Interview: Thomas Gesterkamp zum neuen ElterngeldPlus

Seit Januar 2015 ist das geänderte Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz in Kraft. Für Eltern, deren Kinder nach dem 1. Juli 2015 geboren werden, gilt: Wer während des Elterngeldbezuges in Teilzeit arbeitet, kann nun das Elterngeld­budget besser und flexibler ausnutzen. In der Teilzeitphase werden aus einem Elterngeld-Monat zwei ElterngeldPlus-Monate. Sind beide Elternteile parallel 25 bis 30 Stunden pro Woche erwerbstätig, kommen sie beide in den Genuss des Partnerschaftsbonus von vier zusätzlichen ElterngeldPlus-Monaten. Der Väterexperte, Journalist und Buchautor Thomas Gesterkamp kommentiert die Neuregelung.

Thomas Gesterkamp

perspektive-wiedereinstieg.de: Herr Gesterkamp, wie schätzen Sie das neue ElterngeldPlus ein? Bringt es einen Fortschritt für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Thomas Gesterkamp: Ja eindeutig, denn es fördert Teilzeitarbeit in der Elternzeit und unterstützt Paare, die sich Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung gleichmäßig untereinander aufteilen möchten. Bislang hatten Eltern, die während des Elterngeld­bezuges gleichzeitig in Teilzeit arbeiteten und sich die Versorgung des Säuglings teilten, das Problem, dass ihr gemeinsamer Elterngeldanspruch von 14 Monaten bereits nach sieben Monaten aufgebraucht war. Das machte dieses Modell gleichzeitiger Teilzeitarbeit unattraktiv. Das war eine Schwäche des alten Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes, die jetzt behoben ist. Die Partner­schafts­bonus-Monate geben sogar noch einen zusätzlichen Anreiz, ein egalitäres Modell umzusetzen. Das ElterngeldPlus schafft Rahmenbedingungen, die es Paaren erlauben, Arbeitsteilungsvarianten auszuprobieren und passende Lösungen für sich und ihre Familie zu finden.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie könnte sich die Neuregelung auf Aushandlungsprozesse in der Partnerschaft auswirken?

Thomas Gesterkamp: Die gleichzeitige Teilzeitarbeit beider Eltern ist zu einer - auch finanziell - attraktiven Form der Arbeitsteilung geworden. Das wird die Schwer­punkte in den Aushandlungsgesprächen unter Eltern verlagern. Bislang kehren Eltern nach der Geburt eines Kindes oft zu einer traditionellen Rollen­verteilung zurück. Das Elterngeld hat gewiss einen Wandel eingeleitet, diese Tatsache aber nicht grundsätzlich verändert. Zwar kümmern sich beide Elternteile um die Kinder und zunehmend sind auch beide erwerbstätig. Doch gleichmäßig ist die Aufgabenverteilung nach wie vor nicht. Das zeigen zum Beispiel folgende Zahlen des Statistischen Bundesamtes: In Familien mit einem jüngstem Kind unter drei Jahren arbeiteten 2012 31,7 Prozent der Mütter. 70,4 Prozent von ihnen in Teilzeit. Dagegen waren 82,2 Prozent der Väter erwerbstätig. Ihre Teilzeitquote lag bei 6,3 Prozent. Ist das jüngste Kind zwischen drei und fünf Jahre alt, verdoppelt sich die Erwerbsbeteiligung der Mütter auf 61,8 Prozent, die der Väter steigt leicht auf 85,1 Prozent. Während die Teilzeitquote bei den Müttern noch um drei Prozentpunkte zulegt, bleibt die der Väter quasi konstant. Das ElterngeldPlus kann dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht zu verschieben. Denn beide Elternteile gehen mit der herkömmlichen Art der Aufgabenteilung ein Risiko ein: Frauen verlieren oft den Kontakt zur Arbeitswelt oder geben Karrieremöglichkeiten auf, Männern fehlt vielfach die Anbindung an die Familie.

perspektive-wiedereinstieg.de: Wird aus Ihrer Sicht das ElterngeldPlus Einfluss auf die Rolle der Väter nehmen?

Thomas Gesterkamp: Viele Väter fühlen sich nach der Geburt eines Kindes eher als Assistenten der Mütter: Das liegt sicherlich an Schwangerschaft und Stillzeit, die Mutter und Kind eng verbinden. Dass Väter Babys genauso gut umsorgen können wie Mütter, ist etwas, das immer wieder extra betont wird. Das zeigt, dass diese Tatsache keineswegs als selbstverständlich gilt. Auch das erschwert es Vätern, bei der Kinderbetreuung eine Rolle „auf Augenhöhe“ zu erreichen. Vielleicht kann das ElterngeldPlus dazu beitragen, dass Väter ihren Wunsch, mehr Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, gegenüber ihren Partnerinnen offensiver vertreten und mehr Elternzeit für sich aushandeln. Es könnte die 12+2 Regelung, die sich bei der Aufteilung der Elterngeldmonate vielfach eingebürgert hat, aufweichen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche generellen Veränderungen könnte das ElterngeldPlus in Partnerschaften und in der Arbeitswelt anstoßen?

Thomas Gesterkamp: Ich denke, einen ganz wichtigen Impuls gibt das ElterngeldPlus, indem es Raum zum Experimentieren schafft. Es trägt dazu bei, Standardlösungen in Frage zu stellen und individuelle Gestaltungen anzuregen. Paare sind ja immer wieder gefordert, Arbeitsteilungsarrangements zu finden, mit denen beide Elternteile zufrieden sind und die für das Kind oder die Kinder individuell passen. Diese Tatsache rückt mit dem ElterngeldPlus stärker in den Blick. Das kann auch anregend auf Paare wirken, die nicht selbst vom ElterngeldPlus profitieren, die aber zum Beispiel überlegen, wie sich ein beruflicher Wiedereinstieg partnerschaftlich meistern lässt.

Das ElterngeldPlus könnte außerdem dazu beitragen, Teilzeitarbeit im Sinne einer kurzen Vollzeit von zum Beispiel rund 30 Stunden stärker zu etablieren. Wie wirkmächtig Gesetze sein und wie sehr sie nicht nur Einstellungen, sondern tatsächliches Verhalten verändern können, hat das Elterngeld ja bereits eindrucksvoll gezeigt. Der Prozentsatz der Elternzeit nehmenden Väter ist dadurch von 3,5 auf rund 30 gestiegen. Einen solchen Kulturwandel könnte das ElterngeldPlus nun in Bezug auf die Arbeitszeiten anstoßen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Haben Sie Hinweise, was Paare in Aushandlungsprozessen beachten können?

Thomas Gesterkamp: Paaren, die Nachwuchs erwarten, rate ich, bereits vor der Geburt eine spätere Arbeitsteilung zu vereinbaren und sich gut über die rechtlichen Rahmenbedingungen zu informieren. Wichtig finde ich grundsätzlich, dass sich Mütter und Väter unabhängig voneinander schlau machen und nicht darauf vertrauen, dass der bzw. die andere schon alles richtig verstanden haben wird. Das gilt grundsätzlich für die Planung von Elternzeit und beruflichem Wiedereinstieg. Zum Beispiel sind in diesen Phasen auch steuerliche Fragen und Aspekte der Alterssicherung relevant.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herr Gesterkamp, herzlichen Dank für das interessante Gespräch. 

Links:

Thomas Gesterkamp
Website 

ElterngeldPlus. Die neue Generation Vereinbarkeit
Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

„ElterngeldPlus mit Partnerschaftsbonus und einer flexibleren Elternzeit“
Broschüre des Bundesministeriums für Familie , Senioren, Frauen und Jugend

Foto: Thomas Gesterkamp

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