Erste Evaluation des Entgelttransparenzgesetzes: Beschäftigte nutzen ihre Möglichkeiten noch zu wenig

Bekommen Frauen innerhalb eines Betriebes für gleiche und gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen? Das Entgelttransparenzgesetz (EntgTranspG) gibt Beschäftigten seit Mitte 2017 die Möglichkeit, Antworten auf diese Frage einzufordern. Gleichzeitig sind größere Unternehmen seitdem dazu aufgefordert, ihre Entgeltstrukturen im Hinblick auf Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern zu überprüfen. Seit Inkrafttreten des Gesetzes haben das bereits 45 Prozent der befragten Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten getan. 44 Prozent der berichtspflichtigen Unternehmen sind schließlich ihrer Berichtspflicht, über den Stand der Gleichstellung und Entgeltgleichheit zu informieren, nachgekommen, heißt es im ersten Bericht der Bundesregierung zur Wirksamkeit des EntgTranspG. Den Auskunftsanspruch nutzen Beschäftigte danach bisher allerdings noch zurückhaltend.

Foto: Coverder Broschüre des Ersten Evaluation des Entgelttransparenzgesetzes

Das Gesetz zur „Förderung der Entgelttransparenz zwischen Frauen und Männern“ wurde von der Bundesregierung 2017 auf den Weg gebracht. Seit dem 6. Januar 2018 gibt es Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten die Möglichkeit, die Offenlegung von betrieblichen Entgeltregelungen zu verlangen. Das bedeutet, Beschäftigte haben ein Recht darauf zu erfahren, nach welchen Kriterien und Verfahren ihr Entgelt festgelegt wurde. Darüber hinaus können sie auch die Kriterien und Verfahren der Entgeltfindung für eine gleiche oder gleichwertige Tätigkeit sowie die Entgelthöhe für diese Tätigkeit erfragen; letzteres dann, wenn die Tätigkeit von mindestens sechs Beschäftigten des jeweils anderen Geschlechts ausgeübt wird. Der Auskunftsanspruch bezieht sich im Hinblick auf die Höhe des Vergleichsentgelts auf das durchschnittliche monatliche Bruttoentgelt sowie auf bis zu zwei zusätzliche Entgeltbestandteile, etwa Bonuszahlungen oder Dienstwagen. Das EntgTranspG fordert private Arbeitgeberinnen bzw. Arbeitgeber mit in der Regel mehr als 500 Beschäftigten zur Durchführung betrieblicher Verfahren zur Überprüfung und Herstellung von Entgeltgleichheit auf. Schließlich müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit in der Regel mehr als 500 Beschäftigten, die zur Erstellung eines Lageberichts verpflichtet sind, einen Bericht zur Gleichstellung und Entgeltgleichheit erstellen.

Gutachten zum Entgelttransparenzgesetz: Zahlen und Handlungshinweise

Das EntgTranspG ist einer von mehreren Bausteinen der ganzheitlichen Strategie der Bundesregierung, um den Gender Pay Gap zu bekämpfen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn Beschäftigte ihren Auskunftsanspruch nutzen und Unternehmen ihre Pflichten im Lohngerechtigkeitsprozess sowie ihre Berichtspflichten erfüllen. Aus diesem Grund sieht das EntgTranspG vor, dass die Bundesregierung die Wirksamkeit des Gesetzes erstmals zwei Jahre nach Inkrafttreten – anschließend alle vier Jahre – evaluiert und über die Ergebnisse informiert.

Die vom Beratungsunternehmen Kienbaum Consultants International GmbH zusammen mit den Partnern Flick, Gocke und Schaumburg sowie der UZBONN, Gesellschaft für empirische Sozialforschung und Evaluation, im Auftrag des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) erstellte Studie liefert erste Hinweise in Bezug auf die Wirksamkeit des Gesetzes und gibt auch Empfehlungen für weitere Schritte. Für die Auswertung wurden verschiedene quantitative und qualitative Untersuchungsmethoden kombiniert. Dazu zählten neben der Daten- und Rechtsanalyse umfangreiche Befragungen von Unternehmen, Einrichtungen des öffentlichen Dienstes, von Interessenvertretungen und Beschäftigten in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst. Die Bundesregierung hat zu den Evaluationsergebnissen und Handlungsempfehlungen im Hinblick auf die Wirksamkeit des Entgelttransparenzgesetzes und zum Stand der Umsetzung des Entgeltgleichheitsgebots in Betrieben mit weniger als 200 Beschäftigten eine Stellungnahme abgegeben.

Transparenz für mehr Chancengleichheit im Arbeitsleben

Bisher haben vier Prozent der befragten Beschäftigten in Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten einen Auskunftsanspruch gestellt. Laut dem Evaluationsgutachten kann die bisher geringe Nutzung des Auskunftsanspruchs auf den kurzen Geltungszeitraum, die mangelnde Bekanntheit des Gesetzes oder auf den Auskunftsanspruch an sich zurückzuführen sein. Deutlich positiver fällt die Bilanz im Hinblick auf die betrieblichen Prüfverfahren aus. Laut dem Gutachten haben 45 Prozent der Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten und 43 Prozent der Unternehmen mit zwischen 201 und 500 Beschäftigten eine Überprüfung ihrer Entgeltstrukturen vorgenommen. 25 Prozent der befragten Arbeitgeberinnen bzw. Arbeitgeber im öffentlichen Dienst haben ihre Entgeltstrukturen überprüft, obwohl sie durch das Gesetz nicht ausdrücklich dazu aufgefordert werden.

Im Hinblick auf die Berichtspflicht ergibt sich folgendes Bild: 44 Prozent der befragten Unternehmen geben an, der Berichtspflicht nachzukommen und 40 Prozent planen dies noch zu tun. In den Unternehmen mit weniger als 200 Beschäftigten haben sich unabhängig von der Berichtspflicht 50 Prozent der befragten Unternehmen mit dem EntgTranspG auseinandergesetzt und teilweise auch ohne gesetzliche Verpflichtung Instrumente wie den individuellen Auskunftsanspruch angewendet.

Unsicherheiten abbauen – Bekanntheit erhöhen

Die Zahlen zeigen nach Ansicht der Bundesregierung, dass das EntgTranspG und seine Instrumente bislang noch nicht ausreichend bekannt sind. Um die Bekanntheit zu erhöhen, wird das BMFSFJ sein bereits umfangreiches Informations- und Beratungsangebot in digitaler und gedruckter Form gezielt weiterentwickeln. Zudem soll künftig das Verfahren des Auskunftsanspruchs vereinfacht und die Aussagekraft der Antwort erhöht werden. Insgesamt ergaben die Befragungen in den berichtspflichtigen Unternehmen, dass es Unsicherheiten im Hinblick auf die geforderten Angaben gab. Das BMFSFJ wird diesbezüglich Informationsmaterialien bereitstellen, die die Rechtsanwendung vereinfachen und die Berichtsqualität erhöhen sowie über alle angebotenen betrieblichen Prüfinstrumente, die den gesetzlichen Vorgaben des EntgTranspG genügen, informieren. Um das Thema Entgeltgleichheit speziell in kleineren und mittleren Unternehmen stärker in den Fokus zu rücken, wird zudem die Entwicklung und Bereitstellung von Prüfinstrumenten nach dem Vorbild des Gleichbehandlungschecks (gb-check) und des Entgeltgleichheitschecks (eg-check) für diese Unternehmensgrößenklasse unterstützt.

Informationen und Publikationen zum EntgTranspG für Arbeitgeberinnen bzw. Arbeitgeber, Beschäftigte sowie für Betriebs- und Personalräte stehen Interessierten auf der Internetseite des BMFSFJ zur Verfügung - Link.

FPI Tool Compass – Übersicht Prüfverfahren für Unternehmen

Aktuell wurde der vom BMFSFJ in Auftrag gegebene FPI Tool Compass auf der Internetseite fpi-lab.org bereitgestellt. Mit dem Tool lässt sich herausfinden, welches Prüfverfahren sich zur Überprüfung der Entgeltstrukturen für welches Unternehmen eignet. Übersichtlich gelistet finden sich sämtliche Details zu verschiedenen Analyse-Tools.

Interessierte finden den FPI Tool Compass unter folgendem Link.

Links:

Bericht der Bundesregierung zur Wirksamkeit des Gesetzes zur Förderung der Entgelttransparenz zwischen Frauen und Männern

FPI Tool Compass

BMFSFJ: Informationen und Broschüren zum Thema Entgelttransparenz

perspektive-wiedereinstieg.de

Über Geld spricht man doch: Die Möglichkeiten des Entgelttransparenzgesetzes aktiv nutzen

Wissen, was die eigene Arbeit wert ist: Entgelttransparenzportale nutzen

Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland: 3. Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland zeigt den aktuellen Stand

Studie: Transparenz für mehr Entgeltgleichheit

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