Wie aus Strandgut Kunst wird

Nicole Kohröber, Restaurantmeisterin, 44 Jahre, Mutter einer elfjährigen Tochter, berichtet über Meilensteine und Hürden, die sie nehmen musste, um ihren beruflichen Wiedereinstieg in die Selbstständigkeit zu verwirklichen. Unterstützt wurde sie auf diesem Weg vom Institut für Modelle beruflicher und sozialer Entwicklung (IMBSE) GmbH. Seit 2009 ist das Institut Träger im ESF-Bundesprogramm „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“.

Foto: Von links nach rechts -  Sabrina Malchow, Nicole Kohröber

Nach der Familienphase hatte ich 2019 die Idee, mich selbstständig zu machen. Zunächst wusste ich noch gar nicht genau, mit welcher Idee ich gründen sollte, bis ich während meiner Spaziergänge meine Sammelliebe für Strand- und Naturgut wiederentdeckt habe. Mir wurde klar, dass ich etwas Kreatives, wie z. B. ein Kreativcafé oder eine Kreativwerkstatt machen möchte.

IMBSE: Coaching hilft Idee zu konkretisieren

Ich erinnerte mich an das IMBSE. Dort wurde ich im Jahr 2009 schon einmal in einem anderen Projektzusammenhang beraten. Ich nahm Kontakt zu Frau Woisin auf. In mehreren Gesprächen mit ihr wurde mein Ziel immer deutlicher. Ich wollte für die Gemeinde Sternberg einen Ort schaffen, an dem Menschen gemeinsam kreativ sein, frühstücken, Kleinigkeiten zum Mittag bzw. Kaffee und Kuchen in einem tollen Ambiente genießen können. Um meinen Plan zu verwirklichen, folgten weitere Gespräche bei der Existenzgründungsberatung der Industrie und Handelskammer (IHK) sowie mit Frau Woisin vom IMBSE. Sie begleitete und coachte mich für ein halbes Jahr auf meinem Weg in die Selbstständigkeit im Rahmen des Projektes „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen“.

Kreativphase startet

Auch meine beste Freundin Sabrina entdeckte ihre künstlerische Ader wieder. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Sie begann zu malen, ich fertigte Bilder aus dem Material meiner vielen Strand- und Naturspaziergänge. Zuerst verschenkten wir unsere Kunstwerke an Freundinnen, Freunde und Bekannte. Wir erhielten viel positives Feedback, sodass Frau Woisin uns den Tipp gab, uns beim „Kreativhof“ in Schwerin anzumelden. Als Frauen der Tat setzten wir diese Idee sofort um, wurden aufgenommen und meldeten unser Gewerbe als Nebenerwerb an.

Um ein vielfältiges Angebot unserer Kunst präsentieren zu können, hieß es für uns: Malen und Basteln so viel es geht. Der Tag auf dem Kreativhof selbst brachte uns viel positiven Zuspruch und Freude am Verkauf unserer Kunst. Kurz nach der Teilnahme am „Kreativhof“ wurden wir zu einem weiteren Event in Sternberg eingeladen. Unternehmerinnen und Unternehmer im Zentrum Sternbergs bieten regelmäßig einen gemütlichen Abend mit Shopping, Unterhaltung und der Sorge für das leibliche Wohl an. Natürlich stimmten wir zu. Es war ein sensationeller Abend, mit einer tollen Betreuung der Gastgeberin, netten Begegnungen mit wundervollen Menschen, die unsere Kunst sehr lobten. Wir verkauften beide jeweils unser Lieblingsbild.

Der Berufung ein Stück näher

Der 26. Juni 2019 sollte ein entscheidender Tag für meine Berufung werden. Meine Tochter wurde zehn Jahre alt. Sie wünschte sich einen Workshop mit ihren Mädels. Ziel war es, dass jede ihrer Freundinnen ein selbstgebasteltes Bild mit nach Haus nehmen konnte. Es sind sehr schöne Bilder entstanden. Meine Workshops erlebten ihre Geburtsstunde.

Hürde im Wiedereinstiegsprozess taucht auf

Im Sommer besuchte ich ein Existenzgründungsseminar bei der Handwerkskammer zu Schwerin. Es war sehr lehrreich. Meine Hauptaufgabe bestand jetzt darin, mit der Unterstützung eines Unternehmensberaters mein Konzept zu schreiben sowie einen Termin mit der Bank zu vereinbaren, um eine Finanzierung für das Inventar des Kreativcafés zu organisieren. Vier Wochen später hatte ich meinen Banktermin, der leider negativ für mich ausfiel. Das Konzept schien für Sternberg nicht tragfähig genug. Nach dieser Absage versuchte ich noch meine Kosten zu reduzieren, um den Kredit zu erhalten, aber er blieb mir verwehrt.

Ausdauer ist gefragt

Aufgeben wollte ich nicht, ich folgte meinem Herzen und überlegte neu, was ich wirklich will. Die Antwort war schnell gefunden: Ich möchte kreativ sein, Kunst entstehen lassen, Aufträge annehmen, sie umsetzen und anderen Menschen in Workshops das Thema Kunst näher bringen. In dieser Findungsphase waren Steine, Seeglas, Muscheln und Treibholz meine Kraftquelle – beim Sammeln ebenso wie beim Legen der Bilder.

Vorhaben gescheitert?

Im Herbst hieß es dann allerdings für mich erst einmal wieder Bewerbungen zu schreiben. So schwer ist es mir nie zuvor in meinem Leben gefallen, mein Herz war nicht dabei. Dennoch wurde ich schnell zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Aber schon beim Ankleiden für dieses Gespräch fühlte sich meine Garderobe nur schwer an. Das kannte ich vorher nicht – denn diese Anzüge trug ich früher immer bei der Arbeit. Parallel zu den Bewerbungen baute ich allerdings meine Geschäftsidee mit den Workshops, dem Verkauf meiner Kunst zusammen mit Sabrina auf unterschiedlichen Advents-, Kunst- und Handwerkermärkten weiter aus.

Beratung bei der Agentur für Arbeit ermöglicht nächsten Meilenstein

Im Januar 2020 schilderte ich meiner Beraterin bei der Arbeitsagentur erneut meine Geschäftsidee und berichtete ihr von meinen bisherigen Erfolgen. Ich konnte sie überzeugen und erhielt einen Gutschein zur individuellen Beratung und Weiterbearbeitung meines Konzeptes. Gemeinsam mit der Beraterin entstand innerhalb kürzester Zeit mein neues Konzept. Es schrieb sich plötzlich ganz von selbst und leicht. Allerdings brachte mir die Entwicklung meines Logos so einige schlaflose Nächte. Ich träumte sogar davon. Endlich ergab sich schließlich mein Lieblingsmotiv, die Seiltänzerin mit Herzhänden und tanzend am Strand. Meine Logo-Idee war geboren!

Gut vernetzt geht manches leichter

Ende Dezember 2019 fragte mich Kathrin Walker von der Walking Spoon Bildgravur, ob ich noch auf der Suche nach geschäftlichen Räumlichkeiten in Sternberg wäre. Ich überlegte nicht lange, denn ich war noch immer auf der Suche nach einem festen Standort für meine Kunst. Gemeinsam richteten wir – vorerst gedanklich – unseren gemeinsamen Ort, die „Künstlerstube“ ein. Ab Mitte Februar 2020 bestellten wir dann unser Inventar bzw. fuhren gemeinsam für die „Künstlerstube“ einkaufen. Außerdem planten wir unsere Schaufensterwerbung. Es lief alles nach Plan – vorerst.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt

Die Corona-Pandemie stoppte plötzlich jegliches Vorhaben. Erst schlossen die Schulen und Kindertageseinrichtungen, dann alle nicht systemrelevanten Geschäfte und Einrichtungen. Eröffnungen und Veranstaltungen wurden aufgrund der Kontaktsperre gestrichen. In Vorbereitung auf meine Vollselbstständigkeit kam jetzt auch noch die Aufgabe der Schul- und Ganztagsbetreuung meiner Tochter hinzu. Der Fokus bezüglich der Vereinbarkeit von Selbständigkeit und Familie musste neu justiert werden. Unsere Welt stand und steht immer noch Kopf. Die geplante Eröffnung Anfang April 2020  wurde somit auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch die schon vereinbarten Verkaufs- und Workshop-Termine mussten abgesagt werden.

Geschafft!

Ende April konnten Sabrina und ich endlich unsere Kunst in der „Künstlerstube“ ausstellen. Unsere Werke sind jetzt wieder nebeneinander vereint  – so wie im letzten Jahr an unseren Verkaufsständen. Nach der Lockerung der Maßnahmen konnten wir dann auch zum ersten Mal die Tür für unsere Kundinnen und Kunden öffnen. Unsere Kunst wird jetzt verkauft und wir freuen uns auf Ihren Besuch bei uns in Sternberg.

Internetseite: Naturliebhaberin

Hintergrund

Das Projekt „Perspektive Wiedereinstieg Westmecklenburg“ wird im Rahmen des ESF-Bundesprogramms „Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen durch das Bundesministerium für Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und den Europäischen Sozialfond gefördert. Dieses ESF-Programm wird in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen des Aktionsprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ umgesetzt.

Links:

IMBSE - Perspektive Wiedereinstieg – Potenziale erschließen - Westmecklenburg”

IMBSE – Videos: Wiedereinstieg kann gelingen!

IMBSE – Erfolgsgeschichten verschiedener Teilnehmerinnen

BMFSFJ – Wiedereinstiegsrechner

Internetseite: Naturliebhaberin

perspektive-wiedereinstieg.de

ESF-Standorte

Galerie Erfolgsgeschichten

Galerie Gründungsgeschichten

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Foto: © Maybritt Kohröber

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