Ulrike Brodersen (56)

Mit über 50 erstmals ins Erwerbsleben einsteigen, geht das? - Ulrike Brodersens Biografie zeigt, dass es möglich ist. Es war sehr viel einfacher, als ich dachte, sagt sie im Rückblick. Sie fand eine Arbeitgeberin, die das umfangreiche Wissen von Beschäftigten mit Lebenserfahrung besonders schätzt.

Ulrike Brodersen

Ulrike Brodersen aus Mönchengladbach trifft den Mann ihres Lebens als sie in Heidelberg ein Studium zur Dolmetscherin absolvierte. Sie bricht ihr Studium ab und folgt ihrem Partner, der als Arzt bereits im Beruf steht, erst nach Stuttgart und dann nach Lübeck. Dort werden ihre ersten drei Kinder geboren. Wir wussten von Anfang an, dass wir eine große Familie wollten, sagt sie. Nach einem Umzug nach Mönchengladbach kommt das vierte Kind zur Welt. Ulrike Brodersen ist gerne Hausfrau und Mutter. Als eine Freundin, die Bremer Theologin Elisabeth Motschmann, im Freundinnenkreis fragt, wer sich an einem Buchprojekt mit dem Titel Nur Hausfrau? - Zeit haben für die Zukunft unserer Kinder beteiligen möchte, ist Ulrike Brodersen dabei. Wir wollten der Negativdebatte um die Hausfrauen- und Mutterrolle etwas entgegensetzen und beschreiben, was wir an dieser Rolle schätzen, sagt sie. 

Johanniter-Mutter-Kind-Haus mit gegründet

Durch den Buchbeitrag angeregt, kommen Mitglieder der CDU in Mönchengladbach auf Ulrike Brodersen zu und fragen an, ob sie sich nicht in der Partei engagieren möchte. Sie sagt zu, ist in der Familienpolitik aktiv und bald darauf auch in dem Verein Christdemokaten für das Leben e.V. Viele Frauen, so ist unsere Erfahrung, entscheiden sich für eine Abtreibung, weil ihnen in Familie oder Freundeskreis der Rückhalt für ein Leben mit Kind fehlt, berichtet sie. Um dazu beizutragen, werdenden Müttern in schwierigen Lebenssituationen diesen Rückhalt zu bieten, engagiert sich Ulrike Brodersen für die Einrichtung eines Johanniter-Mutter-Kind-Hauses und wird Gründungsmitglied. Elf Jahre lang ist sie dort ehrenamtlich in einer geschäftsführenden Position tätig. Bei mir liefen alle Fäden zusammen. Ich war für Öffentlichkeitsarbeit sowie Fundraising (Spendenwerbung) zuständig und leistete Überzeugungsarbeit in der Politik, bei Beratungsstellen und beim Jugendamt. Das war ein Halbtagsjob, erinnert sie sich. 

Engagement bei Soroptimist International

Über ihr Engagement für das Mutter-Kind-Haus wird Soroptimist International (SI), ein Netzwerk berufstätiger und ehrenamtlich aktiver Frauen, auf sie aufmerksam und lädt sie ein, dort mitzuwirken. Das war eine tolle Anerkennung meiner Arbeit. Ich finde es spannend, mich bei SI zu engagieren. Ich organisiere Abende und Veranstaltungen des SI-Clubs Mönchengladbach und war zwei Jahre lang dessen Präsidentin, sagt sie. 

Die Erkrankung ihres Mannes verändert ihr Leben

Ihre vier Kinder gehen mittlerweile in weiterführende Schulen, als mit 13 Jahren Abstand das fünfte Kind auf die Welt kommt. Mit mehreren Kinderbetreuungspersonen klappt die Vereinbarkeit von Ehrenamt und Familie gut. Doch dann erkrankt ihr Mann schwer. Je selbstständiger unsere jüngste Tochter wurde, desto hilfebedürftiger wurde mein Mann, sagt sie. Das stellte mein Leben auf den Kopf. Sie gibt ihr Ehrenamt bei den Johannitern auf. Das Mutter-Kind-Haus geht an einen anderen Träger über, der die Arbeit weiterführt. Vier Jahre lang pflegt Ulrike Brodersen ihren Mann Zuhause. 2009 übergibt sie die Pflege an eine Einrichtung. 

Ihr Einkommen wird gebraucht

Da ist dann plötzlich ein großes Loch, wenn vom einem Tag auf den anderen die 24-Stunden-Aufgabe der Pflege wegfällt, sagt Ulrike Brodersen. Um diese Lücke zu schließen und um Geld zu verdienen, denn die Pflegeeinrichtung ist teuer, möchte und muss Ulrike Brodersen das erste Mal in ihrem Leben beruflich Fuß fassen. Mein Mann hat zwar Vorsorge für das Alter getroffen. Aber wir waren natürlich nicht davon ausgegangen, dass wir darauf zurückgreifen müssen, sagt die Mutter, die ihren Töchtern zu einem anderen Lebensmodell rät. So wie ich es gemacht habe, das geht heute nicht mehr. Frauen müssen ihre eigene Altersabsicherung erwerben. 

Hürde: Zugang zur Weiterbildung bekommen

Auch für mich war es in dieser Situation nicht länger tragbar, unbezahlt und ehrenamtlich zu arbeiten, unterstreicht Ulrike Brodersen. Durch ihre vielfältigen Erfahrungen mit unterschiedlichen Tätigkeiten weiß sie aber sehr genau, was ihr liegt: Ich bin der kaufmännische Typ, sagt sie. Doch eine Weiterbildung ist nötig, damit sie sich in diesem Bereich erfolgversprechend bewerben kann.

Fortbildung zur Projekt- und Teamassistentin

Zu einem Abend für ihren SI-Club zum Thema Die Arbeitsmarktsituation für Frauen in der Region Mönchengladbach lädt sie die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) der lokalen Agentur für Arbeit ein. Da habe ich natürlich auch meine eigene Situation zur Sprache gebracht und wie wichtig es für mich wäre, eine Weiterbildungsmöglichkeit zu erhalten, berichtet die fünffache Mutter. Die Expertin der Arbeitsagentur verspricht, sich zu kümmern, und bietet Ulrike Brodersen eine Fortbildungsmaßnahme zur Projekt- und Teamassistentin an. Ich konnte zwar weder eine kaufmännische Ausbildung noch ein abgeschlossenes Studium bieten, jedoch glaubhaft vermitteln, dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin und das hinkriegen werde.

Über sechs Monate hinweg lernen die Kursteilnehmerinnen den Umgang mit MS-Office Programmen, absolvieren Kurse zu Kommunikation und Projektmanagement und machen Bewerbungstrainings. Die Motivation der Frauen war durchweg sehr hoch und das gemeinsame Lernen hat viel Spaß gemacht, berichtet Ulrike Brodersen, die bis heute den Kontakt zu einigen Mitschülerinnen pflegt. Die Maßnahme schließt mit einem Praktikum ab. 

Der perfekte Arbeitsplatz: Ich war euphorisch

Bei der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz findet Ulrike Brodersen ein kleines Personalberatungsunternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, technisches Personal für mittelständische Unternehmen zu suchen. Damit macht sie einen Glücksgriff. Bereits im Vorstellungsgespräch für das Praktikum wird sie gefragt, ob sie sich vorstellen kann, darüber hinaus fest angestellt für das Unternehmen zu arbeiten. Ich war einfach nur euphorisch, erinnert sie sich. Inzwischen arbeitet Ulrike Brodersen 22,5 Wochenstunden als Sachbearbeiterin im Vertriebsinnendienst und fühlt sich genau am richtigen Platz. Eigentlich hatte ich kaum zu träumen gewagt, in meinem Alter noch ein Anstellung zu bekommen, sagt sie. Meine Chefin hat dazu nur gesagt: 'Die anderen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wissen gar nicht, wie viel Wissen und Lebenserfahrung sie sich entgehen lassen, wenn sie ältere Bewerberinnen und Bewerber außer Acht lassen.'

Weitere Informationen zum Berufsfeld:

Verkaufssachbearbeiter/in
Informationen auf BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit

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