Zu selten im Blick: Chancengleichheit als Schlüssel für die Entwicklung im ländlichen Raum

Gleichstellung lohnt sich: sie trägt zu attraktiven und wettbewerbsfähigen Regionen in ländlichen Räumen bei, erhöht die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner und setzt dem demografischen Wandel etwas entgegen. Dennoch wird Gleichstellungsarbeit noch immer viel zu selten als Strategie für erfolgreiche Regionalentwicklung wahrgenommen, so die Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbeauftragter (BAG) in ihrer Studie „Gleichstellung als Regionalentwicklung“. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.

Foto: Grüne Geldbörse - Pink Schrift mit den Worten Mir. Fehlt. Was.

Die Studie beleuchtet erstmals bundesweit die Arbeit der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten ländlicher Räume. Sie zeigt auf, wie sich die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten gestaltet und wie sie das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner in ländlichen Räumen beeinflusst. Die qualitative Erhebung wurde in Form von Interviews und Fokusgruppen durchgeführt. Es wurden insgesamt 103 Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte aus Städten, Gemeinden und Landkreisen in 13 Bundesländern nach ihren Erfahrungen und Herausforderungen befragt. Die Mehrheit der Befragten verfügt über eine langjährige Erfahrung in der Gleichstellungsarbeit und umfassende Kenntnisse ihrer Region.

Teilhabe und Entwicklung

Bedingt durch den Strukturwandel in den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lebensverhältnisse in den ländlichen Regionen stark verändert. Mit umfangreichen Fördermitteln (EU, Bund, Länder) wird versucht, strukturschwache Gebiete zu stärken. Zum Beispiel hat die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ unter Vorsitz des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI), des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und des BMFSFJ politische Maßnahmen entwickelt, um Ressourcen gerechter zu verteilen. Laut Studie wird die Gleichstellung von Frauen und Männern und die gleichberechtigte Teilhabe an allen Lebensbereichen von der aktuellen Förderpolitik noch zu wenig bedacht. Frauen werden in diesem Zusammenhang vor allem dann in den Blick genommen, wenn es um Abwanderung, Ehrenämter und ihr Potenzial als Fachkräfte geht. Ein Zusammenhang zwischen gerechter Teilhabe und der ländlichen Entwicklung wird jedoch nicht hergestellt, obwohl die Gleichberechtigung der Geschlechter aus Sicht der BAG unabdinglich für eine nachhaltige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ist.

Herausforderungen in der Gleichstellungsarbeit

Das wirkt sich auch auf die Arbeit der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten im ländlichen Raum aus. Im Vergleich zu den Kolleginnen in den Städten seien ihre Möglichkeiten häufig eingeschränkt. Es wird zwar das überschaubare Arbeitsfeld mit kurzen Wegen, großer sozialer Nähe und direktem Kontakt zu den Menschen geschätzt. Gleichzeitig seien jedoch die patriarchal geprägten Strukturen und der damit einhergehende gesellschaftliche Anpassungsdruck große Herausforderungen. Für gleichstellungspolitische Themen fehle häufig die „kritische Masse“. Hinzu kämen die Abwanderung von Frauen und ein wachsender Rechtspopulismus als neue Problemstellungen.

Große Unterschiede zwischen den Kommunen

Erschwert wird die Arbeit auch dadurch, dass die gesetzlichen Grundlagen der Länder ländliche Räume benachteiligen und Verbindlichkeiten fehlen. Häufig wird nur die geringe Einwohnerzahl gesehen, nicht aber die große Fläche, die erreicht werden muss. Gleichstellungspolitik wird in vielen Kommunen als Aufgabe für das Ehrenamt gesehen. Wie die Aufgaben einer Gleichstellungsbeauftragten aussehen, hängt allein von der jeweiligen Kommune ab. Die Ausstattung mit Geld, Personal und Sachmitteln ist oft nicht ausreichend. Häufig müssen Gleichstellungsbeauftragte innerhalb der Kommune noch weitere Tätigkeiten übernehmen. Wie sehr sich Gleichstellungsbeauftragte in Entscheidungen einbringen können und wie unabhängig sie in ihrer Arbeit sind, hängt im Wesentlichen von der jeweiligen Verwaltungsleitung ab. Ein weiteres Problem stellt die Erreichbarkeit dar. Meist können die vorhandenen gleichstellungsrelevanten Angebote nur dann von Menschen genutzt werden, wenn die entsprechenden Mobilitätsvoraussetzungen dies zulassen.

Gefordert: Bewusstseinswandel und mehr Verbindlichkeit

Als wichtigste Handlungskonsequenz aus den Ergebnissen fordern die Autorinnen der Studie, dass Gleichstellungspolitik im ländlichen Raum künftig deutlich ernster genommen werden sollte als bisher. Dazu gehört, dass Gleichstellung als Querschnittsaufgabe gesehen und umgesetzt wird. Das heißt, Gleichstellung sollte in allen Bereichen der Kommune eine Rolle spielen.

Erreicht werden könne das, wenn Bund, Länder und Kommunen aktiv einen Bewusstseinswandel und die Genderkompetenz in der öffentlichen Verwaltung fördern. Außerdem muss die Gleichstellung in der ländlichen Entwicklung nicht nur theoretisch verankert, sondern auch praktisch umgesetzt werden. Ein weiterer Punkt sind flächendeckende Unterstützungsstrukturen für Frauen und Familien, die für alle gut erreichbar sind. Auch die Rahmenbedingungen für die Gleichstellungsarbeit sollten sich ändern und länderübergreifend einheitlich sein. Wichtig ist dabei, die besonderen Anforderungen im ländlichen Raum zu berücksichtigen.

Nicht zuletzt sind mehr alternative Rollenbilder gefragt, um die eingefahrenen stereotypen Rollenbilder zu durchbrechen. Konkret könnte das bedeuten, Männer im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärker zu fördern und zu fordern. Zudem müsse gleichberechtigte Teilhabe in der Erziehung und in der Schule präsent sein. Denn Gleichstellung ist ein wichtiger Faktor, um eine Region für alle Bewohnerinnen und Bewohner lebenswert zu machen.

Links:

Studie der BAG:  Gleichstellung als Regionalentwicklung

BAG

perspektive-wiedereinstieg.de

Mehr als nur Familienfreundlichkeit: Was Frauen auf dem Land für mehr Chancengleichheit benötigen

Rubrik Gleichstellung

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