Interview: Comenius-EduMedia-Siegel für „Perspektive Wiedereinstieg“-Online

Das virtuelle Fortbildungsangebot „Perspektive Wiedereinstieg“-Online erhielt im Juni 2014 in Berlin eines der renommierten Comenius-EduMedia-Siegel. Im Interview berichten die Initiatorinnen und Initiatoren des aus dem europäischen Sozialfonds geförderten Projekts, Sabine Christen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Eva Peters, Heidi Holzhauser und Uwe Kohnle von der Bundesagentur für Arbeit darüber, was das „Perspektive Wiedereinstieg“-Online-Angebot besonders auszeichnet.

Preisverleihung Comenius-EduMedia-Siegel

perspektive-wiedereinstieg.de: Was ist ein Comenius-EduMedia-Siegel und welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für das ESF-Modellprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“?

Eva Peters: Das Comenius-EduMedia-Siegel ist eine internationale Auszeichnung, die von der Gesellschaft für Pädagogik und Information e.V. (GPI) vergeben wird. Es handelt sich um einen der bedeutendsten Preise für didaktische Multimedia-Produkte. Das Niveau der Einreichungen ist bekanntermaßen hoch. Es ist daher ein Qualitätsnachweis, eine Comenius-EduMedia-Auszeichnung vorweisen zu können. Dass wir dieses Siegel für „Perspektive Wiedereinstieg“-Online erhielten, ist schon etwas ganz Besonderes. Es honoriert das hohe Engagement aller an der Entwicklung des Projekts Beteiligten, die sich damit sehr erfolgreich auf ein neues Terrain begeben haben.

„Perspektive Wiedereinstieg“-Online ist ein Angebot im Rahmen des aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Modellprogramms „Perspektive Wiedereinstieg“ des Bundesfamilienministeriums und der Bundesagentur für Arbeit. Es wird von unterschiedlichen Trägern an verschiedenen Standorten im Bundesgebiet umgesetzt. Die Fachleute dort begleiten Frauen und Männer nach mehrjähriger Familienphase beim Prozess des Wiedereinstiegs in den Arbeitsmarkt. Individuelles Coaching und ein Kursangebot, das zum Beispiel Computerseminare, Bewerbungstrainings, Kurse zu betriebswirtschaftlichen Grundlagen, Projektmanagement oder Zeit- und Selbstmanagement umfasst, gehören dazu. Die Verlegung von Seminaren in den virtuellen Raum macht es möglich, verschiedene Fortbildungsangebote unterschiedlicher Modellstandorte allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Programm bundesweit zugänglich zu machen. In die Online-Angebote aufgenommen wurden auch die bewährten Module der Lernbörse, die von der Bundesagentur für Arbeit seit Jahren den Kundinnen und Kunden der Agenturen für Arbeit und Jobcenter als Selbstlernangebote zur Verfügung gestellt werden. Das Comenius-EduMedia-Siegel bescheinigt auch die hohe Qualität dieser Fortbildungen. 

perspektive-wiedereinstieg.de: Wodurch konnte sich „Perspektive Wiedereinstieg“-Online aus Ihrer Sicht im internationalen Wettbewerb um die Comenius-EduMedia-Auszeichnungen behaupten?

Eva Peters: Uns ist es gelungen, das Angebot sehr gut auf die Zielgruppe der beruflichen Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger zuzuschneiden und es professionell umzusetzen. Darüber hinaus ist Folgendes bemerkenswert: Anders als andere sogenannte Blended-Learning-Szenarien, die unterschiedliche Lernformen kombinieren, verzichtet „Perspektive Wiedereinstieg“-Online komplett auf Präsenzveranstaltungen. Dadurch lernen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausschließlich über das Netz kennen. Kann es so gelingen, eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen, in der auch individuelle Beratung und erfolgversprechendes Coaching möglich sind? Zugegeben: Wir waren skeptisch, aber inzwischen wissen wir: Die Antwort lautet „ja“.

Unser Projekt hat zwar bislang eine begrenzte Reichweite, ist aber inhaltlich sehr komplex und hat aus unserer Sicht das Potenzial, eine große gesellschaftliche, arbeitsmarkt- und gleichstellungspolitische Wirkung zu entfalten. Viele unterschiedliche Beteiligte aus dem ganzen Bundesgebiet müssen dafür eng zusammenarbeiten. Dass das so gut klappt, zeichnet „Perspektive Wiedereinstieg“-Online sicherlich ebenfalls aus.

Heidi Holzhauser: Ein Aspekt, der mir außerdem wichtig erscheint, ist, dass das Angebot für unsere Zielgruppe vielfach eine Bedeutung hat, die weit über den Erwerb von Wissen hinausreicht. Ich konnte das gut bei Alleinerziehenden beobachten, die teilweise wenig mobil sind und die über diese Lernform überhaupt erst die Möglichkeit erhielten, an einer Fortbildung teilzunehmen. Die Arbeit in der Gruppe brachte ihnen neue soziale Kontakte und motivierte sie, am Ball zu bleiben.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Erfahrungen haben Sie bei der Umsetzung gemacht?

Heidi Holzhauser: Wir waren zunächst unsicher, ob unser Konzept überhaupt aufgehen würde. Wir wussten nicht, ob die Träger – eigentlich Wettbewerber am Markt – bereit sein würden, ihre Seminarinhalte und -konzepte zu teilen. Außerdem haben wir es mit einer Zielgruppe zu tun, die teilweise nicht sehr computeraffin ist: Würden berufliche Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger sich auf diese Lernform einlassen? In beiden Fällen waren wir positiv überrascht – sowohl von dem großen Engagement der Träger als auch von der hohen Nachfrage durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Uwe Kohnle: Die Rückmeldung, die uns die Online-Seminar-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer gaben, war durchweg positiv. Ausschlaggebend dafür war sicherlich, dass wir uns für eine Software entschieden haben, die sehr gut zu unseren Zielsetzungen und mit ihrer optischen Nähe zur „realen“ Welt zu unserer Zielgruppe passte. Mindestens genauso wichtig war es, E-Tutorinnen und E-Tutoren auszubilden. Schulungen versetzten sie in die Lage, die Möglichkeiten der Software zu nutzen und ihre Lehrpraxis darauf abzustimmen, denn der virtuelle Raum erfordert eine eigene Didaktik: Im virtuellen Klassenzimmer sehen die Dozentinnen und Dozenten die eventuell fragenden oder gelangweilten Gesichter ihres Publikums ja nicht und verlieren sie schnell, wenn sie sie nicht immer wieder ansprechen. In unserem PWE-Online-Angebot können die Lehrenden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Beispiel dazu animieren, bildlich den Finger zu heben, Kommentare zu schreiben oder eine Applausfunktion zu aktivieren und ihnen mit solchen Zwischenmeldungen Orientierung für den weiteren Unterrichtsverlauf geben.

Heidi Holzhauser: Der Einstiegskurs „StartKlar!“ – ebenfalls online – macht die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Lernbeginn mit den Möglichkeiten vertraut, die die Lernplattform und das virtuelle Klassenzimmer bieten. Eventuell vorhandene Berührungsängste mit dem Medium waren auf diese Weise sehr schnell verschwunden. Auch die Begleitung in technischen Fragen funktioniert wunderbar. Wer aus irgendeinem Grund die Lernplattform bzw. das virtuelle Klassenzimmer nicht erreicht, kann eine Notfall-Telefonnummer wählen und bekommt sofort Unterstützung. In allen bisher aufgetretenen Fällen konnte das Problem direkt gelöst werden. 

perspektive-wiedereinstieg.de: Wie geht es für das Modellprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“ und das dazu gehörige Online-Lernangebot weiter?

Sabine Christen: Zusammen mit dem ESF-Modellprogramm wird auch „Perspektive Wiedereinstieg“-Online bis zum Jahresende 2014 weiter angeboten. Für die Fortführung des Programms mit neuen thematischen Schwerpunkten ab 2015 ist das Online-Lernangebot ebenfalls als wichtiger Baustein eingeplant. Wir wollen diese virtuellen Seminare bedarfsgerecht weiter ausbauen. „Selbstständigkeit“ oder „Pflege“ sind zum Beispiel weitere Themen, zu denen es für interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer an „Perspektive Wiedereinstieg“ voraussichtlich Online-Schulungen bzw. -Beratung geben wird.

perspektive-wiedereinstieg.de: Welche Bedeutung haben die Erfahrungen im Pilotprojekt „Perspektive Wiedereinstieg“-Online für eventuelle weitere Entwicklungen im Bereich des Online-Lernens bei der Bundesagentur für Arbeit?

Eva Peters: Für die Bundesagentur für Arbeit ist es wichtig, in solchen Pilotprojekten die Möglichkeiten des Online-Lernens weiter zu erkunden und Erfolgsfaktoren herauszuarbeiten. Die Erkenntnisse aus „Perspektive Wiedereinstieg“-Online bestärken uns darin, das Thema voranzutreiben. Diese Angebotsform macht zum Beispiel sehr spezielle Angebote möglich, für die sich in Präsenzveranstaltungen selbst in Großstädten nicht genügend Interessierte finden würden. Außerdem stützen die Projektergebnisse Pläne, auch Beratungs- und Coaching-Angebote zunehmend im virtuellen Raum anzubieten. Nutzerinnen und Nutzer können dann zeitlich und räumlich flexibler darauf zugreifen. 

Künftige Generationen werden Online-Lernangebote ganz selbstverständlich einfordern. Das hat die Preisverleihung der Comenius-EduMedia-Auszeichnung noch einmal deutlich gemacht: Dort war eine „Gemeinde“ versammelt, für die es außer Frage steht, dass Online-Lernen der Weg der Zukunft ist. Als Bundesagentur für Arbeit sind wir gefordert, am Ball zu bleiben und die Entwicklung mit zu gestalten.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank Ihnen allen für das aufschlussreiche Gespräch.

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Foto: BMFSFJ / Kuhnle

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