Kampagne „Peking+20“: Statements zum Thema „Frauen und Wirtschaft“

Bei der vierten Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking verabschiedeten Regierungs­vertreterinnen und -vertreter aus 189 Staaten umfangreiche Vereinbarungen zur Stärkung der Frauen und der Gleichstellung der Geschlechter. Bis zum 20-jährigen Konferenz-Jubiläum im September 2015 ruft das UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V. monatlich einen anderen Handlungsschwerpunkt der „Pekinger Erklärung und Aktionsplattform“ in Erinnerung. Im September 2014 stand das Thema „Frauen und Wirtschaft“ im Fokus. Fachleute aus Politik und Gesellschaft nahmen dazu Stellung.

Kampagne „Peking+20“: Statements zum Thema „Frauen und Wirtschaft

Christine Lagarde, ehemalige französische Ministerin und heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), schreibt in ihrer auf Englisch vorliegenden Erklärung: Das 21ste Jahrhundert stellt viele Herausforderungen, die ein Umdenken nötig machen – vor allem in Bezug auf die wirtschaftliche Rolle von Frauen in einer sich schnell verändernden Welt. Frauen könnten bislang ihre Potenziale nicht ausreichend entfalten und einbringen. Drei Faktoren seien zentral, um das zu ändern: Bildung, gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Zugang zu Führungspositionen (3 L’s: Learning, Labour, Leadership).

Bildung sei Grundlage für Wandel und befähige Frauen, sich selbst zu helfen. Wie wichtig der Aspekt der Bildung ist, macht auch eine in 60 Entwicklungsländern durchgeführte Studie deutlich, die Christine Lagarde anführt. Der wirtschaftliche Verlust dieser Länder durch eine unzureichende Bildung der Mädchen summiere sich auf geschätzte 90 Milliarden Dollar jährlich, heißt es in der Studie. Wer in die Bildung von Mädchen und Frauen investiert, investiert in Familien und die Ge­sell­schaft. Ein afrikanisches Sprichwort besage: Wenn du einen Jungen ausbildest, schulst du einen Mann. Wenn du ein Mädchen ausbildest, schulst du ein ganzes Dorf.

In Bezug auf den zweiten Faktor, den Zugang zu Arbeitsmarkt, kritisiert Christine Lagarde, dass Frauen noch immer häufig auf schlecht bezahlte, schlecht ange­sehe­ne und wenig Sicherheit bietende Jobs verwiesen würden. 70 Prozent der Milliarden Menschen weltweit, die mit weniger als einem Dollar am Tag aus­kom­men müssten, seien Frauen.

Wenn es um Frauen in Führungspositionen gehe, gebe es ebenfalls viel Luft nach oben. Von den 500 Betrieben auf der Unternehmensliste der Rating-Agentur Standard and Poor’s hätten nur vier Prozent eine Geschäftsführerin bzw. eine Vorstandschefin. Christine Lagarde ruft Frauen auf, die Geschichte zu ihren Gunsten neu zu schreiben, Risiken einzugehen und ihre Komfortzonen zu verlassen.

Link zum Statement (auf englisch):

„The 3 L’s of women’s empowerment“
Statement von Christine Lagarde auf der Website von UN Women 

Elke Ferner,Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fragt: Kann Deutschland es sich leisten, die Hälfte des Talentpools unserer Gesellschaft auf's arbeitsmarktpolitische Abstellgleis zu stellen? Kann Deutschland es sich leisten, dass die am besten qualifizierte Frauengeneration immer noch erhebliche Brüche in ihrer Erwerbsbiographie hinnehmen muss und dass Frauen den Großteil unbezahlter Sorgearbeit leisten? Die Antwort fällt erwartungsgemäß negativ aus. Eine moderne Gesellschaft und eine moderne Wirtschaft brauchten partnerschaftliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gleiche (Karriere)Chancen im Beruf für Männer und Frauen, Mütter und Väter, sagt Elke Ferner. 60 Prozent aller Paare mit Kindern wünschten sich die gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbsarbeit und Familienaufgaben, doch nur 14 Prozent gelänge es, dieses Modell umzusetzen. Gleichberechtigte Perspektiven von Frauen und Männern in der Arbeitswelt dürfen nicht auf der Strecke bleiben, wenn die Betreuung von Kindern oder Pflegeaufgaben in einer Familie zu bewältigen sind, fordert Elke Ferner. Mit dem neuen ElterngeldPlus schaffe das Bundes­fami­lien­ministerium Rahmenbedingungen, die dazu beitragen, das zu ändern. Denn: Partnerschaftlichkeit in der Familie und Chancengleichheit im Erwerbsleben – beides gehört zusammen; es sind zwei Seiten einer Medaille, betont die Staatssekretärin.

Link zum Statement:

„Zwischenruf von Elke Ferner, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend”
auf der Website des UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V.

Die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Hannelore Buls, kritisiert, dass Frauen in Deutschland zwar gesetzlich gleichberechtigt seien und theoretisch gleiche berufliche und wirtschaftliche Chancen hätten, dies in der Praxis jedoch anders aussähe. Die Einkommens- und Steuerstatistik zeige, dass Frauen ein um 50 Prozent niedrigeres Einkommen und Vermögen hätten als Männer. Die steuerlichen Abzüge seien aufgrund des Ehegattensplittings und der vielfach gewählten Steuerklasse 5 besonders hoch. Frauen, die sich selbstständig machen wollten, erhielten schwerer Kredite. Hannelore Buhls setzt sich gegen die Auffassung zur Wehr, Frauen trügen an ihrer ökonomischen Schlechterstellung selbst Schuld. So wird angeführt, dass Frauen die Familienverantwortung wahrnehmen und deshalb der Erwerbstätigkeit nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stünden. Oder es geht um ihre ‚falsche’ Berufswahl, die ein grundsätzlich niedriges Einkommen mit sich bringe. Aber ist es tatsächlich ein nachvollziehbarer Grund für einen schlechteren Verdienst, dass Frauen in wirtschaftlichen und sozialen Dienstleistungsberufen arbeiten? Ich denke, nein, schreibt sie. Das Gutachten zum ersten Gleichstellungsbericht der Bun­des­regie­rung von 2011 habe deutlich gemacht, dass die relevanten arbeits-, sozial- und familienrechtlichen Politikfelder nicht aufeinander abgestimmt seien, so dass durch widerstreitende gesetzliche Ziele viele negative Wirkungen auf die ökonomische und soziale Eigenständigkeit von Frauen fortbestehen können. Die Frauenratsvorsitzende fordert Politikerinnen und Politiker auf, das zu ändern. 

Link zum Statement:

„Eigenständige Existenzsicherung ist abhängig vom gleichberechtigten Zugang zur Wirtschaft, auch in Deutschland"
Statement von Hannelore Buls auf der Website des UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V.

Foto: UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V.

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