Jubiläumsbeitrag: Sensibilisieren und kooperieren

Interview mit Sabine Christen, Stellv. Referatsleiterin im Referat „Arbeitsmarkt“, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Sabine Christen ist seit 2011 für das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ im BMFSFJ verantwortlich.

Foto: Sabine Christen, BMFSFJ

perspektive-wiedereinstieg.de: Frau Christen, was bedeutet es für Sie, für das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ verantwortlich zu sein?

Sabine Christen: Ich freue mich sehr, dass ich das Aktionsprogramm seit nun mittlerweile sieben Jahren betreuen kann, weil ich selbst Wiedereinstiegserfahrungen gemacht und dabei festgestellt habe, wie wichtig es ist, Unterstützung zu bekommen und ein Netzwerk zu haben, das einem bei dem Weg zurück in den Beruf behilflich sein kann. Diese Erfahrungen kann ich gut in meine Tätigkeit einfließen lassen, aber auch in die vielen persönlichen Gespräche mit wiedereinstiegsinteressierten Frauen auf den zahlreichen Messen und Kongressen, die wir mit dem Aktionsprogramm regelmäßig besuchen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Warum wurde das Programm vor zehn Jahren initiiert?

Sabine Christen: Dem Programm lag ein gleichstellungspolitischer Ansatz zugrunde, um Familienfrauen mit langen Berufsunterbrechungen zu einer Rückkehr in den Beruf zu motivieren und zu aktivieren. Durch den beginnenden Fachkräftemangel hat sich das Programm dann auch immer mehr zu einem arbeitsmarktpolitischen Programm gewandelt, da wir die Potenziale dieser gut qualifizierten Frauen auch für mögliche Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aufdecken wollten.

Uns war es aus gleichstellungspolitischer Perspektive dabei immer wichtig, Frauen eine eigenständige Existenz und eine eigenständige Altersvorsorge zu sichern. In Zeiten, in denen jede dritte Ehe geschieden wird, ist der Mann eben keine Altersvorsorge. Auch während der Wirtschafts- und Finanzkrise hatte sich gezeigt, dass immer mehr Frauen quasi über Nacht zu Familienernährerinnen werden mussten. Der Fachkräftemangel hat dem Programm noch mal zusätzlichen  Rückenwind gegeben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Auf welchen Säulen steht das Programm?

Sabine Christen: Das Programm bietet verschiedene Unterstützungsangebote und basiert auf zwei wesentlichen Säulen: Information sowie Beratung und Unterstützung vor Ort. Zum einen bieten wir mit unserem sogenannten Lotsenportal perspektive-wiedereinstieg.de vielfältige Informationen rund um das Thema Wiedereinstieg für die unterschiedlichen Zielgruppen des Programms: Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger, Unternehmen sowie die Partnerinnen und Partner der Berufsrückkehrenden. Des Weiteren finden Interessierte auf dem Portal eine umfassende Übersicht an Beratungsstellen, einen Veranstaltungskalender oder Best-Practice-Beispiele von Wiedereinsteigerinnen und Unternehmen. Unser Wiedereinstiegsrechner zeigt auf, dass sich der Wiedereinstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finanziell lohnt.

Die zweite Säule ist die individuelle Beratung und Unterstützung an den derzeit 22 Standorten im ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ – das Herzstück unseres Aktionsprogramms.

Daneben gibt es eine große XING-Gruppe für den informellen Austausch und ein großes Netzwerk an (Bündnis-)Partnerinnen und -Partnern, mit denen wir gemeinsam auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene das Programm befeuern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Gibt es die „typische“ Wiedereinsteigerin, den „typischen“ Wiedereinsteiger? Wie hat sich der Typ „Wiedereinsteigerin/Wiedereinsteiger“ in der Laufzeit verändert?

Sabine Christen: Wir stellen fest, dass unser Programm zu mehr als 90% von Frauen genutzt wird. Deshalb sprechen wir eher von Wiedereinsteigerinnen. Und die typische Wiedereinsteigerin gibt es nicht. Die Ausgangssituationen und Bedürfnisse der Frauen im Wiedereinstiegsprozess sind genauso bunt und heterogen wie wir Frauen sind. Man kann aber beobachten, dass die heutigen Wiedereinsteigerinnen tendenziell kürzere Erwerbsunterbrechungen haben als das zu Beginn der Fall war.

perspektive-wiedereinstieg.de: Warum ist es wichtig, dass durch die Bausteine des Aktionsprogramms auch nach zehn Jahren Laufzeit immer noch Frauen auf dem Weg zur beruflichen Rückkehr unterstützt werden?

Sabine Christen: Es gibt auch heute immer noch viele Frauen, die vor einem Wiedereinstieg stehen und Unterstützung benötigen. Nach Schätzungen des IAB* gibt es ein ungenutztes Erwerbspersonenpotenzial von Frauen in Höhe von ca. 4,5 -4,6 Mio., davon rund 1 Mio. in der sogenannten „Stillen Reserve“. Das bedeutet, dass es auch heute noch ein hohes Erwerbspersonenpotenzial von Frauen gibt. Viele Frauen  – gerade aus der „Stillen Reserve“ – sind überdurchschnittlich gut qualifiziert, deshalb ist es auch aus Sicht der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sehr interessant, diese für ihr Unternehmen als Fachkräfte zu gewinnen.

Zudem gibt es – leider – immer noch viele Frauen, die sich im Minijob befinden: rund 80% der im Minijob tätigen Personen sind weiblich, mit den entsprechend nachteiligen Folgen für eine eigenständige Existenz- und Alterssicherung. Und wir haben immer mehr Frauen und auch Männer, die aufgrund von Pflegeaufgaben aus dem Erwerbsleben (teil-)aussteigen müssen oder ausgestiegen sind, weshalb wir das Programm fortentwickelt haben, um auch in diesen Fällen Unterstützungsangebote vorhalten zu können.

perspektive-wiedereinstieg.de: Was würden Sie den Zielgruppen des Programms aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Projektverantwortliche gerne mit auf den Weg geben?

Sabine Christen: Den Frauen würde ich raten, möglichst früh wiedereinzusteigen, den Kontakt zu ihren Unternehmen nicht zu verlieren und Netzwerke, die sie sich auch privat aufgebaut haben, in diesem Prozess zu nutzen. Die meisten Stellen werden nun einmal über Kontakte vergeben.

Von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern wünsche ich mir, dass sie Wiedereinsteigerinnen bei ihrer Personalakquise verstärkt berücksichtigen und sie als Potenzial für ihre Fachkräftesicherung erkennen. Unsere Best-Practice-Beispiele auf dem Lotsenportal und in unserer Broschüre „Potenziale erschließen. Fachkräfte gewinnen. Zukunft sichern.“, die wir für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auf den Weg gebracht haben, zeigen, dass es gar nicht so schwer ist, diese Zielgruppe zu erschließen oder idealerweise im Unternehmen zu halten. Und nicht erst dann, wenn man feststellt, dass auch die eigene hochqualifizierte Tochter vor Vereinbarkeitsfragen oder Wiedereinstiegsproblemen steht.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie kann Ihrer Meinung nach der Wiedereinstieg gelingen?

Sabine Christen: Der Wiedereinstieg kann nur gelingen, wenn alle Seiten zusammenarbeiten, das sehen wir auch an den Ergebnissen unseres ESF-Bundesprogramms. Dazu gehören nicht nur Unternehmen und unterstützende Netzwerke, sondern bestenfalls auch das familiäre Umfeld der Wiedereinsteigerin. Denn ohne die Unterstützung im Wiedereinstiegsprozess ist der Ausstieg aus dem Wiedereinstieg vorprogrammiert.

Frau Christen, herzlichen Dank für das Gespräch mit Ihnen!

* Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung,
Die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit

Links:

Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Website der Bundesagentur für Arbeit

Wiedereinstiegsrechner

XING-Gruppe: „Perspektive Wiedereinstieg: Klick Dich rein- für neue Wege“

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit

perspektive-wiedereinstieg.de

Das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“

ESF-Standorte

Broschüre „Potenziale erschließen. Fachkräfte gewinnen. Zukunft sichern."

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