Partnerschaftlich ausgerichtete Gleichstellungspolitik: Wie Geschlechtergerechtigkeit auch Jungen und Männern neue Chancen eröffnet

Gleichstellung ist wichtig: Dieser Ansicht sind in Deutschland sowohl Frauen als auch Männer. Die umfassende soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wird als Gewinn für alle angesehen, gesellschaftlich und persönlich. In der Realität ist die Gleichstellung von Frauen und Männern allerdings noch nicht erreicht. Um diese Lücke zu schließen, wird in Deutschland auf eine partnerschaftlich ausgerichtete Gleichstellungspolitik gesetzt, die auch Jungen und Männern aktiv einbezieht und fördert. Wie das aussehen sollte und welche konkreten Maßnahmen sinnvoll sind, zeigt das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) herausgegebene Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland“.

Foto: Cover der Broschüre Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland - auf dem Cover sind verschiede Männer- und Jungenporträts

Männlichkeitsbilder und Geschlechterverhältnisse sind in Deutschland im Wandel. Diese Veränderungen eröffnen neue Chancen, stellen aber gleichzeitig auch große Herausforderungen dar. Immer noch halten sich Stereotypen in den Erwerbsbiografien sowie Ungleichheiten bei den Löhnen hartnäckig. Männer sind nach wie vor stärker auf die Lohnarbeit fixiert und nehmen sich dadurch weniger Zeit für unbezahlte Familien- und Sorgearbeit. Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen begegnen dem Wunsch nach einer gerechteren Aufteilung häufig noch mit Widerstand. Zudem finden Jungen und Männer in der Gesellschaft weniger Beratungs- und Vorsorgeangebote.

Ressourcen und Belastungen hälftig aufteilen – Vielfalt und Gerechtigkeit für alle erreichen

Bei einer Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer handle es sich nicht um Männerrechtspolitik, sondern um eine not­wendige Ergänzung zu frauenpolitischem Engagement, welche mit eigenständigen Beiträgen auf das gleiche Ziel hinarbeitet: Vielfalt und Gerechtigkeit für alle selbstverständlich zu machen. Menschen sollen unabhängig von ihrem Geschlecht so leben können, wie sie es möchten. Möglich wird das, wenn alle Ressourcen und Belastungen – also alle bezahlten und unbezahlten Arbeiten – fair zwischen Frauen und Männern aufgeteilt werden. Gleichstellung darf nicht als unscharf umrissenes, sehr langfristiges Ziel gesehen werden, sondern als konkreter Auftrag, der aktiv umgesetzt werden muss.

Anreize für mehr Vielfalt: Gleichstellung schafft auch für Jungen und Männer neue Möglichkeiten

Genauer auf die Bedürfnisse von Jungen und Männern zugeschnittene Anreizsysteme und Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Bereichen von Bildung und Berufswahl bis hin zu Gesundheit und Zufriedenheit helfen dabei, dass der Veränderungsprozess weniger als Bedrohung gesehen wird, sondern als Chance für mehr Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten. Das BMFSFJ setzt dafür auf zwei sogenannte Interventionsachsen: „Gleiche Chancen“ (Bewährtes fortführen) und „Fair teilen“ (neue Akzente setzen).

Unter Gleiche Chancen wird verstanden, dass strukturelle Anreize die Vielfalt fördern und Chancengleichheit von Geschlecht, Milieu, Herkunfts- oder Bildungshintergrund entkoppelt wird. Eines der bekanntesten und erfolgreichsten Projekte in dieser Hinsicht ist der „Boys’ Day“, bei dem Jungen sich gezielt in Berufen ausprobieren, die immer noch häufig von Frauen verübt werden, und so Geschlechterstereotype überwinden können. Der Abbau von Geschlechterstereotypen gilt als wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Männliche Sozialisation führt dazu, dass sich Jungen und Männer in ihrer eigenen Entwicklung und Vielfalt begrenzen und wie von ihrem Umfeld erwartet funktionieren, da sie nicht „unmännlich“ erscheinen wollen. Um das zu ändern, soll die Akzeptanz für eine Vielfalt von Männlichkeitsvorstellungen gefördert werden. Jungen und Männer benötigen auf individueller und struktureller Ebene Unterstützung für klischeefreie Lebenswege und eine geschlechtsuntypische Berufswahl. Zudem müssen Fehlanreize, die eine traditionelle Rollenverteilung zementieren, abgeschafft werden – beispielsweise in der Steuergesetzgebung. Ziel ist, dass jede und jeder Einzelne Persönlichkeit, Talente und Interessen frei entfalten kann.

Raus aus der Traditionsfalle: Gesellschaft muss partnerschaftliche Aufgabenteilung fördern

Auf der zweiten Interventionsachse „Fair teilen“ geht es darum, die konkrete Umverteilung von Belastungen und Ressourcen zwischen Frauen und Männern zu beschleunigen. In einer gesamtge­sellschaftlichen Perspektive sollen Männer und Frauen gleich viel haben und dürfen. Keinem Geschlecht sollte eine natürliche Tendenz zum Leisten unbezahlter Arbeit unterstellt werden.

Männer sollten es als selbstverständlich erleben, als Väter präsent zu sein. Gleichzeitig sollen sie zu einem sorgsameren Umgang mit sich selbst gelangen. Wichtig sei es, Männer stärker dafür zu sensibilisieren, mit der Familiengründung nicht in die Traditionsfalle zu geraten, sondern eigene Modelle für eine partnerschaftliche Aufteilung zu entwickeln und vermehrt Care-Aufgaben in Familie und Gesellschaft zu übernehmen. Gleichzeitig ist auch das Umfeld gefragt, eine faire Aufteilung zu unterstützen, nicht zuletzt durch Arbeitsmodelle und Karrierepfade, die dem Wunsch nach Teilzeitarbeit und Flexibilität entsprechen.

Bei einer jungen- und männerorientierten Gleichstellungspolitik gehe es nicht darum, Männern vorzuschreiben, wie Mann­Sein geht oder wie Männer sein sollten. Es soll jedoch gezeigt werden, was zeitgemäßes MannSein bedeuten kann und welche Chancen sich dadurch eröffnen. Ziel ist es, über die Gleichstellungspolitik echte Wahl­freiheit zu schaffen, damit die Menschen in Deutschland so leben können, wie sie möchten und Partnerschaftlichkeit aktiv gelebt werden kann. 

Ein Dossier für alle

Das Dossier ist ein Nachschlagewerk für alle Interessierten. Neben zahlreichen Hintergrundinformation und einer Herleitung partnerschaftlicher Gleichstellungspolitik befindet sich auch eine umfangreiche Sammlung konkreter Maßnahmen im Dossier, welche unterschiedliche Akteure und Ebenen anspricht und die sich Interessierte zu eigen machen können.

Links:

BMFSFJ: Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland“

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Rubrik Partnerschaft

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