Gleichstellung: 25 Jahre Deutsche Einheit - Annäherung der Lebensentwürfe in Ost und West

Gleiche Chancen im Beruf und gleich viel Zeit mit den Kindern - so möchten viele Frauen und Männer in Deutschland heute ihre Partnerschaft leben. Wie haben sich die Rollenbilder, Alltagskulturen und Haltungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern bei unterschiedlichen Ausgangssituationen in Ost und West seit der Wiedervereinigung entwickelt? Anlässlich des Jubiläums „25 Jahre Deutsche Einheit“ veröffentlichte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dazu eine Studie. Perspektive-wiedereinstieg.de fasst wichtige Ergebnisse zusammen.

Foto: Frau steht vor einer Gruppe Menschen

"Mit der deutschen Einheit vor 25 Jahren kamen nicht nur Menschen aus zwei unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen zusammen, sondern auch Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Vorstellungen, was Familie und Gesellschaft, Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit angeht", schreibt Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Vorwort zur Studie „25 Jahre Deutsche Einheit - Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ostdeutschland und Westdeutschland“. Die Untersuchung, die vom DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt wurde, beschreibt die Gleichstellungsentwicklung in Ost- und Westdeutschland vor und seit der Zeit der Wiedervereinigung bis in das Jahr 2015. Es wurden repräsentativ über 3.000 Personen ab 18 Jahren zu Rollenmustern und Verwirklichungschancen von Frauen und Männern befragt. Die Befunde geben Einstellungen und (überlieferte) Erinnerungen zu der Alltagskultur im eigenen Land damals und im jeweils anderen Teil Deutschlands wieder.

Vor der Wiedervereinigung: Ausgangssituationen in BRD und DDR

War der Alltag in der DDR deutlich moderner und gleichstellungsorientierter als in der BRD? Fast zwei Drittel der deutschen Bevölkerung (61 Prozent) meinen heute, dass von der flächendeckenden Kinderbetreuung und hohen Frauenerwerbstätigkeit in der DDR positive Impulse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ganz Deutschland ausgingen. Doch wie sahen Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ost und West in der Zeit bis 1990 im Einzelnen aus?

Leitbild „Hausfrauenehe“ versus Leitbild "Werktätige Frau und Mutter"

In den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit prägte in Westdeutschland die „Hausfrauenehe“ das Familienbild. Sie wurde 1957 im ersten Gleichberechtigungsgesetz so festgeschrieben: "Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist." Damit verbunden war die Hauptverantwortung des Mannes, das Familieneinkommen zu sichern. Erst 1977 mit der Reform des Ehe- und Familienrechts wurde diese Vorschrift aufgehoben und die Verantwortung für den Haushalt und die finanzielle Versorgung der Familie ausdrücklich beiden Geschlechtern gleichberechtigt zugewiesen. Kurz darauf setzte die sogenannte konservative Wende ein, die als Gegenreaktion auf die Frauenbewegungen in den 1980er-Jahren eine politische Traditionalisierung einläutete, die bis weit in die 1990er-Jahre hineinwirkte und kulturell das Leitbild verankerte, dass sich eine Mutter in den ersten Lebensjahren ihres Kindes zeitlich und mental hauptsächlich der Familie widmen muss. Das spiegelt sich in der Kinderbetreuungsinfrastruktur der BRD mit einer Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren von 1,6 Prozent und für Kinder zwischen drei und sechs Jahren von 67,7 Prozent im Jahr 1986 wider. Die Frauenerwerbsquote in der BRD lag 1989 bei 51 Prozent. Davon arbeiteten 30 Prozent in Teilzeit. Die Frauen waren überwiegend in typischen „Frauenberufen“ tätig (Erziehung, Bildung, Handel, Gesundheit: mehrheitlich Dienstleistung), die schlechter bezahlt wurden als Berufe, in denen mehrheitlich Männer tätig waren (Industrie, Handwerk, Bau- und Verkehrswesen). Die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern betrug 1989 26 Prozent. Man kann auch davon ausgehen, dass Frauen in Westdeutschland im Jahre 1989 nur in einem geringen Maße Führungspositionen erreichen konnten, auch wenn hierzu keine Daten beim Statistischen Bundesamt vorliegen.

In der DDR wurde seit 1949 die Gleichstellung von Frauen und Männern als eine der ältesten Forderungen der proletarischen Arbeiterbewegung in die normative Weltanschauung des sozialistischen Staates eingebettet. Das Leitbild der "werktätigen Frau und Mutter" gab vor, dass Frauen berufstätig sein sollten, was aus planwirtschaftlichen Gründen notwendig war, um die Produktion zu steigern. So stieg der Anteil erwerbstätiger Frauen kontinuierlich und lag im Jahr 1989 bei dem weltweit höchsten Wert von 91,3 Prozent, 27 Prozent davon waren mit einem Umfang zwischen 25 und 35 Wochenstunden teilzeitbeschäftigt, sie arbeiteten überwiegend in typischen „Frauenberufen“. Die hohe Frauenerwerbstätigkeit korrespondierte mit einer flächendeckenden Kinderbetreuungsinfrastruktur. Im Jahr 1989 lag die Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren bei 80 Prozent und für Kinder zwischen drei und sechs Jahren bei 95,1 Prozent. Rückblickend hatten 74 Prozent der früheren Bürgerinnen und Bürger der DDR den Eindruck, Frauen hätten gute Chancen gehabt, in hohe Führungspositionen zu kommen. Diese Einschätzung widerspricht jedoch der realen Situation: Der Frauenanteil an oberen Leitungspositionen lag unter 10 Prozent, in Top-Führungspositionen unter 5 Prozent. Auch wenn die Verfassung in der DDR ausdrücklich eine vom Geschlecht unabhängige Entlohnung garantierte, lässt sich anhand von statistischen Indikatoren vermuten, dass es eine Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern von ca. 17 Prozent gab.

Unterschiedliche Rollenbilder aus Ost und West wirken teilweise nach

Heute lassen die Rahmenbedingungen vielfältige Lebensentwürfe zu und bieten Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Trotzdem sehen sich Frauen in Westdeutschland, die mit kleinen Kindern vollzeiterwerbstätig sind oder sein wollen, zu 69 Prozent auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung noch einem deutlichen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Das zeigt, dass das traditionelle Geschlechterrollenbild und Normbild der „guten Mutter“ im Westen Deutschlands weiterhin wirksam ist. Im Gegensatz dazu kennen 65 Prozent der berufstätigen Mütter in Ostdeutschland einen solchen Rechtfertigungsdruck nicht bis überhaupt nicht.

25 Jahre Deutsche Einheit – Annäherung der Lebensentwürfe in Ost- und Westdeutschland

Wo haben sich die Alltagskulturen und Haltungen im Thema Gleichstellung von Frauen und Männern in Ost- und Westdeutschland durch 25 Jahre Wiedervereinigung angenähert?

Großes Interesse am Thema „Gleichstellung von Frauen und Männern“

Zwei Drittel der Deutschen (68 Prozent im Osten und 65 Prozent im Westen) sind am Thema Gleichstellung interessiert. Dabei ist das Gleichstellungsinteresse bei den Frauen im Westen mit 78 Prozent etwas stärker ausgeprägt als bei den Frauen im Osten mit 71 Prozent. Bei den Männern ist es umgekehrt. Hier zeigen 66 Prozent der ostdeutschen Männer Interesse an Gleichstellungsthemen, im Vergleich zu 51 Prozent bei den westdeutschen Männern.

Gleichgestellte Partnerschaft mehrheitlich gewünscht

Immer mehr Frauen und Männer wünschen sich eine gleichgestellte Partnerschaft, in der Mütter und Väter gleiche Chancen im Beruf und gleichermaßen Zeit für Kinder haben (55,3 Prozent im Osten und 43 Prozent im Westen). Nur 5 Prozent in Ostdeutschland und 11 Prozent in Westdeutschland möchten eine Partnerschaft nach dem Modell der „Hausfrauenehe“ leben.

Verlässliche Kinderbetreuung gilt als Zugangsvoraussetzung für den Arbeitsmarkt

Die Ost- und Westdeutschen sind sich darüber einig, dass eine verlässliche Kinderbetreuung von entscheidender ökonomischer Bedeutung ist. Nach Einschätzung der Bevölkerung ist sie heute nicht nur individuell nützlich, sondern notwendig. Für eine große Mehrheit der Frauen und Männer besteht ein enger kausaler Zusammenhang zwischen einer bedarfsorientierten Kinderbetreuungsinfrastruktur und den Chancen auf Zugang zum Arbeitsmarkt für Frauen und Männer. Eine unzureichende Kinderbetreuung birgt insbesondere das Risiko, das vorhandene Erwerbspotenzial von Frauen nicht zu nutzen. Fehlt Kinderbetreuung, hat dies negative Folgen für die Existenzsicherung der Familie (Osten: 82 Prozent, Westen: 76 Prozent) und die eigene Alterssicherung (Osten: 72 Prozent, Westen: 68 Prozent).  

Auch wenn es heute noch zwischen Ost- und Westdeutschland eine Kluft in der Betreuung von Kindern unter drei Jahren gibt (Betreuungsquote 52 Prozent versus 27 Prozent), hat hier eine deutliche Annäherung stattgefunden.

Wunsch nach mehr Männern in Kitas

61 Prozent der Bevölkerung im Osten und 73 Prozent im Westen würden es begrüßen, wenn in Kitas mehr Männer als Erzieher tätig wären. Damit sind der Wunsch und die Chance verbunden, Stereotypen über Geschlechterrollen im Sinne von „typisch Mädchen“ bzw. „typisch Jungen“ aufzuheben oder abzumildern.

Beruflicher Wiedereinstieg und Erwerbstätigkeit von Müttern

In den westdeutschen Bundesländern kehren Frauen mit Kindern immer noch etwas später, langsamer und in längeren Etappen in den Beruf zurück als in Ostdeutschland. Allerdings nimmt der Anteil erwerbstätiger Mütter in Westdeutschland zu: Im Zeitraum von 1996 bis 2013 stieg die Erwerbsquote von berufstätigen Frauen mit unter 3-jährigen Kindern von 43 auf 50 Prozent und von Frauen mit Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren von 56 auf 70 Prozent. In Ostdeutschland lag der Anteil erwerbstätiger Mütter mit Kindern unter drei Jahren 2013 bei 61 Prozent, für Frauen mit 3 bis 6-jährigen Kindern bei 76 Prozent.

Nach wie vor sind westdeutsche Frauen häufiger teilzeiterwerbstätig (50 Prozent zu 39 Prozent im Osten). Ihnen scheint die Zeit für Familie wichtiger zu sein als eine Vollzeitstelle, zumindest solange ihre Kinder noch jünger sind. Die daraus folgenden Risiken und Nachteile, zum Beispiel beim beruflichen Wiedereinstieg, in Form von Karrierehürden und Lohneinbußen sowie Lücken in der Altersvorsorge müssen die Frauen dann hinnehmen oder privat auffangen. Teilweise empfinden Frauen die Entscheidung, nur reduziert oder gar nicht berufstätig gewesen zu sein, im Nachhinein als Fehler

Frauen in Führungspositionen

Obwohl es heute keine bedeutsamen Bildungs- und Qualifikationsunterschiede zwischen Frauen und Männern mehr gibt, bleibt es für Frauen schwieriger als für Männer, Leitungsfunktionen zu erlangen. Dabei ist der Anteil der Frauen in Führungspositionen in den ostdeutschen Bundesländern mit durchschnittlich 25,5 Prozent etwas höher als in Westdeutschland (22,3 Prozent).

Entgeltungleichheit: Im Osten deutlich niedriger

Im Westen Deutschlands ist die Verdienstlücke der Frauen zu den Männern nach wie vor groß und reduziert sich äußerst langsam, von 1990 bis 2014 lediglich um 3 Prozentpunkte von 26 auf 23 Prozent. Dagegen verringerte sich die Entgeltungleichheit in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung deutlich und erreichte ihren Tiefststand 2006 bis 2009 mit einer Differenz von nur 6 Prozent. Seitdem stieg der Gender Pay Gap wieder bis auf einen Wert von 9 Prozent im Jahr 2014 an.

Aufgabenteilung in der Familie: Männer beteiligen sich mehr

Vor allem im Bereich „Zeit für Kinder“ übernehmen Väter deutlich mehr Verantwortung und engagieren sich bei der Versorgung und Betreuung der Kinder. Dieser Wandel zeigt sich bei Männern in Ostdeutschland stärker bzw. erfolgt schneller als bei den westdeutschen Männern. In Bezug auf die Erledigung von Aufgaben im Haushalt zeigt sich in Ost- und Westdeutschland, dass 2015 im Vergleich zu 2007 weniger Frauen überwiegend oder ausschließlich bestimmte Tätigkeiten übernehmen. Hier sind vor allem die Männer der jüngeren Generationen in Ost und West aktiver, wenn auch nicht in gleicher Weise wie Frauen.

25 Jahre Deutsche Einheit - Gleichstellung wird zum gemeinsamen Konzept

Nach 25 Jahren ist die deutsche Einheit gut vorangekommen. Wechselseitige Vorbehalte und Vorurteile haben sich abgebaut, die Alltagskulturen der Menschen gleichen sich zunehmend an. Aus zwei sehr unterschiedlichen Systemen mit festgelegten Leitbildern für die Rollen von Frauen und Männern hat sich eine gemeinsame Gleichstellungskultur mit Rahmenbedingungen entwickelt, die es ermöglicht, individuelle Lebensentwürfe zu gestalten. 

Links:

25 Jahre Deutsche Einheit - Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit in Ostdeutschland und Westdeutschland
Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2015

„Manuela Schwesig: Familienmodelle von Ost und West haben sich angenähert“
Interview mit dem SPIEGEL am 26. September 2015 auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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