Karin Dülfer (47)

Ohne Augenlicht und mit einem Magisterabschluss der Geisteswissenschaften, den potenzielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber für wenig karrieretauglich hielten – Karin Dülfer hat sich nicht unterkriegen lassen und ihren Weg zurück in den Beruf gemeistert. 

Porträtfoto Karin Dülfer

Hürden haben fast alle Frauen zu überwinden, die zurück wollen in den Beruf. Die meisten kennen das Gefühl der Verzagtheit und den Respekt vor großen Organisationsaufgaben. Karin Dülfer, 47 Jahre alt, verheiratete Mutter von drei Kindern in Heidelberg, kennt alle diese Gefühle – und hatte dazu noch weit größere Steine aus dem Weg zu räumen, die mit ihrer ganz persönlichen Situation zu tun haben: Karin Dülfer ist blind.

Die Heidelbergerin hat einen Magisterabschluss in den Fächern Erziehungswissenschaften, Theologie und Kinder- und Jugend-Psychiatrie. Wie viele Absolventinnen von geisteswissenschaftlichen Fächern war sie früh mit Reaktionen konfrontiert, die lauteten: Was willst du denn damit machen?. Hinzu kamen die Anspielungen auf ihre Behinderung, als sei es eine Zumutung, dass sich ausgerechnet eine blinde Frau mit einem solchen Abschluss den potenziellen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern vorstellt.

Aber ich würde genau so wieder studieren, sagt Karin Dülfer. Ich bin im Studium meinen Interessen gefolgt und das war richtig so. Als sie 1990 ihr Examen ablegte, war ihr Sohn ein dreiviertel Jahr alt. Das würde ich nicht empfehlen, meint sie rückblickend. Und obwohl ihr kleiner Sohn als Autist besonders große Aufmerksamkeit von ihr verlangte, gelang es ihr, Landesdiakonin für Blinde und Sehbehinderte zu werden. Eine Teilzeitarbeit, der sie mit großer Freude nachging.

Als dann allerdings 1996 ihre Tochter und 1999 ihr zweiter Sohn geboren wurden, hat sie beruflich ausgesetzt. Aber natürlich habe ich ehrenamtlich gearbeitet, erzählt sie. In der Kirche, in der Elternarbeit… Aber nach vier, fünf Jahren reichte mir das nicht mehr. Ich muss auch andere Aufgaben haben, brauche was für meinen Kopf. Und Hausarbeit finde ich nun auch nicht so spannend.

Karin Dülfer arbeitete zunächst beim "Verein zur beruflichen Integration und Qualifizierung e.V. (VBI), einem gemeinnützigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger in Heidelberg. Sie hat Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger fit gemacht im Bereich Barrierefreiheit im Netz.

Für die Heidelbergerin erneut ein Beruf, den sie gerne übernommen hat. Allerdings war dies eine zeitlich begrenzte Projektstelle und diese Ungewissheit hat mich zeitweise ziemlich belastet. Und diese Projektstellen sind ja auch nicht üppig bezahlt.

Momentan arbeitet Karin Dülfer für das Dekanat in der Altenseelsorge. Auch diese Stelle ist zeitlich befristet. Selbstverständlich hofft die 47-Jährige darauf, dass sich aus ihrer bisherigen Tätigkeit eine Perspektive ergibt. Sie betreut drei Altenheime, gestaltet Gottesdienste und Andachten. Was sie an ihrem jetzigen Arbeitgeber schätzt, ist die positive Anerkennung ihrer Ausbildung. Da hieß es endlich einmal nicht, was wollen Sie denn damit?, sondern: Sie haben eine tolle Ausbildung, Sie sind sogar überqualifiziert. Ich bin froh, dass ich endlich mal so positiv aufgenommen wurde, dass man mir entgegen kam, dass ich wertgeschätzt wurde, berichtet sie.

Für die Arbeit, die Karin Dülfer nun leistet, ist ihre Behinderung kein Handicap, sondern eine Ressource. Zwei Assistentinnen unterstützen sie in ihrer täglichen Arbeit, eine scannt für sie Literatur ein oder recherchiert für sie, die andere hilft ihr bei den Andachten. Auch die alten Menschen, die sie betreut, geben ihr eine positive Resonanz. „Natürlich ist von Vorteil, dass ich weiß, wie hilflos man sich fühlen kann. Kürzlich bin ich ohne Orientierung in einer Baustelle stecken geblieben“, erzählt die 47-Jährige, die aus eigener Erfahrung konkrete Tipps für Menschen hat, deren Sehfähigkeit nachlässt.

Für die Organisation ihres Alltags als berufstätige Mutter von drei Kindern, von denen sie sagt, die sind mein Job, mein Mann hat einen längeren Pendelweg zu seiner Arbeitsstelle, setzt Karin Dülfer vor allem auf ihr Organisationstalent und ihre Improvisationskunst. Natürlich kennt auch sie Phasen, wo sie glaubt, an ihre Leistungsgrenzen zu stoßen, in denen sie sich fragt, warum sie sich einen solchen Stress antut. Aber, ich glaube, das gehört dazu im Leben. Für mich ist es der richtige Weg, neben den vielen berechtigten Ansprüchen meiner Kinder an ihre Mutter, auch die eigene berufliche Erfüllung anzustreben, meint die 47-Jährige.

Weitere Informationen zum Berufsfeld

Gemeindehelfer/in oder Gemeindediakon/in
Informationen auf BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit

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