 2. Förderphase des ESF-Modellprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ im Jahr 2012. Dort habe ich die Ergebnisse meiner qualitativen Interviews aus der Studie „Väter und der Wiedereinstieg der Partnerin“, vorgestellt und war erfreut, dass diese durch die dort ebenfalls präsentierten Ergebnisse einer empirischen Untersuchung bestätigt wurden. In dem Maße, wie Frauen nach der Familienphase beruflich tätig sind, steigen die Möglichkeiten der Väter Arbeitszeiten zu reduzieren und sich in der Familie zu engagieren.

Partnerschaftlich Erwerbs- und Familienarbeit gestalten

Ich wünsche mir für „PWE“ und alle anderen Akteure und Akteurinnen im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dass die Lücke zwischen Reden und Handeln auf allen Seiten – in Unternehmen, Partnerschaften und Familien  – geschlossen wird. Wenn Väter und Mütter, das, was sie in zahlreichen Umfragen äußern, nämlich den Wunsch Erwerbs- und Familienarbeit partnerschaftlich aufzuteilen, auch tatsächlich tun, werden sich Unternehmenskulturen ändern. Betriebe, die sich darauf nicht einlassen wollen, werden den Kürzeren ziehen.

Links:

Website der Bundesagentur für Arbeit

Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Wiedereinstiegsrechner

XING-Gruppe: „Perspektive Wiedereinstieg: Klick Dich rein- für neue Wege“

Hans-Georg Nelles - Väter & Karriere

Väter und der Wiedereinstieg der Partnerin - Ergebnisse qualitativer Interviews
Publikation des BMFSFJ

perspektive-wiedereinstieg.de

Das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“

ESF-Standorte

Galerie "Erfolgsgeschichten"

Interview: „Berufliche Wiedereinstiegspläne frühzeitig in der Partnerschaft besprechen“, rät Hans-Georg Nelles

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? – Abonnieren Sie den RSS-Feed und erhalten Sie eine Nachricht, wenn ein neuer Artikel auf perspektive-wiedereinstieg.de erscheint.

Geben Sie sich oder anderen einen Motivationsschub für den beruflichen Wiedereinstieg! Versenden Sie hier Ihre persönliche perspektive-wiedereinstieg.de-E-Card. 

© Foto: Alexander Popp

Services

Themenlotse

Themen-Schnellzugang