Hohe Auszeichnung für "Perspektive Wiedereinstieg": Ein Interview mit Sabine Christen und Eva Peters

Die "Public Service Awards" (Preise für öffentliche Dienstleistungen) der Vereinten Nationen (United Nations, UN) sind die renommiertesten Auszeichnungen für öffentliche Initiativen. 2013 erhielt das Aktionsprogramm "Perspektive Wiedereinstieg“ den ersten Preis in der Kategorie "Geschlechtersensible Erbringung öffentlicher Dienstleistungen". Sabine Christen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Eva Peters von der Bundesagentur für Arbeit nahmen die Auszeichnung im Rahmen eines viertägigen Kongresses der Vereinten Nationen (UN) im Königreich Bahrain entgegen. Im Interview berichten sie davon.

Sabine Christen und Eva Peters bei der Preisverleihung, Foto: UN

perspektive-wiedereinstieg.de: Können Sie uns erläutern, wofür und mit welchem Ziel die "Public Service Awards“, also die Preise für öffentliche Dienstleistungen, von den Vereinten Nationen (UN) vergeben werden?

Sabine Christen: Die UN riefen diesen Preis 2003 ins Leben und vergeben ihn seither jährlich. Es handelt sich um den angesehensten Preis für herausragende Leistungen im öffentlichen Sektor. Die Auszeichnung geht an öffentliche Institutionen oder im öffentlichen Auftrag arbeitende Unternehmen oder Organisationen, die kreative Lösungen umsetzen, um ihre Angebote zu verbessern und sie auf zielgruppenspezifische Bedarfe von Bürgerinnen und Bürgern auszurichten. Durch die Auszeichnung werden solche guten Ansätze bekannter gemacht, sollen national sowie international Nachahmerinnen und Nachahmer finden und die im öffentlichen Auftrag Beschäftigten motivieren, weiter innovativ zu sein und neue Lösungen zu entwickeln.

Eva Peters: Behörden können sich nicht selbst um die Auszeichnung bewerben. Sie müssen von einer anderen Institution dafür vorgeschlagen werden. Im Falle von "Perspektive Wiedereinstieg" hatte Professorin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, den Vorschlag unterbreitet. 2013 gingen bei der UN über 600 Vorschläge ein – ein Grund mehr, sich zu freuen und auch ein bisschen stolz zu sein. Vergeben werden Preise in fünf Kategorien sowie in fünf Kontinentalgruppen. Wir haben mit "Perspektive Wiedereinstieg" den Award für die Kontinentalgruppe Nordamerika-Europa in der Kategorie "Geschlechtergerechte Erbringung öffentlicher Dienstleistungen" erhalten. In der Vergangenheit waren erst zweimal deutsche Initiativen unter den Preisträgerinnen und Preisträgern.

perspektive-wiedereinstieg.de: Sie haben das Aktionsprogramm "Perspektive Wiedereinstieg“ anlässlich dieser Auszeichnung einem großen internationalen Publikum vorgestellt. Wie waren die Reaktionen?

Eva Peters: In unserem Vortrag haben wir zunächst einmal die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Erwartungshaltungen in Deutschland geschildert: Die typische Rollenverteilung, die erst langsam aufbricht, die Selbstverständlichkeit, mit der erwartet wird, dass Mütter für ihre Familie beruflich zurückstecken und oft viele Jahre lang komplett auf eine Erwerbstätigkeit verzichten. Kein Wunder, dass es anschließend vielen schwerfällt,  wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Das Programm „Perspektive Wiedereinstieg“ unterstützt sie in dieser Situation mit individuellem Coaching. Und die Website perspektive-wiedereinstieg.de bietet vielfältige Informationen sowie Datenbanken mit Beratungsstellen und Veranstaltungen speziell zum Thema beruflicher Wiedereinstieg.

Sabine Christen: Einige unserer Gesprächspartnerinnen und -partner waren doch sehr überrascht, dass Frauen in Deutschland diese Probleme haben. Wir waren außerdem erstaunt, wie sehr manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer die geschilderte Situation aus dem eigenen Land wiedererkannten. Eine alleinerziehende 30-jährige Unternehmerin aus Bahrain betonte das zum Beispiel. Wir merkten, wie doch jede bzw. jeder ein bestimmtes Bild von den Lebensbedingungen in den anderen Ländern im Kopf hat. Durch den persönlichen Austausch wurden solche Klischees stark relativiert.

Eva Peters: Uns haben die unterschiedlichen Themenstellungen der ausgezeichneten Initiativen und ihrer Engagement für Geschlechtergerechtigkeit sehr beeindruckt. In Südafrika fallen zum Beispiel viele Frauen in existenzbedrohende Armut, weil ihnen die nötigen Ausweispapiere fehlen, um Sozialleistungen beantragen zu können. Eine Kampagne soll das ändern. Außerdem wurde ein ägyptisches Programm vorgestellt, das dazu beiträgt, die extrem hohe Brustkrebssterblichkeit im Land zu senken. Dagegen erschien uns das Thema beruflicher Wiedereinstieg als „Luxusproblem“, aber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in unserem Workshop diskutierten unser Thema mit großem Interesse und schienen unsere Einschätzung nicht zu teilen.

perspektive-wiedereinstieg.de: Das Programm „Perspektive Wiederanstieg“ und die anderen von Ihnen erwähnten Projekte erhielten die Auszeichnung in der Kategorie „Geschlechtersensible Erbringung öffentlicher Dienstleistungen“. Ist das gleichzusetzen mit Frauenförderung?

Eva Peters: Nein, das wäre ein Missverständnis. Das machte die Diskussion in Bahrain deutlich. Es ging immer auch um die Frage, mit welchen Zuschreibungen Frauen und Männer aufgrund ihres biologischen Geschlechts konfrontiert sind und was das für Folgen für sie hat. Mangelnder gesellschaftlicher Respekt gegenüber Frauen führt zum Beispiel in manchen Ländern dazu, dass sich viele von ihnen selbst nicht wertschätzen und nicht gut für sich sorgen, weil sie der Ansicht sind, dass ihnen „von Natur aus“ nur ein Platz in der zweiten Reihe zustehe. Im Zusammenhang mit unserem Programm leuchtete daher vielen am Workshop Beteiligten ein, wie wichtig es ist, Frauen bereits frühzeitig ansprechen, um sie überhaupt dafür zu sensibilisieren, in die eigene Zukunft zu investieren. Wir wollen Frauen dazu inspirieren, sich die Frage zu stellen, ob ihr aktuelles Lebensmodell den eigenen Wünschen und Zielen entspricht oder ob sie es eher aufgrund geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen gewählt haben. 

Sabine Christen: Eng damit verknüpft ist unser Ansatz, Fragestellungen des beruflichen Wiedereinstiegs nicht isoliert zu betrachten, sondern Partner bzw. Partnerinnen und Kinder einzubeziehen. Das ist im Programm „Perspektive Wiedereinstieg“ unter anderen ein wichtiger Erfolgsfaktor. In vielen der ausgezeichneten Projekte spielte dieser systemische Ansatz ebenfalls eine große Rolle.

perspektive-wiedereinstieg.de: Am zweiten Kongresstag nahmen Sie an einem Workshop der UN-Frauenorganisation UN Women zum Thema Gender Budgeting teil. Was bedeutet dieser Begriff und was haben Sie aus dem Workshop mitgenommen?

Sabine Christen: Beim Gender Budgeting geht es darum, Einnahmen und Ausgaben der öffentlichen Hand so zu strukturieren, dass sie die Geschlechtergerechtigkeit fördern. Das heißt, dass zum Beispiel bei jeder Ausgabe nachgewiesen werden muss, wie sie sich auf die Lebensverhältnisse von Frauen und Männer auswirkt. In Deutschland herrscht bislang eher Skepsis gegen diesen Ansatz. Ein Vortrag aus Österreich zeigte jedoch, wie sich Gender Budgeting zielführend umsetzen lässt.

Eva Peters: Ja, in Österreich muss jedes Ministerium einen geschlechtergerechten Haushalt  nachweisen. Das ist einfach eine Setzung – mit positiven Folgen. Zum Beispiel stieg die Zahl von Frauen in den Aufsichtsräten. Das hat uns sehr überzeugt. In Deutschland könnte das auch funktionieren.

perspektive-wiedereinstieg.de: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Frau Christen und Frau Peters.

 

Links:

„’Perspektive Wiedereinstieg’ erhält Preis der Vereinten Nationen“, Presseinformation des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 27.06.2013

United Nations Public Service Awards, Informationen auf der Website des UN Public Administration Programme (auf englisch) 

2013 United Nations Public Service Forum, Kingdom of Bahrain, Informationen zu Preisverleihung 2013 auf der Website des UN Public Administration Programme (auf englisch)

Foto: UN

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