Helga Kiel (60)

Drei kleine Kinder, zwei davon mit Behinderung und plötzlich alleinerziehend - bei Helga Kiel steht daraufhin 20 Jahre lang vor allem ein Thema im Fokus: die optimale Förderung ihrer Kinder. Wie lässt sich nach so langer Zeit ein beruflicher Wiedereinstieg meistern? Helga Kiel berichtet.

Helga Kiel

Helga Kiel ist Vorsitzendes des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (bvkm), der die Studie „Wiedereinstieg mit besonderen Herausforderungen“ herausgab. Was es für Mütter von Kindern mit Behinderungen bedeutet, beruflich wieder einzusteigen, weiß die Vorsitzende aus eigener Erfahrung.

Helga Kiel ist Wirtschaftspädagogin und schrieb an ihrer Doktorarbeit, als sie und ihr Mann beschlossen, eine Familie zu gründen. Unsere erste Tochter kam mit einer Muskelschwäche, Wahrnehmungsstörungen und Autismus zur Welt. Wie groß der Unterstützungsbedarf ist, den sie langfristig benötigt, wurde uns erst nach und nach klar, berichtet Helga Kiel. Da wir uns weitere Kinder wünschten, zogen wir eine Humangenetikerin zu Rate, die uns nach eingehenden Untersuchungen sagte, dass es kein erhöhtes Risiko gäbe, erneut ein Kind mit Behinderung zu bekommen. Doch das dritte Kind, ein Sohn, hat – stärker ausgeprägt – die gleiche Behinderung wie seine älteste Schwester.

Das Leben drehte sich um die Förderung der Kinder mit Behinderung

Mit dieser Situation umzugehen, war eine enorme Herausforderung – zumal mein damaliger Mann die Familie verließ. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das damals geschafft habe, sagt Helga Kiel. Ich war sehr auf die Kinder fokussiert und mit den unterschiedlichsten Therapien und Übungen total eingespannt. Nach der Trennung war es außerdem finanziell eng: Ich habe zeitweise nachts geputzt und Hemden gebügelt, um etwas dazuzuverdienen. Nach einigen Jahren zwischen Windeln und Therapien hatte sie das Gefühl, das Sprechen verlernt zu haben: Ich merkte, dass es mir immer schwerer fiel, mich gut auszudrücken und passende Formulierungen zu finden. Da haben meine Alarmglocken geläutet. Ich merkte, dass ich mehr Kontakt nach außen brauche und machte mich vorübergehend selbstständig als Beraterin für Haushaltsprodukte. Dass sie jemals in ihren erlernten Beruf zurückkehren und voll berufstätig sein würde, konnte sich Helga Kiel in dieser Phase überhaupt nicht vorstellen. Gehadert habe sie trotzdem nicht: Dass ich die Situation angenommen habe, wie sie war, hat mir Kraft gegeben. Immer das Beste daraus zu machen und nach vorne zu schauen, ist eine Haltung, die ich von meiner Mutter übernommen habe. Ich habe mich auch gefragt, was ich für mich tun kann, und habe zum Beispiel mein Chorsingen beibehalten.

Neue Partnerschaft stärkt

Nach einigen Jahren kam eine weitere Kraftquelle hinzu: ihre neue Partnerschaft. Aus der langjährigen Freundschaft zu einem Studienkollegen wurde Liebe und sie zog aus Nordrhein-Westfalen mit allen drei Kindern zu ihm und seinen drei Kindern nach Kiel. Es hat Mut erfordert, die Sicherheit meines Umfeldes, in dem ich sehr gut vernetzt war und mich wohl fühlte, zu verlassen und nach Kiel zu gehen, wo ich außer meiner neuen Familie noch niemanden kannte. Doch die Entscheidung erwies sich als richtig: Unser Großfamilie funktioniert sehr gut, ich war schnell bestens vernetzt und sozial etabliert.

Herausfordernd: der Schritt zurück ins Berufsleben

Als die Kinder fast mit der Schule fertig waren, wagte Helga Kiel den ersten Schritt zurück in den Arbeitsmarkt. Ich habe mich auf eine Stelle als Dozentin für Betriebswirtschaftslehre und Buchführung an der Fachhochschule beworben und sie bekommen. Es handelte sich zu Beginn um einen Lehrauftrag für drei Stunden pro Woche. Aber ich dachte zuerst, ich schaff’ das nicht, erinnert sie sich. Denn zu den Lehrveranstaltungen kam eine sehr intensive Vorbereitung. Die Inhalte musste ich mir alle erst selbst erarbeiten. Das war eine Herausforderung. Auf der anderen Seite hat es mir unglaublich Spaß gemacht, wieder mein Hirn anzustrengen. Um ausreichend Zeit dafür zu haben und auch den Lehrauftrag stundenmäßig aufstocken zu können, benötigte sie Entlastung bei der Kinderbetreuung. Es habe einiges Organisationstalent erfordert, das hinzubekommen, sagt Helga Kiel. Wichtig war dabei auch, dass sich mein Sohn und meine Tochter von anderen Betreuungspersonen versorgen ließen. Ich habe schon früh Wert darauf gelegt, dass meine Kinder das lernen. Das kam mir beim beruflichen Wiedereinstieg zu Gute.

Wie soll es langfristig beruflich weitergehen?

Helga Kiel war als Honorarkraft tätig, die Verträge liefen jeweils nur für ein Semester. Auf die Dauer war ihr diese Stellung zu unsicher. Auch finanziell blieb, da sie sich selbst versichern musste, wenig übrig. Ich beschloss, ein Referendariat und mein zweites Staatsexamen zu machen, um als Berufsschullehrerin arbeiten zu können. Ursprünglich hatte ich auf diesen Abschluss verzichtet, weil ich in die Wissenschaft gehen wollte.

Referendariat und zweites Staatsexamen

Helga Kiel realisierte den Schritt, als die ältere Tochter außer Haus ging und die mittlere Tochter ein College in Irland besuchte. Mir war es wichtig, dass meine Älteste und später auch der Jüngste in eine andere Betreuungsform wechseln. Menschen mit Behinderung haben aus meiner Sicht - wie andere auch - ein Recht darauf, als Erwachsene ein Leben außerhalb des Elternhauses führen zu können und ihre Kinderrolle zu verlassen. Außerdem müssen Eltern bedenken, dass sie eines Tages nicht mehr da sein werden, um ihre Kinder zu betreuen. Der Auszug der Kinder ist für die Familien allerdings nicht nur emotional und organisatorisch ein Umbruch, sondern auch finanziell eine Herausforderung. Mit dem Umzug meiner Tochter in die Einrichtung fielen deren Pflegegeld und Grundsicherung weg. Doch unsere Kosten blieben fast gleich, weil wir den Wohnraum für ihre Wochenendbesuche aufrecht erhalten mussten. Ich hätte direkt ein entsprechendes Erwerbseinkommen erwirtschaften müssen. Wenn mein Partner mich finanziell in dieser Zeit nicht unterstützt hätte, wäre das Referendariat, das mir eine langfristige berufliche Perspektive eröffnet hat, nicht drin gewesen, berichtet Helga Kiel.

Berufliche Pläne werden Wirklichkeit

Mit ihrem Referendariat wagte Helga Kiel den Sprung ins kalte Wasser. Doch es gelang ihr, ihre beruflichen Pläne zügig Wirklichkeit werden zu lassen. Kurz nach ihrem 50sten Geburtstag bestand sie das zweite Staatsexamen. Nach dem Motto „ich bin zwar alt aber gut“ bewarb sie sich um eine Stelle als Berufsschullehrerin und hatte Erfolg. Aus der zunächst befristeten wurde schnell eine unbefristete, aus der Teilzeit- eine Vollzeit-Stelle. Als Studienleiterin bildet sie heute selbst Referendarinnen und Referendare aus.

Erfolg in Familie, Beruf und Ehrenamt

Helga Kiel ist zu Recht stolz auf das, was sie geleistet hat – in der Familie, im Beruf und im Ehrenamt: Es hat sich gelohnt, dass ich bei den Therapien für meine Kinder nie nachgelassen habe, bis sie erwachsen waren. Heute können sie beide laufen. Das hätten die Ärztinnen und Ärzte nicht für möglich gehalten. Dieser Erfolg macht mich zufrieden. Dass ich in meinem Alter außerdem so gut beruflich wieder durchstarten konnte, der Beruf mir so viel Spaß macht, ich finanziell unabhängig bin und für mein Alter vorsorgen kann, macht mich ebenfalls stolz.

Für ihr ehrenamtliches Engagement auf kommunaler, Landes- und später auch Bundesebene erhielt sie 2012 von Bundespräsident Joachim Gauck den Bundesverdienstorden. 

Viele Wege führen zum Ziel

Frauen, die in ähnlichen Situationen wie sie den beruflichen Wiedereinstieg angehen wollen, rät Helga Kiel, sich nicht entmutigen zu lassen. Holen Sie sich Unterstützung für die häuslichen Pflegeaufgaben, sagt sie. Das muss nicht viel kosten und es gibt finanzielle Unterstützungen. Vielfach stehen auch Ehrenamtliche zur Verfügung, die helfen können. Fragen Sie in der Nachbarschaft, bei der Kommune oder bei Kirchengemeinden und bleiben Sie dran, auch wenn es nicht gleich klappt. Außerdem meint sie, sei es wichtig, flexibel zu bleiben und sich verschiedene Möglichkeiten für die Rückkehr ins Berufsleben offen zu halten: Wenn Sie auf die eine Weise nicht weiterkommen, dann überlegen Sie, wie Plan B aussehen könnte. Unsere Erfahrungen im bvkm zeigen: Wer wirklich beruflich wieder aktiv werden will, findet Wege zum Ziel.

Links:

Bundesverbands für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (bvkm)
Website

Ordensverleihung zum Tag des Ehrenamtes
3. Dezember 2012, Information auf der Website des Bundespräsidenten

Weitere Informationen zum Berufsfeld „Lehre in beruflichen Schulen":

Lehrer/in - berufliche Schulen
Informationen auf BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit

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