Studie: Transparenz für mehr Entgeltgleichheit

Frauen bieten sich auch bei guten fachlichen Qualifikationen oft keine vergleichbaren beruflichen Realisierungschancen und Einkommensperspektiven wie Männern. Das verdeutlicht nicht zuletzt die in Deutschland seit Jahren nahezu unverändert große Lohnlücke (Gender Pay Gap) zwischen Frauen und Männern in Höhe von ca. 22 Prozent. Demnach liegt Deutschland von allen 28 EU-Staaten auf Rangplatz 25 mit einem der höchsten Werte. Doch welche Einflussfaktoren führen zu der Lohnungleichheit? Und wie lässt sich die Entgeltlücke langfristig schließen? Das Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung hat im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) die Studie Transparenz für mehr Entgeltgleichheit erstellt. Sie präsentiert wichtige Erkenntnisse, an welchen markanten Punkten im Erwerbsverlauf Weichen gestellt werden und welche Anreize wirken, die zu bestimmten Entscheidungen führen.

Foto: Deckblatt der Studie  Transparenz für mehr Entgeltgleichheit

Lohngerechtigkeit gehört zu einer modernen Arbeitswelt genauso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie stärkt die Förderung von Chancengleichheit von Frauen und Männern im Unternehmen […] Sie unterstützt Familien, in denen beide Partner arbeiten wollen und Zeit für die Familie brauchen, schreibt Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Vorwort zur Studie Transparenz für mehr Entgeltgleichheit, die das Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung GmbH für das BMFSFJ durchführte. 2015 wurden im Rahmen einer repräsentativen sozialwissenschaftlichen Befragung 3.011 Frauen und Männer ab 18 Jahren mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland zu ihren Einstellungen bezüglich Entgeltgleichheit befragt.

Seit Jahren erhalten Frauen in Deutschland deutlich weniger Lohn bzw. Gehalt als Männer. Der unbereinigte Verdienstunterschied betrug im Jahr 2014 durchschnittlich ca. 22 Prozent. Selbst bei gleicher Qualifikation, gleichem Erwerbsumfang, gleicher Berufsgruppe, gleicher Tätigkeit sowie gleicher Position und Leistung lag die Lohnlücke im Durchschnitt immer noch bei rund sieben Prozent. Eine klare Mehrheit der Befragten empfindet diese Entgeltungleichheit als nicht akzeptabel und empörend.

Welche Einflussfaktoren wirken auf den Erwerbsverlauf und die Einkommensperspektiven?

Schon die Berufswahl ist entscheidend. Erfolgt sie doch in der Regel geschlechterspezifisch. Frauen zum Beispiel wählen häufiger Berufe in sozialen Bereichen oder in personennahen Dienstleistungen. Diese sind oft niedriger entlohnt und bieten weniger Aufstiegschancen. Laut Studie entscheiden sich Frauen trotzdem häufiger für diese Berufsfelder in der Erwartung, dass frauenspezifische Branchen gute Rahmenbedingungen für eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten. Für Männer hingegen ist die Vereinbarkeitsfrage bei der Berufswahl weniger von Bedeutung.

Mit der Familienphase entfalten diese geschlechterspezifischen Aspekte ihre Wirkung. Die Entscheidung über die Verteilung der Zuständigkeiten für Familien- und Erwerbsarbeit nach der Geburt eines Kindes treffen Paare vor dem Hintergrund: Wer von beiden hat die besseren beruflichen Karriereoptionen, die aussichtsreicheren Einkommensperspektiven und den stärkeren Wunsch, sich im Beruf zu engagieren. Angesichts der Tatsache, dass Frauen häufig ein geringeres Einkommen haben als Männer, erscheint es zumindest aus einer kurzfristigen ökonomischen Perspektive sinnvoll, dass die Frau ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Familie einschränkt und der Mann ein möglichst hohes Einkommen für die Familie generiert. Diese Entscheidung wird durch verschiedene Anreizsysteme wie das Ehegattensplitting oder die beitragsfreie (Familien-) Mitversicherung der Partnerin in der Krankenversicherung des Hauptverdieners gefördert.

Im Sinne eines guten Risikomanagements ist es jedoch in der modernen Gesellschaft für Familien ratsam, die Verantwortung für die finanzielle Existenzsicherung in der Partnerschaft vorausschauend und vorsorgend und damit gleichberechtigt zu gestalten.

Lange Familienphasen und ein beruflicher Wiedereinstieg in Teilzeit tragen zur Vertiefung der Entgeltkluft bei

Mit dem Beginn der Familienphase verzichten Frauen häufig ganz oder in erheblichem Maße auf eigenes Erwerbseinkommen. Steigen sie dann nach Monaten oder Jahren beruflich wieder ein oder stocken ihre Arbeitszeit auf, so erhalten sie in der Regel nicht die gleichen Löhne bzw. Gehälter wie Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrochen haben und (dauerhaft) in Vollzeit erwerbstätig waren. Einer der Gründe hierfür ist das so genannte Vollzeit-Teilzeit-Lohngefälle, das heißt, dass bei Teilzeitstellen der Bruttostundenlohn grundsätzlich geringer ist als bei Vollzeitstellen.

Des Weiteren ist für Frauen in der Phase des beruflichen Wiedereinstiegs die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von zentraler Bedeutung. Daher fordern sie im Einstellungsgespräch oft „nur“ moderate Gehälter aus Furcht, die Stelle nicht zu bekommen, und um sich nicht neben der Kindererziehung unter zusätzlichen Leistungsdruck zu setzen. Erst nach mehreren Jahren realisieren Frauen, dass sich ihr Einkommen auch weiterhin weniger positiv entwickelt als bei Männern und Frauen, die keine Elternzeit oder Pflege- bzw. Familienpflegezeit genommen haben.

Befragungsergebnisse: Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung

Zwischen Frauen und Männern sowie zwischen älteren und jüngeren Generationen besteht ein Einvernehmen darüber, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt und in einer Partnerschaft wirtschaftlich rational und vorteilhaft sowie für den Zusammenhalt der Gesellschaft von großer Bedeutung ist.

Zwar sind die Geschlechterrollen kulturell tief verwurzelt, doch zeigt sich in den letzten Jahren ein deutlicher Wandel in Richtung Gleichstellung. „Unsere Gesellschaft ist in einer Phase des Übergangs, in der sich die Präferenzen bereits verschoben haben und in den jüngeren Generationen weiter verschieben: eher weg von der traditionellen Rollenteilung und mehrheitlich hin zur gleichgestellten Partnerschaft“, heißt es dazu in der Studie. Für etwa die Hälfte aller befragten Frauen (52 Prozent) und Männer (47 Prozent) ist eine gleichberechtigte Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit ihre persönliche Wunschvorstellung. In der Generation Y der 18- bis 29-Jährigen, die sich derzeit in den Phasen von Ausbildung, Berufseinstieg, Partnerwahl und Familiengründung befinden, möchte eine klare Mehrheit von 62 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer dieses Partnerschafts- und Familienmodell leben.

Die Studie liefert auch deutliche Belege für einen Einstellungswandel bei Männern: Die Haltung, dass die Frau im traditionellen Rollenverständnis ihrem berufstätigen Mann „den Rücken freizuhalten“ hat, ist zwar auch heute noch – selbst in jüngeren Generationen – vorhanden. Doch ist es mittlerweile auch für Männer denkbar geworden, die Berufstätigkeit der Partnerin zu unterstützen und unter Umständen die eigene Erwerbstätigkeit zu reduzieren. Insbesondere jüngere Männer wünschen sich, dass Familie für sie nicht (mehr) nur am Rande einer Vollzeit-Berufstätigkeit stattfindet.

Insgesamt zeigt sich, dass der Rollenwandel hin zur Gleichstellung in den Haltungen und Visionen der Frauen und Männer verankert ist. Allerdings leben in der Altersgruppe zwischen 30 und 65 Jahren nur 23 Prozent aller Frauen und 29 Prozent aller Männer in dem bevorzugten gleichgestellten Partnerschafts- oder Familienmodell.

Was sich ändern sollte – Forderungen der Bevölkerung

Zur Realisierung der Geschlechtergerechtigkeit sind nach Ansicht der Bevölkerung verschiedene Maßnahmen erforderlich. Mit großer Mehrheit wünschen sich die Befragten, dass

  • Frauen und Männer bei gleichwertiger Qualifikation und Tätigkeit den gleichen Lohn erhalten (94 Prozent).
  • typische Frauenberufe genauso gut bezahlt werden wie typische Männerberufe (91 Prozent).
  • auch Männer selbstverständlich Familienaufgaben übernehmen und dafür ihre Erwerbstätigkeit reduzieren (80 Prozent).
  • etwa gleich viele Frauen wie Männer erwerbstätig sind und in Führungspositionen kommen (75 Prozent).
  • etwa gleich viele Frauen wie Männer in den verschiedenen Lebensphasen eine Vollzeitstelle innehaben (74 Prozent).

Um die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern zeitnah und dauerhaft zu schließen, ist nach Auffassung der Befragten die Herstellung der Entgelttransparenz ein zentraler Hebel. Jeweils ca. 70 Prozent würden es begrüßen, wenn allen im Betrieb die Durchschnittsgehälter von Positionen und Tätigkeitsbereichen bekannt wären oder Gehaltsstatistiken im Betrieb offengelegt und dann auch offen diskutiert würden. Mehr als zwei Drittel der Befragten fänden es gut, wenn es ein Recht auf Auskunft über ihr Gehalt im Vergleich zum Durchschnitt der Beschäftigten im gleichen Tätigkeitsbereich geben würde. Damit zeigt sich deutlich, dass ein Kulturwandel weg von der Anonymisierung und Tabuisierung des Gehalts hin zur Transparenz und Vergleichbarkeit in der Grundhaltung längst vollzogen ist.

Das BMFSFJ hat verschiedene Maßnahmen, die zur Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt und ursachengerechten Bekämpfung der Lohnlücke beitragen sollen, eingeleitet. Dazu gehören die Aufwertung der Pflegeberufe in dem gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium vorgelegten Gesetzesentwurf zur Reform der Pflegeberufe sowie der Gesetzesentwurf für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, der sich derzeit in der Frühabstimmung befindet.

Links:

Transparenz für mehr Entgeltgleichheit. Einflüsse auf den Gender Pay Gap (Berufswahl, Arbeitsmarkt, Partnerschaft, Rollenstereotype) und Perspektiven der Bevölkerung für Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern
Studie des DELTA-Instituts im Auftrag des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend

Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit notwendig
Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 16.03.2016

perspektive-wiedereinstieg.de:

Interview: Equal-Pay-Beraterin Beate Kneer informiert und berät zum Thema Entgeltgleichheit

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Foto: BMFSFJ

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