Es bleibt noch viel zu tun - Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung

Im März 2017 stellte Bundesfamilienministerin a.D. Manuela Schwesig gemeinsam mit der Vorsitzenden der Sachverständigenkommission Prof. Eva Kocher das Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht vor. Erwerbs- und Sorgearbeit müssen zusammen neu gedacht werden, nur dann kann eine tatsächliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern erreicht werden. Das ist die zentrale Aussage des Gutachtens zum zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Die Studie empfiehlt unter anderem, den Begriff der Vollzeit-Arbeit neu zu definieren, für Entlastung bei der Familien- und Hausarbeit zu sorgen sowie verbindliche Regelungen für den beruflichen Wiedereinstieg zu schaffen. Erstellt wurde das Gutachten „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“, gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), von einer Sachverständigenkommission*, der zwölf Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen angehören.

Foto: Deckblatt -  Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung

Das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern ist laut Gutachten der Sachverständigen noch nicht erreicht. So wenden Frauen deutlich mehr Zeit für unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt und für die Familie auf als Männer. Frauen erzielen pro Stunde und auch über den Lebensverlauf hinweg weniger Einkommen.

Für die unbezahlte Sorgearbeit, die Frauen in Deutschland täglich leisten, hat die Sachverständigenkommission eine neue Kennzahl entwickelt: den Gender Care Gap, der derzeit bei 52,4 Prozent liegt. Diese Zahl besagt, dass Frauen täglich rund 52 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer leisten - mit der Erziehung von Kindern, mit der Pflege von Angehörigen, mit Ehrenämtern und Hausarbeit. Die Sachverständigenkommission bewertet diese "Lohn- und Sorge-Lücke“ als Zeichen ungleicher Verwirklichungschancen von Frauen und Männern.

Auf dem Weg zu gleichen Chancen – der Gleichstellungsbericht

Die Bundesregierung legt laut Beschluss des Deutschen Bundestages sowie des Bundesrats einmal in jeder Legislaturperiode einen Bericht zur Gleichstellung von Frauen und Männern vor. Dementsprechend beauftragte Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend a.D., im April 2015 eine interdisziplinäre Kommission mit der Erstellung des vorliegenden Gutachtens zum Zweiten Gleichstellungsbericht.

Die Sachverständigenkommissionbetrachtete die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Erwerbsarbeit, Pflege, Kinderbetreuung und Hausarbeit. Die Expertinnen und Experten stützen ihr Gutachten auf eine Vielzahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ungleiche Verwirklichungschancen nachweisen.

Diese betreffen nicht nur Macht und Einfluss, die Verteilung materieller Ressourcen wie Bezahlung, Vermögen oder Rentenansprüche. Auch die bezahlte und unbezahlte Arbeit ist weiterhin ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt. Der im Auftrag der Sachverständigenkommission entwickelte und mit diesem Gutachten erstmals vorgestellte Gender Care Gap ist ein geeigneter Indikator, um auch hier Schieflagen benennen und künftig besser analysieren zu können.

Unterstützung bei der partnerschaftlichen Gestaltung des Alltags

Die Fachleute sind der Auffassung, dass die Geschlechtergleichstellung durch einen neuen Fokus auf die Gestaltung der Sorgearbeit gestärkt werden könnte. Eine lebensverlaufsorientierte konsistente und gleichstellungsorientierte Gestaltung von Erwerbs- und Sorgearbeit unterstützt alle Menschen bei einer partnerschaftlichen Gestaltung ihres Alltags im familiären Zusammenleben. Sie baut gleichzeitig strukturelle Diskriminierung und Fehlanreize ab.

Alle Menschen sollen jederzeit und unabhängig von ihrem Geschlecht die Möglichkeit haben, private Sorgearbeit zusammen mit Erwerbsarbeit zu leben. Professionelle Sorgearbeit muss aufgewertet, besser anerkannt und entlohnt werden, so die Vorsitzende der Sachverständigenkommission, Prof. Dr. Eva Kocher von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Wir machen konkrete Vorschläge, welche Rahmenbedingungen sich wie ändern müssen, damit das gelingen kann.

Handlungsempfehlungen: Arbeit neu denken und den Wiedereinstieg fördern

Die Sachverständigen haben zehn Handlungsbereiche identifiziert, für die sie Empfehlungen formuliert haben. Diese betreffen vor allem – aber längst nicht nur – den Bereich der Berufstätigkeit. Unter anderem sind aus Sicht der Expertinnen und Experten folgende Maßnahmen sinnvoll:

  • Arbeit neu denken: Hilfreich seien Veränderungen der Vorstellungen davon, was „Vollzeit“ ist. Darüber hinaus sollte ein Wahlarbeitszeitgesetz eingeführt werden, das die Arbeitszeitlage, die mobile Arbeit sowie Homeoffice-Lösungen mit erfasst. Im Bereich der selbstständigen Erwerbsarbeit erscheint es den Fachleuten als zentral, den Zugang zu Kapital, Kompetenzen und Netzwerken für alle Selbstständigen zu optimieren und hierbei den Besonderheiten der Lebenslage gründender und selbstständig tätiger Frauen gerecht zu werden. Darüber hinaus sei eine geschlechtergerechte Neubewertung und Aufwertung frauendominierter und berufsförmig organisierter Dienstleistungstätigkeiten wichtig.
  • Entlastung bei der Haus- und Familienarbeit: Zur Unterstützung der privaten Sorge für Kinder sei eine bedarfsgerechte Qualitätsverbesserung der Betreuungsinfrastruktur in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen notwendig. Gleichstellungspolitische Ziele der wirksamen Entlastung von Haushalten sowie der Aufwertung haushaltsnaher und personenbezogener Dienstleistungen können nach Meinung der Sachverständigenkommission am besten durch Förderung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung von Haushaltsarbeiterinnen und -arbeitern erreicht werden, die in das Berufsprofil eines qualifizierten und qualifizierenden Dienstleistungsberufs eingebunden ist. Empfehlenswert seien hier unter anderem eine transparente Regelung von Mindeststandards guter Arbeit, eine Zertifizierung guter haushaltsnaher Dienstleistungsarbeit sowie die Einführung öffentlich geförderter Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen.
  • Förderung des Wiedereinstiegs: Ein Wiedereinstieg nach einer sorgearbeitsbedingten Erwerbsunterbrechung ist nach den Erkenntnissen der Fachleute immer noch häufig entscheidend für die langfristige wirtschaftliche Sicherheit. Aus der Perspektive der Gleichstellung empfiehlt die Sachverständigenkommission, hierfür die Angebote des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“ und sozialleistungsunabhängige Beratungs- und Informationsangebote verpflichtend zu institutionalisieren. Ergänzend sollten, ein wirksamer Benachteiligungsschutz sowie ein arbeitsrechtlicher Anspruch auf ein betriebliches Wiedereinstiegsmanagement eingeführt werden.
  • Neue Impulse für die Gleichstellung geben

Das aktuelle Gutachten knüpft konkretisierend an den Ersten Gleichstellungsbericht an, der bereits eine umfassende Analyse der Situation der Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland enthielt und wichtige Impulse gesetzt hat. Vieles davon ist laut der Sachverständigenkommission mittlerweile umgesetzt und wirkt auf die Gleichstellung von Frauen und Männern. Dazu zählt beispielsweise die Einführung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns, von der mehrheitlich Frauen in niedrig entlohnten Dienstleistungsbereichen und in geringfügiger Beschäftigung profitieren.

Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung, dem Elterngeld und dem ElterngeldPlus sowie mit der Verbesserung der Familienpflegezeit seien neue Möglichkeiten zur partnerschaftlichen Arbeitsteilung und zur dauerhaften eigenständigen Existenzsicherung geschaffen worden. Mit ihren Ergebnissen möchten die Sachverständigen der politischen Praxis Anstöße für weitere wirksame gleichstellungspolitische Maßnahmen geben.

 

*Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung
Vorsitzende: Prof. Dr. Eva Kocher (V.i.S.d.P.), Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder), Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Europäisches und Deutsches Arbeitsrecht, Zivilverfahrensrecht
Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.
Geschäftsstelle Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung
Dr. Regina Frey (Leitung)

Links:

Pressemitteilung BMFSFJ - „52,4 Prozent Gender Care Gap – Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht“

Internetseite zum Gleichstellungsbericht der Bundesregierung

Das Gutachten der Sachverständigenkommission als Download

Themenblätter zum Sachverständigengutachten Zweiter Gleichstellungsbericht

Links Perspektive-wiedereinstieg.de:

Gleichstellung

Ihnen hat dieser Beitrag gefallen? – Abonnieren Sie den RSS-Feed und erhalten Sie eine Nachricht, wenn ein neuer Artikel auf perspektive-wiedereinstieg.de erscheint.

Geben Sie sich oder anderen einen Motivationsschub für den beruflichen Wiedereinstieg! Versenden Sie hier Ihre persönliche perspektive-wiedereinstieg.de-E-Card.

Bildquelle: Geschäftsstelle Zweiter Gleichstellungsbericht

Themenlotse

Themen-Schnellzugang